Die Amerikaner entwickeln gerade panische Angst vor Clowns

Auslöser könnte eine PR-Kampagne sein. Trotzdem ist das Phänomen gefährlich.
Von Nadja Schlüter
Foto: Saul Loeb/afp

2016 ist sowieso schon ein seltsames Jahr für die Amerikaner. Und jetzt auch noch die Grusel-Clowns. Ein Instagram-Post fasste es vor wenigen Tagen so zusammen:

Circus Circus 🎪 @thehandyj

Ein von That_Basic_Bitchhh™ 👸🏼🆚🙍🏼 (@that_basic_bitchhh) gepostetes Foto am

Nein, das hat nichts mit Frank Sinatra zu tun (wobei man „Send in the Clowns“ auch mal wieder hören könnte). Sondern mit einer aktuellen Panik in den USA: Seit Wochen gibt es ständig neue Meldungen, dass irgendjemand irgendwo einen gruseligen Clown auf der Straße oder im Wald gesehen oder über Social Media eine Clown-Drohung empfangen hat. Über das ganze Land verteilt soll es laut Washington Post „hunderte Vorfälle“ gegeben haben. Wie viele genau, weiß niemand – obwohl hier und da versucht wird, Karten anzufertigen, auf denen die Sichtungen markiert sind.

Angefangen hat das Ganze im August in South Carolina, als dort in der Nähe eines Apartment-Komplexes angeblich Menschen in Clown-Verkleidung Kindern Geld angeboten haben und sie so in den Wald locken wollten. Der Gebäudemanager schrieb einen Brief an die Bewohner, dass sie ihre Kinder nicht im Dunkeln auf die Straße gehen lassen und am besten „at all times“ beaufsichtigen sollen. Seitdem häufen sich die Clown-Sichtungen.

Aktuell ist die Panik vor allem an Schulen und Unis groß, weil es immer wieder Drohungen über Facebook, Instagram oder Snapchat gibt, bei denen einzelne Institutionen namentlich genannt werden oder ein Clown auf einem bestimmten Schulgelände zu sehen ist. Gedroht wird mit Angriffen, Kidnapping oder Explosionen – und darauf wird in den USA, die immer wieder von School-Shootings erschüttert werden, natürlich besonders sensibel reagiert.

In Maryland wurde am Mittwoch wegen einer solchen Drohung eine Highschool geschlossen, an einer anderen kam ein Schüler aus Angst mit einem Messer zur Schule, berichtet die Washington Post. Es wurden bereits Schüler festgenommen, die auf Facebook Clown-Accounts eingerichtet und Panik geschürt haben. Die Polizei ist alarmiert und beobachtet die Fälle genau.

Die Tage werden kürzer und bald ist Halloween  – es ist also sowieso Schock-und-Schrei-Saison in den USA

Derweil ist die Clown-Panik auch in andere Länder übergeschwappt, etwa nach England oder Australien. Und der Vorsitzenden der World Clown Association hat ein Video-Statement veröffentlicht, in dem er sich sehr deutlich von den Vorfällen distanziert („Wer so etwas macht, ist kein Clown!“).

Obwohl es so viele Vorfälle gab, beträgt die Zahl der Geschädigten (bisher): null. Niemand wurde von einem Clown angegriffen oder verletzt. Viele halten das Ganze darum für einen einzigen, riesengroßen Prank. Und dafür spricht einiges, wenn nicht sogar alles.

Erstens werden derzeit die Tage immer kürzer, bald ist Halloween und gerade ist im amerikanischen Fernsehen die siebte Staffel der bekannten Grusel-Serie „American Horror Story“ angelaufen – für die schon Wochen vorher sehr, sehr gruselige Trailer im Kino und im Fernsehen liefen und in der es die Figur des sehr, sehr gruseligen Clowns Twisty gibt (s.u.). Es ist also sowieso Schock-und-Schrei-Saison in den USA.

Zweitens wurden und werden Clowns von der breiten Öffentlichkeit meistens als sehr viel weniger spaßig wahrgenommen, als sich die World Clown Association das wünscht. In einer aktuellen US-Studie gaben 1300 Teilnehmer an, welche Berufe sie am gruseligsten finden – und Clown landete auf Platz 1, vor Tierpräparator, Sexshop-Besitzer und Bestatter.

Schon in der Antike waren Clowns nicht zur Belustigung von Kindern da, sondern um die Mächtigen zu foppen, und hatten darum absolute Narren- und Redefreiheit. Das macht sie bis heute zu Figuren, deren Verhalten unberechenbar, weil von jeder gesellschaftlichen Norm befreit ist. Und Unberechenbarkeit macht uns Angst. Dazu kommt die oft unförmige Verkleidung, in der sie ihren Körper verstecken, und die Schminke, deren Dauergrinsen es uns unmöglich macht, ihre eigentliche Mimik und damit ihre wahren Gefühle und Absichten zu erraten.

Dass Clown-Sichtungen zu Massenpaniken führen ist darum kein neues Phänomen und es fängt meist genauso an, wie in South Carolina: Kinder berichten, dass sie gruseligen Clowns begegnet sind. Der Kryptozoologe Loren Coleman, der sich in seiner Forschung mit mythischen Figuren beschäftigt, hat dem Phänomen sogar einen Namen gegeben: „The Phantom Clown Theory“. 

Auf Twitter gibt es schon massenweise "Clown Sighting"-Accounts

Drittens liebt das Internet gruselige Clowns. Schon immer. Wer auf Youtube den Suchbegriff „Clown“ eingibt, muss sehr lange scrollen, bis er ein lustiges Clown-Video findet. Der ganze Rest: Material für eine ganze Horror-Filmnacht, ein Clip nach dem anderen zeigt furchteinflößende Begegnungen mit maskierten und verkleideten Personen. Die Berichte über die Clowns in South Carolina wirken vor diesem Hintergrund wie der perfekte Anlass, einen neuen Clown-Panik-Trend entstehen zu lassen und über Social Media immer weiter zu verbreiten. Es gibt auf Twitter ohnehin schon massenweise „Clown Sightings“-Accounts, aktuell sind noch mehr dazugekommen.

Wenn man sich die Bilder und Videos auf diesen Accounts oder auf Youtube anschaut, muss man davon ausgehen, dass die meisten davon Fake sind: Nach dem zehnten „Im Scheinwerferlicht eines auf einer dunklen Straße fahrenden Autos sieht man plötzlich eine gruselige Gestalt auftauchen“-Szenario kann man eigentlich nur noch gähnen. Wenn nicht schon früher, weil man es  so oder so ähnlich schon in hundert Horrorfilmen gesehen hat. 

Trotzdem muss man die Clown-Panik mehr oder weniger ernstnehmen. Denn wenn die Pranks und die Befeuerung über Social Media anhalten und die Menschen immer panischer werden, könnte die Situation eskalieren. Dafür muss nicht mal tatsächlich jemand in einem Clown-Kostüm draußen rumlaufen und Leute erschrecken – sondern es reicht, wenn jemand vor lauter Clown-Input denkt, dass da jemand im Clown-Kostüm rumläuft, und dann überreagiert. Und in einem Land, in dem laut Statistik auf fast jeden der mehr als 300 Millionen Einwohner eine Schusswaffe kommt, kann so eine Überreaktion schnell übel ausgehen.

 

Zum Glück ist ist es wahrscheinlicher, dass die Panik bald von selbst verebbt. Stephen King hat über Twitter jedenfalls schon mal dazu aufgerufen, sich doch bitte mal wieder zu beruhigen:

Allerdings kann er als Vater von Pennywise, dem gruseligsten Clown aller Zeiten, derzeit eigentlich nur von der erhöhten Aufmerksamkeit für Horror-Clowns profitieren. Im kommenden Jahr kommt nämlich die Neuverfilmung von „Es“ ins Kino. Darum lautet eine Theorie für die Clown-Panik auch: Alles ein großer PR-Gag. 

Du siehst Grusel lieber nur im Fernsehen? Wir auch: