In der Graphic Novel „Unfollow“ können Menschen die Natur nicht retten

Dabei helfen im Buch weder Digitalisierung noch Aktivismus. Aber ist so viel Pessimismus angebracht?
Von Caroline Kunz
graphic novel unfollow cover

Illustration: Lukas Jüliger/Reprodukt

Eine Meditationsapp, damit die Menschen sich auf das Wichtige rückbesinnen. Und eine Öko-Kommune als Pause von der freien Marktwirtschaft. Beide sind Ideen, mittels derer ein Junge namens „Earthboi“ – der menschgewordene Sohn der Natur – seinen Follower*innen beibringen will, wieder im Einklang mit der Natur zu leben. Der 31-jährige Illustrator Lukas Jüliger nimmt die Leser*innen in seiner neuen Graphic Novel „Unfollow“ mit auf Earthbois Odyssee durch die (Un-)Belehrbarkeit der Menschheit.

Die fiktionale Geschichte ist nah dran an der Realität. Der Unterschied zur Wirklichkeit ist die Existenz von Öko-Messias Earthboi. Er wächst in einem Pflegeheim auf. Die Kinder, die er dort trifft, sind die Erzähler der Geschichte. Gemeinsam mit ihnen will er die Menschen vor sich selbst retten.

Das ist notwendig, denn die menschgemachte Klimaerwärmung ist die omnipräsente Bedrohung der Geschichte. Aber gegen die Natur des Menschen helfen Earthbois Ideen erst mal nichts. Der Mensch gilt für Earthboi als unveränderbar und der Planet daher als unrettbar. Aber ist dieser Pessimismus wirklich angebracht? Schließlich arbeiten auch in unserer Realität derzeit unzählige Menschen daran, Klimagerechtigkeit herzustellen. Ein stumpfes „wir schaffen das eh nicht, weil der Mensch einfach böse ist“ greift zu kurz.

Wir müssen nicht das Klima retten, sondern uns selbst

Werkzeuge wie Apps könnten dabei tatsächlich Teil der Lösung sein: Apps für Carsharing-Dienste oder smarte Heizsysteme können für mehr Effizienz sorgen. Man sollte nur nicht vergessen, dass eine Digitalisierung, die nicht nachhaltig gestaltet wird, die Klimaerwärmung anheizen kann. Selbst wenn unsere Abläufe mittels Technologie noch so effizient werden, ändert diese Entwicklung allein nichts daran, dass der Kapitalismus die Wirtschaft zum Wachstum zwingt. Bezüglich der Klimakrise bedeutet das: Wir müssen nicht primär das Klima, die Eisbären oder die Gletscher retten. Sondern uns selbst. 

Bedrückend ist aber, wie nah Earthbois Lösungsansätze an der Realität sind. Zunächst soll nämlich die Digitalisierung alle retten. Earthboi spricht jeden Morgen seine Botschaft an die Menschheit in eine App ein. Seine Follower*innen können sie sich direkt auf dem Handy anhören und sollen sich wieder auf das Wesentliche – also das Leben mit der Umwelt anstatt gegen sie – konzentrieren. Mensch versus Umwelt? Der Gegensatz, den der Autor hier aufmacht, ergibt nur bedingt Sinn. Schließlich sind wir keine Lebewesen, die abgekapselt von Ökosystemen existieren können. Wir sind zwar anders als Tiere zu Kultur fähig, aber kulturelle Wesen können wir nur in Abhängigkeit von unserer ökologischen Umwelt sein. 

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© Lukas Jüliger/Reprodukt

Pessimismus ist keine Lösung

Pessimismus ist beim Kampf für Klimagerechtigkeit nicht hilfreich – und blendet auch die Erfolge des zivilgesellschaftlichen Protests seit den 70ern aus. Auch in der Novel kommt dieser tatsächlich vor, hat allerdings keinen richtigen Erfolg. Eine Grafik erinnert an die Proteste rund um den Hambacher Forst: im Vordergrund Baumhäuser, im Hintergrund Kohlebagger. Hier stehen sich der Profit von Energiekonzern RWE und die Zerstörung der Natur gegenüber. Der Wald sollte abgeholzt werden, um die darunter liegende Braunkohle freizulegen. Aktivist*innen verteidigen den Wald seit Jahren indem sie in ihm wohnen. 2018 demonstrierten am „Hambi“ rund 50 000 Menschen für den Erhalt des Forsts. Mit Erfolg. Das Oberverwaltungsgericht Münster beschloss 2018, dass die Rodung gestoppt werden muss. Diese Entscheidung wurde von der Kohlekommission untermauert: Teil ihres Kompromisses ist, dass der Hambacher Forst nicht gerodet werden darf. Seither ist der „Hambi“ in der Klimagerechtigkeitsbewegung ein Symbol für Erfolg. Und ein neues Symbol dafür, dass zivilgesellschaftlicher Protest etwas bringt. 

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© Lukas Jüliger/Reprodukt

Viele Antworten auf die Klimafrage kennen wir bereits, wir müssten sie nur umsetzen. Das Rot, in dem circa 90 Prozent der Illustrationen gehalten sind, vermittelt offensiv: Wir stecken mittendrin in der Apokalypse und es gibt keinen Ausweg. Da hilft keine App, kein Ökodorf. Lukas lässt die Leser*innen spüren, dass die Klimakrise zu komplex für einfache Antworten ist. „Ich glaube eigentlich, dass Menschen die Welt retten können“ sagt er im Gespräch mit jetzt. In „Unfollow“ habe er seine Frustration verarbeitet. 

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© Lukas Jüliger/Reprodukt
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