Deutsche Bahn buhlt um Spießereltern

Und will damit junge Menschen für eine Ausbildung begeistern. Was soll das?
Kommentar von Quentin Lichtblau

Eigentlich rührend: Die krisengebeutelte Bahn macht sich Sorgen um unsere Zukunft. Orientierungslos und zugedröhnt wie wir durchs Leben rennen, immer am Smartphone, lieber im Bett als am Schreibtisch. Uneigenständig, ohne Kohle, ohne Visionen, kurz: als asoziale Nichtsnutze, als Parasiten, die ihre Eltern aussaugen. Soweit das Bild, das die Bahn von jungen Menschen zu haben scheint.  

Und wie der wohlmeinende Spießerfreund der Familie, der beim gemeinsamen Abendessen den Vater fragt, wovon "der Sohnemann" später leben wolle, richtet sich die Deutsche Bahn AG mit ihren Sorgen nicht an uns, sondern an unsere Eltern. Und zwar mit einer Kampagne auf den Bildschirmen an S- und Ubahn-Haltestellen:

Verstrahlter Junge
Foto: Sophie Schriever

Das Motiv ist ein verpickelter Jugendlicher, der mit planlosem Katerblick nur "liken", "snappen"  und "whatsappen" im Kopf hat – und offenbar den Albtraum einer jeden Spießermutter darstellen soll. Daneben das Bahnlogo und die in deren PR-Abteilung wohl als "charmant-augenzwinkernd" formulierte Frage an die Eltern, ob der Berufseinstieg des eigenen Sohnes "auch so durchdacht" sei.

Die Deutsche Bahn, die übrigens unter erheblichem Personalmangel leidet, versucht so offenbar, die Ängste jener Eltern zu schüren, deren Kinder im Alter zwischen 15 und 25 Jahren am Morgen nach einer durchzechten Nacht nicht aus dem Effeff ihren Businessplan für die nächsten 75 Jahre herunterrattern können. Das dürfte zwar auf ungefähr 99 Prozent der deutschen Jugend zutreffen, vielleicht geht es der PR-Abteilung aber gerade darum, man will ja schließlich Reichweite erzielen. 

Für die Eltern, so interpretieren wir das, wäre der einzige Rettungsanker die sofortige Freigabe zur Adoption. Oder eben eine Ausbildung im Hause der Deutschen Bahn. Da lernt der Junge richtig zupacken – und den Arbeitsvertrag oder einen Bachlor gibt's obendrauf. Tolle Sache, denkt sich da vielleicht die ein oder andere Mutti. 

  • Kurzsichtige Denkweise

 

Aber was die Damen und Herren in der PR-Abteilung der Bahn nicht bedacht haben: Sie buhlen ja nicht um Mütter oder Väter. Und vielleicht blickt der ein oder andere junge Mensch ja irgendwann von seinem Smartphone auf. Und vielleicht macht sich dieser junge Mensch, wie jeder junge Mensch irgendwann, Gedanken um seine Zukunft. Vielleicht hat er sogar einmal in Erwägung gezogen, eine Ausbildung bei der Bahn zu machen. Vielleicht hat er eines ihrer hippen Videos in den sozialen Netzwerken gesehen, in denen sich der Konzern als lässiges Unternehmen à la Google inszeniert.

 

Wenn er aber an der S-Bahn-Haltestelle eines der Motive der neuen DB-Kampagne sieht, wird er wohl überall arbeiten wollen, nur nicht bei der Deutschen Bahn. Denn wer auf der Seite besorgter Spießereltern steht, stand schon immer auf der falschen Seite. Und wer um junge Leute buhlt, sollte ihnen besser keine notorische Faulheit unterstellen.

  • teilen
  • schließen