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Foto: JoeEsco / photocase.com / Screenshot Twitter

Es ist nicht ungewöhnlich, dass jemand irgendwann nach einer Wahl sagt: „Den wähle ich nächstes Mal nicht mehr!“ Oder: „Für die hab ich gestimmt, aber jetzt bin ich enttäuscht.“ Im Falle der Wahl von Donald Trump allerdings ist das mit der Reue ein bisschen extremer (womöglich, weil bei Trump alles ein bisschen extremer ist) – sie kam nämlich sehr schnell.

Trump ist vor gerade mal zehn Tagen vereidigt worden. Seitdem hat er verfügt, dass ausländische NGOs von den USA keine finanzielle Unterstützung mehr bekommen, wenn sie Abtreibungen unterstützen, hat den Bau der berühmten Mauer vorangetrieben und Menschen aus sieben verschiedenen, mehrheitlich muslimischen Ländern vorübergehend die Einreise verboten. (Einen Überblick über Trumps bisherige Maßnahmen als US-Präsident gibt es auf sz.de). All das hat Massen-Proteste ausgelöst, angeführt von denen, die schon immer gegen ihn waren. Aber auch viele Amerikaner und Amerikanerinnen, die für Trump gestimmt haben, sind sich schon jetzt nicht mehr sicher, ob das so eine gute Entscheidung war, oder bereuen es sogar ganz offen.

Der Twitter-Acount @Trump_Regrets retweetet Statements von reuigen Trump-Wählern und hat mittlerweile 130.000 Follower. Mehr als tausend Tweets gibt es dort schon zu lesen und es werden laufend mehr. Gegründet hat den Account die kanadische Studentin Erica Baguma und zwar schon vor etwa zwei Monaten, als Trump also noch gar nicht offiziell im Amt war. Damals hat er angekündigt, in Sachen E-Mail-Affäre nicht weiter gegen Hillary Clinton vorzugehen – und Erica wollte gerne herausfinden, wie die vielen „Lock her up“ skandierenden Trump-Wähler darauf reagieren würden. "It was sort of for fun“, sagte sie dem kanadischen Sender CBC. Mittlerweile ist es aber eher ernst. Und sehr interessant.

Manche Wähler schämen sich dafür, dass Trump dauernd beleidigt twittert, andere sind mit seinen Mitarbeitern unzufrieden

Wer die Tweets (und die dahinterstehenden Accounts) durchschaut, dem fallen schnell zwei Dinge auf: 

1. Vieles ist vermutlich Fake. Zum Beispiel wird oft mit komplett neu angelegten Accounts behauptet, hier äußere sich ein ehemaliger Trump-Wähler. Oder Tweets kommen von Accounts, die sehr viel und eine Menge konfusen Kram twittern und unglaubwürdig wirken. Es lohnt sich also, sich die Quellen der Tweets anzuschauen. 

2. Bei denen, die glaubwürdig wirken, sind die Gründe für die Wahl-Reue vielfältig. Manche schämen sich dafür, wie „unpresidential“ Trump agiert, weil er andauernd beleidigte Tweets absetzt oder die Medien beschimpft. Andere finden das mit den Medien okay, aber nicht, dass Trump bereits Teile von Obamacare außer Kraft gesetzt hat, ohne eine direkt nachfolgende Gesundheitsversorgung sicher zu stellen, wie er es im Wahlkampf versprochen hatte. Viele sind unzufrieden mit der Wahl seine Mitarbeiter. Und das neuste Dekret, das Bürgern aus Irak, Iran, Libyen, Syrien, Somalia, Sudan und Jemen die Einreise in die USA verbietet, macht viele endgültig wütend. „Why, oh why, did I vote for you?“ schreibt ein User. „I voted for your. I wanted change. But not this.“ eine Userin. 

Besonders eindrücklich wird der Sinneswandel, wenn man frühere Pro-Trump-Tweets mit der neuen Reue zusammenschneidet:

keem tweet
Foto: Screenshot Twitter
maggie tweet
Foto: Screenshot Twitter
alex tweet
Foto: Screenshot Twitter
kelly tweet
Foto: Screenshot Twitter
michael tweet
Foto: Screenshot Twitter
fendi tweet
Foto: Screenshot Twitter
barbara tweet
Foto: Screenshot Twitter
drew tweet
Foto: Screenshot Twitter
deborah tweet
Foto: Screenshot Twitter
hunter tweet
Foto: Screenshot Twitter

Aber auch bei der Suche nach der früheren Unterstützung fällt wieder auf: Die Gründe der Amerikaner, für Trump zu stimmen, waren so vielfältig wie die Gründe, sich nun von ihm abzuwenden. Viele der von @Trump_Regrets retweeteten User waren nie glühende Trump-Unterstützer. Sie haben ihn gewählt, weil sie immer republikanisch wählen. Weil sie gegen Hillary  Clinton stimmen wollten. Weil sie auf ein einziges seine Wahlversprechen fixiert waren (zum Beispiel die Abschaffung von Obamacare). Und sehr viele haben nicht daran geglaubt, dass er all seine Drohungen wahr machen wird – das sei doch alles nur „Rhetorik“.

Die Regret-Tweets zeigen, dass nicht alle Trump-Wähler eingefleischte Rassisten und Sexisten waren und sind

Das alles entschuldigt nichts. Trumps Wähler haben ihn zum Präsidenten gemacht und haben darum mit zu verantworten, was gerade in den USA passiert. Aber es zeigt auch wieder, dass nicht alle seiner Wähler eingefleischte Rassisten und Sexisten waren und sind – und das macht Hoffnung. Auch Erica Baguma hat das Kuratieren der Regret-Tweets optimistische gestimmt. „I found that the population is a lot more diverse than I expected“, zitiert CBC sie. „I really didn't have a good picture of why people were voting for him, and so of course that was part of why I started it. Because I'd never met a Trump supporter. And a lot of his supporters really had good intentions.“ 

Das Traurige an der Regret-Sammlung ist allerdings, dass die Reuigen zum Teil sehr hart angegangen und beschimpft werden. Eine Nutzerin namens Felicia Moreno zum Beispiel twitterte gestern:

Nur wenige Stunden später bereute sie weniger ihre Stimme für Trump als die Tatsache, öffentlich zugegeben zu haben, dass sie ihn gewählt hat: 

Dass die Trump-Regretter beschimpft werden, wollte Erica Baguma mit ihrem Account allerdings nicht erreichen. Darum steht in der Beschreibung: „DM if you want your tweet taken off“. Im besten Falle schürt die Reue ja nicht noch mehr Hass, sondern führt wieder mehr Menschen zusammen. 

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