Können Bands nachhaltig touren?

Konzerte abzusagen, kann ja nicht die Lösung sein. Oder? Wir haben einen Experten gefragt.
Von Niko Kappel
green touring

Illustration: Federico Delfrati

Coldplay haben im November 2019 ihre erwartete Welttournee abgesagt. Vorerst. Sie wollen laut eigener Aussage erst dann wieder auf Tour gehen, wenn sie das klimaneutral hinbekommen. Konzerte sind bisher nämlich extrem umweltschädlich: Der Strom für die Bühne, die Reisen der Bands mit Crew und Equipment, die Anreise der Fans, Verpflegung, Merchandise und unnötiger Müll wie Plastikbecher oder Konfetti – all das schadet unserem Planeten. 

Bereits 2007 hat der Spiegel berechnet, wie viele Emissionen die Live Earth Konzerte, mit denen Spenden für den Umweltschutz gesammelt wurden, ungefähr verursacht hatten: bis zu 110 000 Tonnen an CO2. Zur vergangenen großen Coldplay-Tour kamen fünf Mal so viele BesucherInnen, wie für die Live Earth-Rechnung einkalkuliert worden waren. Der CO2 Ausstoß war bei Coldplay dementsprechend weitaus höher. Das Ziel der Band, bei der nächsten Tour alle Emissionen zu vermeiden, ist also durchaus lobenswert – aber ist es auch realistisch umsetzbar?

Der Energiewissenschaftler Michael Sterner hält das für ausgeschlossen. Er ist der Ansicht, dass eine Tournee nie emissionsfrei stattfinden kann. Sterner ist Mitglied von „Scientists for Future“ und selbst Musiker. Er hat den Benefiz-Song „Save this world“ komponiert und aufgenommen. Sterner sagt: „Es gibt bei einer Tournee nun mal Emissionen, die man nicht vermeiden kann. Aber deshalb muss man nicht auf sie verzichten.”

Tourneen sind heute die größte Einnahmequelle für Bands

Denn nicht nur für Fans, die ihre KünstlerInnen natürlich weiterhin live auf der Bühne sehen möchten, auch für die Bands selbst sind Tourneen wichtig. Sie sind die größte Einnahmequelle für MusikerInnen. Das zeigt eine Liste des Billboard Magazines mit den bestverdienensten Bands 2018. Auf Platz 1 stehen U2 mit 54,4 Millionen Dollar. Die Haupteinnahmequelle war ihre „eXPERIENCE + iNNOCENCE Tour“, die der Band 52 Millionen Dollar einspielte. Nur 2,2 Millionen Dollar brachten Streaming, Verkäufe und Gema-Einnahmen. So zieht sich das auch weiter durch die Liste: Tourneen machen bei den meisten KünstlerInnen auf der Liste mehr als 70 Prozent der Einnahmen aus.

Zwar lässt sich dieser Gewinn nicht komplett emissionsfrei einspielen – aber eindämmen lässt sich der Schaden für die Umwelt eben doch.

Billie Eilishs neue Tour soll  komplett frei von Verpackungsmüll aus Plastik sein. Außerdem soll es auf den Konzerten ein Umweltcamp geben, in dem die Fans über den Klimawandel informiert werden. Die britische Band The 1975, für deren kommendes Album Greta Thunberg das Intro eingesprochen hat, hat mittlerweile mehrere „Öko-Berater“ mit auf Tour. Die kümmern sich zum Beispiel darum, dass das Essen von Band und Crew regional und fair ist. Außerdem produzieren The 1975 seit 2019 keinen neuen Merchandise mehr. Die Fans können Second-Hand-Klamotten zu den Konzerten mitbringen, die dann an einem Stand mit Motiven der Band bedruckt werden. Die Band will außerdem für jedes verkaufte Ticket ihrer kommenden UK-Tour einen Baum pflanzen. 

Aber  was ist mit den Anreisen der Fans? Was ist mit dem Essen, das auf den Konzerten verkauft wird? Woher kommt der Strom für Musik und Bühnenshow? Dazu hat sich die Band bisher noch nicht geäußert.

Dabei gäbe es zumindest für die Stromversorgung von Konzerten Alternativen. Bisher werden zum Beispiel Festivals meist mit Dieselgeneratoren betrieben. Die blasen umweltschädliche Abgase in die Luft, ähnlich wie Dieselmotoren von Autos. Die EU subventioniert deshalb eine Alternative, die 2020 auf dem Wacken zum Einsatz kommen soll. Das Unternehmen „Everywh2ere” bietet ein portables Brennstoffzellensystem an, mit dem Festivals mit Strom aus Wasserstoff versorgt werden können. 

Es ist realisierbar, nachhaltig zu touren

Auch den CO2-Ausstoß beim Transport kann man nachträglich zumindest teilweise auszugleichen: „Herausgeblasenes CO2 von LKWs oder von Menschen bei der Anreise zu Konzerten kann man zumindest schätzungsweise berechnen und kompensieren, indem man in grüne Projekte investiert, die die Emissionen dann kompensieren“, sagt Sterner. Man könne mehr tun, als Bäume zu pflanzen, meint Sterner. „In der sogenannten dritten Welt kann man mit wenig Geld sehr viel CO2 ausgleichen. Zum Beispiel durch die Förderung von erneuerbaren Energien in Kenia oder oder nachhaltigeren Holzöfen in Indien.”

„Auch große Bands wie Coldplay würde es gerade mal einige Zehntausend Euro kosten, die ganzen Emissionen eines Konzerts auszugleichen, wovon der Löwenanteil auf An- und Abreise der Besucher entfällt“, schätzt Sterner. „Auf jeden Fall würden die Ausgaben für die Kompensation von Emissionen im Vergleich zu den Gesamteinnahmen einer Tour nicht ins Gewicht fallen.” 2018 waren Coldplay laut Billboard auf Platz zehn der bestverdienensten Bands. 22,3 Millionen Euro haben sie allein mit ihrer Tour verdient. Wenn Coldplay es ernst nehmen würde mit dem Klimaschutz, könnten die Band den größten Teil davon dafür spenden.

Klimaneutral zu touren, ist vermutlich nicht realisierbar. Aber nachhaltig touren schon. Es gibt viele Methoden, mit denen Bands und VeranstalterInnen etwas für die Umwelt tun können.  „Wenn eine Band sich für Klimaschutz einsetzen möchte, dann sollte sie das auch über Songtexte, Botschaften und Spenden tun”, sagt Sterner. Ein Tourverzicht ist für den Wissenschaftler keine Lösung.  „Wir alle wollen ja weiterhin Musik live hören. Aber damit wir das mit gutem Gewissen können, müssen Bands und Veranstalter mehr dafür tun.”

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