„Die Erde bebte und es begann, Steine zu regnen“

Philippiner*innen erzählen, wie sie den Ausbruch des Vulkans Taal erlebt haben.
Protokolle von Lara Thiede

Einheimische fotografieren den Taal.

Foto: Eloisa Lopez/Reuters

Seit Sonntag stehen kilometerhohe Rauchsäulen über dem philippinischen Vulkan Taal, die Gegend ist in Asche gehüllt. Auch die Metropolregion Manila, die etwa 70 Kilometer und zwei Autostunden entfernt ist, ist damit überzogen. Denn am vergangenen Sonntag ist der Vulkan erstmals seit 1977 wieder ausgebrochen, spuckte erst Asche, und am Montagmorgen schließlich auch Lava. Die philippinische Regierung befürchtet, dass es in den kommenden Stunden und Tagen noch weitere, größere Eruptionen geben könnte. Wir haben mit drei Philippiner*innen darüber gesprochen, wie sie den ersten Ausbruch erlebt haben und welche Konsequenzen er für sie hat.

 

„Die Asche blieb auf den Scheiben liegen und versperrte die Sicht“

Foto: Privat

Phoebe ist 37 Jahre alt und lebt in der Metropolregion Manila. Im Moment des Ausbruchs war sie mit ihrer Familie am Taal.

„Wir machen jeden Sonntag einen Ausflug zum Taal. Aber so haben wir den Ort noch nie gesehen: Es hing eine Rauchwolke über dem Vulkan, die immer dichter wurde. Wir freuten uns zunächst sogar darüber, denn der Rauch sah fast flauschig aus. Uns wurde aber schnell bewusst, dass hier etwas nicht stimmte. Immer mehr Dorfbewohner kamen zusammen und machten Fotos vom Vulkan. Das ist ungewöhnlich.

Nach Minuten war die Rauchwolke riesig und dunkel, um den Taal herum zuckten Blitze. Dazu kam sehr lauter Donner. Das war schon beängstigend. Wir beschlossen also, schnell zurück nach Manila zu fahren.

Am Sonntag und in der Nacht auf Montag konnte man von Tagaytay aus vulkanische Blitze sehen.

Foto: Getty Images/Ezra Acayan

Während der Fahrt brach der Vulkan aus. Die Erde bebte und es begann, kleine Steine zu regnen. Außerdem sah es aus, als würde Schlamm vom Himmel kommen. Als wir einmal kurz das Fenster aufmachten, roch es sofort nach Schießpulver. Die Straßen waren vollkommen überfüllt, es staute sich. Die Asche blieb auf den Scheiben liegen und versperrte die Sicht. Der Verkehr war daher eine Katastrophe. Zum Glück standen am Straßenrand immer wieder Menschen, die die vorbeifahrenden Autos mit Wasser abspritzten, sonst wären wir vermutlich nicht heil angekommen. Für die etwa 65 Kilometer nach Hause brauchten wir mehr als fünf Stunden.

Als wir in Metro Manila ankamen, hatten alle bereits Regenschirme aufgespannt, um sich vor dem Ascheregen zu schützen. Viele trugen Masken im Gesicht. Denn die Asche schränkt nicht nur die Sicht ein, in ihr befinden sich gefährliche Partikel, die unsere Lungen krank machen könnten. Ich wollte daher natürlich auch Masken besorgen. Solche Masken, die auch die feinen Aschepartikel nicht durchlassen. In den Läden waren sie bereits ausverkauft, ich fuhr also Krankenhäuser ab, wo die meisten aber auch schon vergriffen waren. Es war ein Segen für mich, wie hilfsbereit die Menschen in unserem Land sind: Eine Frau, die den letzten Pack bekommen hatte, gab ihn mir für meine Tochter mit, weil sie eine Lungenkrankheit hat.

Trotz der Asche trauen sich viele Philippiner*innen noch auf die Straße, wie hier in Tagaytay. Die meisten tragen einen Mund- und Nasenschutz.

Foto: AP/Aaron Favila

Ein Jeepney fährt durch die von Asche überzogenen Straßen von Lemery in Batangas.

Foto: Getty Images/Ezra Acayan

In Lemery macht Verkehr am Sonntag, Montag und Dienstag keinen Spaß.

Foto: Ezra Acayan/Getty Images

Der Ausbruch sorgte für Schlamm auf Autoscheiben und Straßen – wie hier am Montag in Tagaytay.

Foto: AP/Aaron Favila

Seit Montagabend ist es zwar schon weniger schlimm mit dem Ascheregen, ich kann gerade sogar den Mond sehen. Aber es könnte ja noch weitere, deutlich heftigere Eruptionen geben. Wir bleiben deshalb vor allem drinnen, halten die Masken bereit und haben Essen für die ganze Woche eingekauft. 

Draußen geht sowieso alles langsamer: Die Schulen sind geschlossen, die Verkehrsmittel fahren nicht wie vorher. Die Regierung informiert uns über Social Media, Fernsehen und Notfall-Nachrichten auf unseren Handys ständig darüber, wie die Situation am Taal ist. Schlimmer als für uns wird es für die armen Menschen, die auf unserer Insel leben. Sie haben nicht die Ressourcen, sich ausreichend zu schützen. 

Und selbst wenn niemand zu Schaden kommen sollte, fürchte ich einen weiteren Ausbruch: Denn laut der Regierung besteht die Gefahr, dass die Insel am Ende vollkommen unter Wasser liegen wird. Dann wird nur noch ein einzelner großer See zu sehen sein, die wunderschöne Landschaft, die wir am Sonntag noch bestaunt haben, wird verschwinden.“

„Wir Filipinos lassen uns von Naturkatastrophen nicht unterkriegen“  

Foto: Privat

Bilee, 33, lebt in Batangas, der Region, in der der Taal liegt. Sie verließ ihr Haus am Dienstag, um sich vor der giftigen Asche in Sicherheit zu bringen.

„Ich lebe ein gutes Stück vom Vulkan entfernt. Meine Familie und ich haben uns daher eigentlich keine Sorgen um unser Haus gemacht oder darum, dass wir fliehen müssen. Während die Leute in näherer Umgebung des Vulkans bereits am Sonntag und Montag alle evakuiert worden sind, dachten wir also, wir könnten einfach hier bleiben. Nun mussten wir heute aber doch raus aus unserer Wohnung, weil die Gefahr weiterer Ausbrüche immer weiter steigt. Wir sind jetzt bei meinem Cousin untergekommen, der einige Städte weiter wohnt. Wir haben nur ein Tricycle (Anm. der Red. Motorrad mit Wagen), konnten also kaum etwas hierhin mitnehmen. Zum Glück haben unsere Haustiere reingepasst.

Am 12. und 13. Januar fliehen viele Philippiner*innen in Evakuierungszentren. Dieses Bild stammt aus dem Ort Santo Tomas.

Foto: Getty Images/Ezra Acayan

Die Einwohner*innen am Fuße des Taals kehrten am Dienstag noch einmal in ihr Zuhause zurück, um ihre Tiere dort zu retten und mit Booten in Sicherheit zu bringen.

Foto: AFP/ Ted Aljibe

Der Taal raucht, als viele Menschen schon wieder auf dem See vor ihm fischen.

Foto: AFP/Ted Aljibe

Schon am Sonntagabend konnte man vor lauter Asche kaum sehen. Alles war mit ihr überzogen, einige Millimeter hoch: die Autos, die Bäume im Park, die Tiere. Die Asche ist gefährlich für unsere Lungen. Alle Läden haben geschlossen, die Schulen ebenfalls.

Meine Schwester und ich wollten heute eigentlich denjenigen helfen, die es dringend brauchen. Wir wollten Masken in den Evacuation Centers verteilen. Dafür haben wir seit Sonntag einige DIY-Masken hergestellt. Denn die herkömmlichen Masken schützen nicht vor den kleinen Aschepartikeln, das habe ich in einem Facebook-Video gesehen. Darin wird auch gezeigt, wie man aus alter Kleidung effektivere Masken herstellen kann.

Social Media ist sowieso ein guter Weg, sich hier über den Ausbruch und die Folgen zu informieren. Ansonsten lässt die Regierung alle wichtigen Informationen auch übers Fernsehen verbreiten. Viele arme Menschen haben aber kein Handy und keinen Fernseher. Für die schicken die Barangays (Anm. d. Red. unterste Verwaltungsebene ähnlich eines Stadtteils/Dorfes) Militär aus, um sie zu informieren und ihnen Masken auszuteilen. Auch einige Freiwillige gehen los und helfen, Reiseagenturen haben vielen Menschen umsonst geholfen, sich in Sicherheit zu bringen. 

Wir Filipinos lassen uns von so Naturkatastrophen nicht unterkriegen. Wir sind an sie gewöhnt, an all die Überflutungen, die Unwetter, die Erdbeben. Wir versuchen, uns gegenseitig zu unterstützen. Auch, wenn wir vielleicht selbst betroffen sind, wollen wir immer denen helfen, denen es noch schlechter geht. Wir werden das nach dem Vulkanausbruch, wie groß er auch sein mag, genauso machen wie nach jedem Taifun: Wenn der Sturm vorbei ist, stehen wir auf und fangen an, zu reparieren, was noch da ist. Klar sind wir traurig. Aber wir machen immer weiter.“

„Mich wundert es, dass hier alle so verrückt danach sind, noch Masken zu bekommen“

Jai ist 24 Jahre alt und lebt am Wochenende in Santa Rosa, unter der Woche arbeitet er in Manila.

Meine Familie lebt zwei Dörfer entfernt vom Taal, ich war am Sonntag dort. Trotzdem habe den Ausbruch nicht selbst mitbekommen – ich habe ihn regelrecht verpennt. Ich wachte erst kurz später auf und sah die Meldungen auf meinem Handy aufploppen. Erst einmal machte ich mir keine wahnsinnigen Sorgen. Taal ist eben ein aktiver Vulkan und da kommt natürlich hin und wieder Rauch raus. Aber je mehr ich darüber las, desto besorgter wurde ich. Gleichzeitig wurde es draußen plötzlich stockdunkel, von all dem Rauch in der Luft. Etwa eine Stunde später fing es an, Asche zu regnen. Es roch, als hätte man Feuerwerkskörper direkt neben mir gezündet. 

Ich halte mich inzwischen nicht mehr in meinem Dorf auf, sondern bin zurück in Manila. Mich wundert es, dass hier alle so verrückt danach sind, noch Masken zu bekommen – während die Leute näher am Vulkan sie viel dringender brauchen könnten. Denn die Asche ist dort natürlich viel dicker als hier. 

Die Häuser in Batangas, nahe dem Vulkan Taal, sind seit Sonntag in Asche gehüllt. Zehntausende Menschen wurden evakuiert.

Foto: Getty Images/Ezra Acayan

So sah Tagaytay am Sonntag aus.

Foto: AP/Bullit Marquez

In meinem Dorf haben die Behörden und viele Läden immer noch geschlossen. Die Leute fürchten sich vor einem weiteren Ausbruch. Tatsächlich bin ich bisher trotzdem noch relativ unbeschwert. Ich denke mir die ganze Zeit: Da ist doch ein See drum rum, das kann ja nicht so verheerend sein, wenn der Vulkan Lava spuckt. Vermutlich stimmt das gar nicht, aber ich stelle es mir einfach so vor. 

Vielleicht bin ich zu typisch Filipino und wenig sensibel bei Naturkatastrophen. Denn die kommen und gehen. Wir können daran nichts ändern und müssen damit einfach umgehen. Alle helfen einander bei solchen Katastrophen: Die Regierung, NGOs und vor allem die Kirchengemeinden. Die Kirchen haben auch geholfen, viele Menschen in der Nähe des Vulkans sofort zu evakuieren. Viele junge Leute packen ebenfalls mit an und versuchen, Geldspenden zu sammeln.“

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