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1400 Euro netto für den Lagerarbeiter bei Amazon

Patrick, 29, fragt sich, warum alle über seinen Arbeitgeber meckern, aber trotzdem dort bestellen.
Protokoll von Viktoria Klimpfinger
  • job kolumne picker
    Grafik: jetzt, Foto: privat

Der Job

Im Prinzip laufe ich als Kommissionierer oder Picker, wie der Job auch heißt, den ganzen Tag durch die Regale und sammle Objekte ein. Die Halle, in der ich arbeite, könnte man sich als riesengroße Bibliothek vorstellen, voll mit sogenannten Pick-Towern. Das sind Regale, die so viele Ebenen haben, dass sie wie ein Turm aussehen. Darin liegen die Bücher, CDs und alles, was man über Amazon eben bestellen kann. Die Ware kommt vom Wareneingang und wir sammeln die entsprechenden Artikel je nach Bestellungen zusammen. In der nächsten Station wird das Ganze vorsortiert für die Packer. Die kümmern sich um den Rest. Am Ende geht’s ab in den LKW und zu den Kunden.

 

Der typische Arbeitstag

Meine Schicht beginnt an unserem Meetingplatz. Unser Manager, eine Art Abteilungsleiter, gibt uns die wichtigsten Infos für die Schicht. Auf einer Liste sehe ich, für welchen Bereich ich eingeteilt bin. Das kann jeden Tag ein anderer sein. Anschließend hole ich mir meinen Handscanner, fülle meine Wasserflasche auf und dann geht’s auch schon los. Der Handscanner sagt mir, wohin ich muss und welchen Artikel ich kommissionieren soll.

 

Ich arbeite 7,75 Stunden am Tag und habe unterschiedliche Schichten. Es gibt die Frühschicht von 6:30 bis 15 Uhr, die Spätschicht von 15 bis 23:30 Uhr. Und neuerdings gibt es auch eine Nachtschicht von 23:30 bis 6:15 Uhr. Alle zwei Wochen wechseln wir die Schicht.

 

Das Privatleben

Das Schichtmodell hat Vorteile und Nachteile. Durch die Spätschicht hat man zum Beispiel nur am Vormittag etwas von seiner Freizeit. Gerade wenn man Familie hat, ist das schwierig zu vereinbaren.

 

Das Geld

Ich bekomme einen Stundenlohn von 12,23 Euro. Mir bleiben im Monat ungefähr 1400 Euro netto übrig. Weil wir ein sogenanntes Prämiensystem haben, schwankt der Lohn immer ein bisschen. Der Bonus wird an drei Punkten gemessen: Arbeitssicherheit, Inventurgenauigkeit und Produktivität. In diesen Bereichen kann man eine gewisse Prozentzahl erarbeiten, insgesamt aber maximal zwölf Prozent. Der Lohn des betreffenden Monats wird dann um die erreichten Prozent erhöht. Man bekommt also ungefähr bis zu 160 Euro dazu. Im Schnitt liegen meine Kollegen und ich aber meistens nur bei fünf Prozent.

 

Der Bonus hängt von der Leistung der gesamten Belegschaft ab. Besonders krass ist das bei Arbeitsunfällen: Wenn einer aus der Belegschaft einen Arbeitsunfall hat, verlieren wir den kompletten Bonus für den Monat. Keiner kann wirklich sagen, warum das so ist oder wie das genau berechnet wird. Für den normalen Mitarbeiter ist das Prämiensystem undurchsichtig und nicht nachvollziehbar. Amazon kann es sich also sehr leicht so richten, wie es dem Unternehmen passt. Besonders am Monatsende ist es ziemlich demotivierend, wenn wir bisher super gearbeitet haben und dann aus unerfindlichen Gründen der Bonus plötzlich auf null Prozent runterkracht.

 

Die harten Arbeitsbedingungen

Belastend ist besonders die Arbeitsweise. Wenn man an einem Tag körperlich schwerer gearbeitet hat, wird im Arbeitsplan oft nicht berücksichtigt, dass man am nächsten Tag woanders eingesetzt wird. Die Manager teilen die Mitarbeiter ein, wie sie möchten. Es wird auch kein Unterschied gemacht, ob einer vielleicht stärker ist als der andere. Du weißt also nie, was auf dich zukommt. Tauschen und Rotieren ist zwar schon möglich, aber meistens verbunden mit längeren komplizierten Diskussionen mit dem Manager.

 

Manchmal sind die Artikel echt schwer, zum Beispiel Weinkartons oder Tiernahrung in Großpackungen. Da tut einem schon der Rücken weh.

 

Es gibt auch einige eigenartige Regelungen. Man muss beim Treppensteigen zum Beispiel immer den Handlauf verwenden. Und man muss jede Stufe einzeln nehmen, sonst riskiert man auch eine Standpauke. Außerdem ist es nicht gerne gesehen, wenn man vor der Pause schon auf die Toilette geht. Es gibt generell nicht gerade viele sanitäre Einrichtungen im Produktionsbereich. Auf den Bonus wirkt es sich allerdings nicht aus, wenn man gegen diese Regelungen verstößt.

 

Die Streiks

Damit sich etwas ändert, ist es wichtig, sich in der Gewerkschaft zu organisieren. Je mehr Leute man mobilisiert, desto mehr kann man erreichen. Klar, am Anfang ist es immer schwer, gerade wenn man in der Minderheit ist. Aber auch eine Minderheit kann kleine Fortschritte bewirken.

 

Im letzten Jahr haben wir insgesamt weit über 30 Tage gestreikt. Meine Kollegen und ich haben uns gewisse Forderungen zusammengeschrieben, auf die Amazon nach und nach reagiert hat. Wir sind alle in die Gewerkschaft eingetreten, die uns bei unseren Forderungen unterstützt. Ursprünglich bekam ich gerade mal den Mindestlohn. Durch die Streiks wurde der Lohn immer weiter angehoben. Eine Gesundheitswoche wurde eingeführt und ein sogenanntes Smart Training. Da lernt man bestimmte Übungen, die gut für die Gesundheit sein sollen – also bestimmte Dehnungs- und Entspannungsübungen. Innerhalb der Produktionsstätten wurden zentrale Pausenräume eingerichtet.

 

Amazon müsste aber mehr an den Strukturen und dem Arbeitssystem selbst feilen. Wir wünschen uns, dass man flexibler auf die Mitarbeiter eingeht. Zum Beispiel wäre es wegen der körperlichen Belastung gut, wenn Amazon ein Rotationssystem einführen würde, das die Gruppenleiter selbstständig im Auge behalten, und man nicht als Mitarbeiter darum betteln muss, in einem anderen Bereich eingesetzt zu werden.

 

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Das, was ich von meinen Leuten immer höre, ist: „Ach, Amazon, das sind doch die, die dauernd streiken!“ Außerhalb meines Freundeskreises reagieren die Leute meist mit großem Augenrollen. Der Job bei Amazon hat nicht gerade einen guten Ruf. Oft werden Aushilfen für ein Quartal eingestellt und danach wieder entlassen. Auch Leute, die kurz vor der Entfristung stehen und sich wirklich Mühe gegeben haben, werden häufig nicht weiter beschäftigt. Diese Leute stehen Amazon natürlich nicht gerade positiv gegenüber und das spricht sich schnell herum. Man könnte sagen, Amazon ist wie McDonald’s: Alle meckern darüber, wollen aber auch nicht darauf verzichten. 

 

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