Sich selbst durch all die Bücher wühlen? Das wollen Fabians Kunden nicht. Ihm hingegen macht das Spaß.

Sich selbst durch all die Bücher wühlen? Das wollen Fabians Kunden nicht. Ihm hingegen macht das Spaß.

Foto: Michael Reichel / dpa

Seinen Nachnamen möchte Fabian (29) nicht verraten, um seine Kunden nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Er selbst hat Jura studiert, schreibt aber Arbeiten in allen Fachrichtungen der Geistes- und Sozialwissenschaften. Im Interview verrät er, warum es ihm Spaß macht, fachfremde Arbeiten zu schreiben und warum er als Ghostwriter kein schlechtes Gewissen hat.

jetzt: Wie viele Menschen verdanken dir ihren Abschluss?

Fabian: Das sind 27 Leute, für die ich Bachelor- und Masterarbeiten und zu Anfangszeiten auch noch die ein oder andere Diplomarbeit geschrieben habe.

Hast du manchmal Gewissensbisse?

Nein, überhaupt nicht.

Verschaffst du nicht denen einen unfairen Vorteil, die es sich leisten können, dich zu beauftragen?

Unterm Strich kann es sich jeder leisten, eine Arbeit von mir schreiben zu lassen. Ein Ungeübter schreibt an einem guten Tag drei bis vier Seiten. Wenn die Leute arbeiten gehen, statt ihre Arbeit zu schreiben, dann verdienen sie in der Zeit mehr als ich für ihre Arbeit verlange. Aber gut, das Argument ist damit nur zum Teil entkräftet.

Was ist mit dem anderen Teil?

Der bereitet mir keine Gewissensbisse. Natürlich hat man einen Vorteil, aber den halte ich für verschwindend gering, gerade seit der Umstellung auf Bachelor und Master. Denn die Abschlussarbeit hat nur einen kleinen Anteil an der Gesamtnote. Ein Großteil der Prüfungsleistungen, die für den Abschluss notwendig sind, sind Klausurleistungen oder Vorträge.

Wie hast du mit dem Ghostwriting angefangen?

Das akademische Schreiben lag mir von Anfang an. Meine eigenen Hausarbeiten im ersten Semester sind sehr gut ausgefallen, daraufhin kamen Kommilitonen zu mir und fragten, ob ich ihre Hausarbeiten korrigieren kann. Der nächste Schritt war, dass ich sie beim Schreiben unterstützt habe, bis ich dann irgendwann komplette Arbeiten für Fremde geschrieben habe, die über Mund-zu-Mund-Propaganda den Weg zu mir gefunden haben.

Wie viel verlangst du pro Seite?

Das ist ganz unterschiedlich, je nach Art der Arbeit. Eine Bachelorarbeit ist zum Beispiel günstiger als eine Masterarbeit. Es kommt auch darauf an, wie recherche- und literaturintensiv das Thema ist. Der Hauptfaktor bei der Preisgestaltung ist aber die Zeit. Wenn ich ein Semester Zeit habe, ist es günstiger, als wenn ich innerhalb einer Woche eine Bachelor-Arbeit schreiben muss. Die Preisspanne geht von 10 bis 15 Euro pro Seite bis nach oben offen. Das höchste, was ich bisher für eine Seite genommen habe, waren circa 100 Euro.

Was war das für eine Arbeit?

Das war bisher meine schwierigste Arbeit, eine juristische Schwerpunktsbereich-Arbeit. Normalerweise hat man dafür vier Wochen Zeit, ich habe sie allerdings in drei Tagen geschrieben über ein für mich recht fremdes Thema. Das war natürlich extrem anstrengend und das habe ich mir auch zahlen lassen.

Bekommst du da nicht selbst manchmal Panik, dass du nicht fertig wirst?

Nein, Panik nicht. Natürlich komme ich mal ins Schwitzen, aber mittlerweile habe ich so viel Routine, dass ich weiß, wie viel ich an einem Tag schaffen kann. Wenn eine Arbeit in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht machbar ist, dann nehme ich sie gar nicht erst an.

Wie viel Zeit investierst du denn in das Ghostwriting?

Etwa zwei bis vier Stunden am Tag. Ich bin beruflich viel unterwegs und sitze dann abends in Hotelzimmern in fremden Städten. Die Zeit kann ich gut nutzen, um zu recherchieren und zu schreiben. Und an den Wochenenden verbringe ich einen Tag von morgens bis abends in der Bibliothek.

Das ist ein ganz schöner Zeitaufwand. Macht dir das Spaß?

Ja, natürlich. Der Stundenlohn vom Ghostwriting ist deutlich geringer als das, was ich in meinem normalen Beruf verdiene, das Geld ist also sicherlich nicht die Hauptmotivation.

Was reizt dich denn am Ghostwriting?

Anfangs war es der Freundschaftsdienst für meine Kommilitonen. Das gehört irgendwie zu dieser Schicksalsgemeinschaft der Studierenden dazu, dass man sich gegenseitig hilft. Später, als ich anfing, die ersten fachfremden Arbeiten zu schreiben, war es tatsächlich der Reiz, sich ein fremdes Thema schnellstmöglich zu erschließen und eine Arbeit zu schreiben, die gut bewertet wird – und zwar von jemandem, der sich mit dem Fach gut auskennt. Da packt mich der akademische oder intellektuelle Ehrgeiz.

Im Gegensatz zu Leuten, die für Agenturen schreiben, kennst du deine Kunden persönlich. Warum kommen sie zu dir?

Das ist unterschiedlich, teilweise sind es einfach hysterische Mädels, die noch nie in ihrem Leben eine solche wissenschaftliche Arbeit schreiben mussten, und damit dann vollkommen überfordert sind. Bei denen ist es die Panik, die sie dazu treibt. Aber es gibt auch Leute, die einfach zu faul sind oder etwas Besseres zu tun haben.

Du bist Experte im Hausarbeiten-Schreiben. Hast du noch ein paar Tipps für die, die ihre Arbeiten selbst schreiben?

Am besten orientiert man sich an einem Standardwerk zum Thema, das sich in jeder Bibliothek findet. Damit kann man die wichtigsten Problemstellungen identifizieren und man findet weitere Quellen, an denen man sich entlang hangeln kann. Dann fertigt man eine grobe Gliederung an, verordnet die einzelnen Problempunkte, schreibt eventuell schon zwei, drei Argumente in eigenen Worten dazu. Jetzt darf man nicht den Fehler machen, sofort loszuschreiben. Man sollte sich die Zeit nehmen und die einzelnen Argumente aufschreiben, als ob man sie einem Fünfjährigen erklären würde: Was spricht dafür, was spricht dagegen? Welche Ansichten werden in der Wissenschaft vertreten? Nachdem man das selber wirklich verstanden und durchdrungen hat, kann man es sehr viel schneller und effizienter niederschreiben. Dann fällt auch die Formulierung leichter, vor der viele Leute Angst haben.

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