job kolumne bestatter
Illustration: Johannes Englmann; Foto: privat

Max, 24, arbeitet seit drei Jahren in einem Bestattungsunternehmen - Ausbildung inklusive. Dahin gekommen ist er über sehr viele Umwege - Bautechniker, Metzger und Soziologe standen auch schon auf seiner Agenda. Dass der Beruf Bestatter nun "todsicher" ist, wie viele gerne scherzen, glaubt er allerdings nicht.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Natürlich zuerst: „Wie bist du denn darauf gekommen?“ Danach folgen meistens skurrile Fragen: „Kann man auch lebendig begraben werden?“, „Kommt es manchmal zu Verwechslungen bei den Toten?“ oder „Was machst du an einem Tag, an dem keiner stirbt?“. Häufig werde ich auch gefragt, ob ich oft traurig sei. Das ist eine seltsame Frage, denn: Ich bin ein glücklicher Mensch, der einfach seine Arbeit macht.

Der Weg

Ich habe in Mainz Abitur mit der Fachrichtung Bautechnik gemacht, da aber schon gemerkt, dass das nichts für mich ist. Meine Eltern betreiben eine Metzgerei, die wollte ich auch nicht weiterführen. Das finden viele Freunde und Bekannte jetzt natürlich sehr lustig, dass der Metzgersohn am Ende Bestatter geworden ist.

Mein Soziologiestudium habe ich im dritten Semester abgebrochen, weil ich nicht glücklich war. Bereits da hatte ich mich schon intensiv mit dem Thema Tod beschäftigt, durch Gespräche, Filme und Bücher. Aus dem Interesse, wie man angemessen Abschied nehmen kann und dem Ende des Lebens würdevoll begegnet, ist mein Wunsch entstanden, mehr über Bestattungen zu erfahren. Das war allerdings gar nicht so einfach: Ich habe mich bei ungefähr 20 Unternehmen für ein Praktikum gemeldet, aber es kamen ausschließlich Absagen. Ich kann schon verstehen, dass man in so einem sensiblen Bereich den Trauernden keinen Praktikanten vorsetzen möchte, aber dass es generell keine Möglichkeit gab, sich den Berufsalltag anzuschauen, war schon sehr enttäuschend. Letztendlich habe ich ein zweiwöchiges Praktikum über Kontakte bekommen.

Das Praktikum begann mit dem Anruf, dass ich bei der Überführung einer Toten aus einer Privatwohnung helfen sollte. Durch die meisten Häuser kommt man mit einem Sarg gar nicht durch, deshalb muss der Tote erst einmal mit einer Überführungstrage in den Betrieb gebracht werden. Es war das erste Mal, dass ich einen toten Menschen gesehen habe, also war ich sehr nervös. Die Tote war eine ältere Dame, deren Kinder den Ehering nicht mit beerdigen wollten, den mussten wir also noch vom Finger streifen. Das war dann mein zweiter "Erstes-Mal-Moment" an diesem Tag: Einen Verstorbenen anfassen. Die nicht mehr warme Haut zu berühren, empfand ich als sehr ergreifend. Während des Praktikums durfte ich dann auch bei Beratungsgesprächen mit Angehörigen dabei sein, außerdem habe ich alle Räumlichkeiten, Urnen und Särge kennengelernt. Am Ende der zwei Wochen fragte mich mein Chef, ob ich nicht eine Ausbildung beginnen möchte. Ich habe zugesagt.

Die Ausbildung zur „Bestattungsfachkraft“ unterscheidet sich gar nicht von anderen Ausbildungen, man wechselt viel zwischen Betrieb und Berufsschule. Allerdings gibt es in Deutschland nur drei Berufsschulen für Bestatter. In meinem Jahrgang waren wir ca. 120 Schüler, gerechnet auf die ca. 4000 Bestattungs-Betriebe, die es in Deutschland gibt, ist das sehr wenig.

Während der Berufsschulphase konnte wir auch auf dem einzigen Lehrfriedhof der Welt üben. Hier sind ca. 30 Grabstätten angelegt, allerdings liegen dort keine Verstorbenen. Auf dem Lehrfriedhof lernt man den Grabaushub, mit einem Grabbagger und auch mit Schaufel und Muskelkraft. Man übt einen Sarg richtig abzulassen und eine Grabstätte für die Beerdigung vorzubereiten. Nach zwei Jahren war ich mit der Ausbildung fertig und habe als Bester in Rheinland-Pfalz abgeschlossen.

Die Wirklichkeit

Normalerweise ist es so, dass wir einen Anruf von den Angehörigen bekommen.  Dabei klärt sich dann am Telefon schon, wer, wo, wann verstorben ist und wer der Anrufende ist. Im Normalfall überführen wir den Verstorbenen dann zu uns ins Unternehmen und führen ein Trauergespräch, in dem die Beerdigung, die Trauerfeier etc. besprochen werden. Je nach Wunsch fahren wir dann auch ins Krematorium. Als Bestatter bereitet man nicht nur Beerdigungen vor, man organisiert auch eventuelle Trauercafés und hat einige Behördengänge zu erledigen.  

Am Tag der Beerdigung fahren wir dann mit der Urne oder dem Sarg zum Friedhof, dekorieren die Trauerhalle, empfangen die Trauergemeinschaft, kümmern uns um die Musik, das Kondolenzbuch. Wir lassen den Sarg oder die Urne ins Grab. Das ist eigentlich der letzte anstrengende Handgriff. Dann dekorieren wir ab, verabschieden uns von den Angehörigen und stellen ein paar Tage später die Rechnung aus.  

Natürlich gibt es einzelne Fälle, die mich beschäftigen, zum Beispiel wenn ein Kind gestorben ist oder bei jemandem der Tod sehr plötzlich eingetreten ist. Man begegnet auch Verstorbenen mit starkem Übergewicht, sichtbaren Krankheiten oder Menschen, die sich umgebracht haben. Außerdem lösen sich beim Eintritt des Todes die Muskelspannungen im Körper, bei der Versorgung der Leiche muss man dann auch mit Fäkalien umgehen. Das ist nicht gerade schön, aber ich möchte für jeden Menschen ermöglichen, seine letzte Reise in einem ordentlichen Zustand anzutreten.  

Eine Leiche zu versorgen, ist ein sehr würdevoller Vorgang. Natürlich ist es auch etwas sehr Intimes, eine andere Person nackt, verletzt oder krank zu sehen – auch, wenn sie tot ist. Aber wenn die Leute sich am Sarg verabschieden wollen ist es mein Ziel, dass der Verstorbene so aussieht, dass die Trauernden sich im Positiven von ihm verabschieden können. 

Zunächst wird die Leiche also hygienisch versorgt. Dabei tragen wir Schutzanzüge und überprüfen, ob in der Todesbescheinigung die Rede von infektiösen Krankheiten ist. Danach lösen wir mit massierenden Bewegungen die Leichenstarre. Anschließend entkleiden, waschen und desinfizieren wir die Person, schließen Wunden und Körperöffnungen und pflegen Haare, Hände und Gesicht. Bei den Haaren benutzen wir oft ein Bild des Verstorbenen, damit wir die Haare so richten können, wie sie zu Lebzeiten waren. Ein bisschen Make-Up, ein bisschen Schminke. Danach kleiden wir an und betten die Person in den Sarg, so dass Angehörige diesen Moment des Abschieds in guter Erinnerung behalten.  

In kleinen Betrieben hat man viel Bereitschaftsdienste. Das ist schon eine Belastung, denn häufig wird man in seiner privaten Zeit kontaktiert, ist vielleicht gerade mit Freunden unterwegs oder beim Essen. Dann gilt es, am Telefon direkt die gebotene Professionalität zu zeigen. Wenn jemand eine schnelle Überführung möchte, muss man sich innerhalb von einer halben Stunde im Anzug zum Betrieb aufmachen können. Das schränkt den privaten Bewegungsradius sehr ein. Trotzdem macht mir die Arbeit Freude, weil sie sinnvoll ist. Der letzte Begleiter eines Menschen zu sein, ist eine wahnsinnig verantwortungsvolle Position.  

Das Geld

Nach der Ausbildung habe ich 1450 Euro netto im Monat verdient, also 2240€ brutto. Bereitschaftsdienste werden zusätzlich bezahlt. Von einigen Ausbildungskollegen habe ich gehört, das sei ein guter Verdienst für einen Berufseinsteiger. Andere sagen, es sei zu wenig für das, was man leiste. Viele denken, eine Bestattung sei so teuer, weil die Bestatter dabei sehr gut verdienten. Aber das stimmt nicht. Bestatter müssen einen 24-Stunden-Notdienst anbieten, zusätzlich gibt es Zeiten, in denen weniger Menschen sterben, die Fixkosten für den Betrieb bleiben aber gleich. Wer mehr Gehalt möchte, muss sich als Bestatter selbstständig machen.   

Viele behaupten auch, dieser Job sei todsicher. Aber wenn man ihn nicht gut macht, verliert man zurecht das Vertrauen der Kunden und bekommt keine Aufträge mehr. Der Job ist verantwortungsvoll, dessen muss man sich bewusst sein. Mein Grundsatz dabei ist mitzufühlen, aber nicht mitzuleiden. Und: es gibt nichts, was es nicht gibt - seien es Körperformen, Bestattungswünsche oder Umstände. Ich möchte, dass jeder, egal mit welchem Hintergrund, ordentlich und würdevoll bestattet wird.  

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