Macht das Medizinstudium krank?

Mediziner leiden laut einer Studie häufiger als andere Studenten unter Depressionen. Stimmt das? Wir haben bei einem Uni-Psychologen nachgefragt.
Interview: Eva Fritsch
Foto: .marqs / photocase.de

Eine neue Studie des US-Ärzteblatts besagt: Jeder vierte Medizinstudent ist depressiv, jeder zehnte soll schon mal mit dem Gedanken gespielt haben, Selbstmord zu begehen. Die Macher der Studie haben Daten aus 47 Ländern ausgewertet und in ihrer Untersuchung insgesamt fast 130.000 Studenten einbezogen. Vereinfacht könnte man also sagen: Das Medizinstudium fordert nicht nur sehr viel, sondern macht krank.

Ob und warum Medizinstudenten psychisch besonders leiden und wie sie mit Stresssituationen umgehen, erklärt der Psychologe Johannes Röhrens, Leiter der Psychosozialen und Psychotherapeutischen Beratungsstelle des Studentenwerks München.

jetzt: Herr Röhrens, eine neue Studie sagt: Jede vierte Medizinstudent ist depressiv. Merken Sie das in Ihrem Alltag? Kommen mehr Medizinstudenten zu Ihnen?

Johannes Röhrens: Wir können feststellen, dass die absoluten Zahlen der Rat suchenden Medizinstudenten in den vergangenen fünf Jahren leicht zugenommen hat. Es kommen aber generell mehr Studenten zu uns in die Beratung, aus allen Fachrichtungen. Der Anteil an Medizinstudenten im Vergleich zu Studenten anderer Fachrichtungen, die zu uns kommen, hat zwischen den Jahren 2011 und 2015 gerade einmal um einen Prozentpunkt zugenommen. Trotz der leichten Erhöhung sind unserer Erfahrung nach Medizinstudenten eher zurückhaltend, wenn es um psychologische Beratung geht. Sie denken oft: Ich muss das auch irgendwie alleine schaffen.

Versuchen die sich dann als angehende Ärzte selbst zu therapieren?

Eine wirkliche Entlastung tritt meist erst dann ein, wenn ich mich mit meinen Problemen, Sorgen und Ängsten einem anderen Menschen zuwende. Das ist der eigentliche Sinn von Therapie und ist ohne ein konkretes Gegenüber, das mir aufmerksam zuhört, nur bedingt möglich. Was natürlich nicht heißt, dass ein Ausgleich in Form einer sinnvollen Freizeitgestaltung nicht durchaus auch eine therapeutische Wirkung haben kann. Von einer "Eigentherapie" in Form der Einnahme von Medikamenten, Aufputschmitteln oder Beruhigungstabletten ohne eine fachärztliche und psychotherapeutische Begleitung halte ich persönlich nichts.

Warum scheuen so viele Medizinstudenten den Gang zum Psychologen?

Die eigene Leistungsfähigkeit in Frage zu stellen, ist bei vielen wie ein Stigma: Sie schämen sich und versuchen, trotz ihrer Probleme weiterhin Leistung zu bringen – die ja auch von ihnen eingefordert wird.

Also sind es die hohen Anforderungen im Studium, die dazu führen, dass die Studenten überfordert sind?

Der Workload an sich ist meistens nicht das eigentliche Problem, obwohl die Anforderungen im Medizinstudium besonders hoch sind: Medizinstudenten sind es in der Regel gewohnt, viel zu lernen. Sie sind schon seit der Schule sehr leistungsfähig. Wenn zur hohen Arbeitsbelastung aber zusätzlich Faktoren wie Stress mit der Familie oder Probleme im sozialen Umfeld dazu kommen, dann kann es zu übermäßigen Stresssituationen kommen, die letztendlich in einem sogenannten "Burn-out" enden können – wie bei Studierenden anderer anspruchsvoller Studiengänge übrigens auch.

Warum sind Medizinstudenten dann häufiger betroffen als Studierende anderer Studiengänge?

Dass Medizinstudenten häufiger als Studierende anderer Studiengänge betroffen sind, kann ich aus meiner Erfahrung an der Psychotherapeutischen Beratungsstelle so nicht unbedingt bestätigen. Allgemein lässt sich jedoch in Bezug auf Studierende solch anspruchsvoller Studiengänge wie Medizin sagen, dass die jungen Studierenden oft sehr hohe Ansprüche an sich selbst haben. Von der Schule sind sie es gewohnt, immer die Besten zu sein. In der Uni machen sie dann die Erfahrung, dass ihre Kommilitonen dasselbe hohe Leistungsniveau haben oder sogar besser sind. Für manche ist es dann sehr enttäuschend und kränkend, auf einmal nur noch im Leistungs-Mittelfeld zu sein.

Wie sieht es mit dem Stress fernab des Hörsaals aus, im Krankenhaus zum Beispiel?

Grundsätzlich haben sich die Arbeitsbedingungen für Ärzte in den letzten Jahren deutlich verschlechtert. Die Arbeitsbelastung ist höher geworden: Im Krankenhaus wird vorausgesetzt, dass man bereit ist, viel zu arbeiten. Die jungen Ärzte und Ärztinnen gehen dann nicht gerade zimperlich miteinander um: Schwäche zeigen ist nicht angebracht, man muss funktionieren. Man steckt es eben nicht so leicht weg, wenn man zum Beispiel einen 24-Stunden-Dienst hat oder in der Akut-Abteilung arbeitet, wo es einen Notfall nach dem anderen gibt.

Was kann getan werden, damit es den Studierenden besser geht?

In den letzten Jahren wird mehr darauf geachtet, dass Medizinstudenten während ihres Studiums psychologische Betreuung bekommen. Da gibt es auf jeden Fall eine positive Entwicklung. In den ersten Semestern steht zum Beispiel der Präparierkurs auf dem Stundenplan, der für viele eine psychische Belastung ist. Am Ende des Kurses gibt es für alle Studenten einen Gottesdienst, bei dem quasi Abschied von den Leichen genommen wird. Dieses Ritual ist sehr wichtig für die Studenten und ihre Psychohygiene. Und wie allen anderen Studierenden auch, können die Medizinstudenten unsere Dienste der Psychotherapeutischen Beratungsstelle des Studentenwerkes jederzeit in Anspruch nehmen.

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