job kolumne kindergarten
Illustration: Katharina Bitzl

Eigentlich stand Joel (24) kurz vor der Bachelorarbeit seines Politik- und Soziologiestudiums. Nach drei Jahren Studium entschloss er sich dann aber doch noch für eine praktische Ausbildung zum Kindergärtner, die er letzten Sommer abgeschlossen hat. Damit ist er in Deutschland nach wie vor eine Rarität – obwohl männliche Bezugspersonen im Kindergarten seiner Meinung nach eine Selbstverständlichkeit sein sollten.

Der Weg 

Ich bin der Älteste von sieben Geschwistern und habe das immer als Bereicherung empfunden. Trotzdem war ich nach dem Auszug erst mal ein bisschen froh, keine Kinder mehr um mich zu haben. Ich zog nach München, um dort Politik und Soziologie zu studieren. Das habe ich dann auch bis zur Bachelorarbeit durchgezogen, hatte aber immer das Gefühl, damit später nicht wirklich was verändern zu können. Auch während des Studiums habe ich mich in verschiedenen Kontexten für soziale Gerechtigkeit engagiert. Warum also nicht doch noch einen Beruf lernen, in dem ich das umsetzen kann? Der Grundstein für diese Gerechtigkeit wird in den Kitas gelegt. An der Stelle zu arbeiten, erfüllt mich mehr, als in irgendeinem Büro am Computer zu sitzen.

Der Weg dahin war eher ein Umweg. Und er ist auch abhängig vom Bundesland: In Bayern kann die Ausbildung zum Erzieher inklusive Berufsschule, Praxiserfahrung und Anerkennungsjahr bis zu fünf Jahre dauern. Ich habe mich für die Ausbildung zum Kinderpfleger entschieden, die konnte ich an der Münchener Fachakademie in nur einem Jahr, sozusagen auf dem Fast-Track, machen. Wenn du Abitur hast dauert es dort nur ein, ansonsten zwei Jahre. Ich persönlich hatte sehr viel Theorie, dafür kam ich schneller zur Praxis und kann das Gelernte dort auch sehr gut anwenden.

 

Die Wirklichkeit

Man kennt leider immer noch dieses Klischee: Kindergärtner sitzen den ganzen Tag rum, tratschen und trinken Kaffee. Das ist totaler Quatsch und so ziemlich das Letzte, wozu ich bei meinem Beruf komme. Trotzdem hat es dazu geführt, dass in vielen Kitas keine Kaffeetassen mehr sichtbar rumstehen dürfen.  

Ich mache auch sehr viel mehr als nur Bespaßung. Oft wird erwartet, dass ein Kind nach drei Jahren Kita wie durch ein Wunder in die Grundschule gehen kann. Das ist eine enorme Verantwortung, die da auf den Erziehern lastet. Besonders jetzt, wo viele Kinder von Refugees dazu kommen, ist die Sprachförderung eine meiner Hauptaufgaben.

Bei uns werden die Weichen für das gesamte Leben gestellt. Mein Anspruch ist, diese Lebensphase so positiv wie möglich zu beeinflussen. Das klappt mal besser, mal schlechter. Kinder haben genau die gleichen Emotionen wie Erwachsene, nur in anderen Kontexten. Und genauso haben sie mal gute und mal schlechte Tage. Manchmal können sie unausstehlich sein. Empathie kann da helfen. Manchmal aber auch nur ein neuer Tag.

Dazu soll im Kindergarten das soziale Verhalten erlernt und erprobt werden. Da bin ich immer noch ziemlich überrascht, wie gut Kinder eigentlich von alleine miteinander umgehen. Blöd ist dann, wenn sich die Kollegen und Kolleginnen selbst nicht an Gesprächsregeln halten. Schließlich sind wir ja Vorbilder und die Kinder schauen sich alles ab. Es kann anstrengend sein, solche Dinge im Team zu thematisieren. Man muss auf jeden Fall kritikfähig sein und zu den eigenen Fehlern stehen. Kommunikation ist alles. Vor allem in einem Beruf, in dem die Stimme und die Sprache so wichtig sind.

Der Tagesablauf

Mein Dienst startet gegen 8.30 Uhr. Danach klassischer Kindergartenablauf: Morgenkreis, Frühstück, pädagogische Angebote. Nach dem Mittagessen ist dann Ruhezeit für alle und das ist auch für uns als Personal sehr wichtig. Auf 25 Kinder aufzupassen ist anstrengend und man muss echt darauf achten, diese Pausen auch einzuhalten.

Wie in allen sozialen Berufen, die mit Menschen zu tun haben, ist jeder Tag anders. Man muss gut beobachten können, um zu verstehen, was bei den Kindern los ist. Wenn ein Familienmitglied stirbt oder die Eltern sich trennen, tragen die Kinder das natürlich mit zu uns. Generell hat alles, was außerhalb des Kindergartens passiert auch Einfluss auf meine Arbeit.  Wenn mir zum Beispiel ein Mädchen aus einem sehr konservativen Elternhaus erzählt, sie darf nicht mehr mit Jungs spielen. Da müssen wir natürlich Grenzen ziehen und dem Kind vermitteln, dass es hier so viel mit Jungs spielen darf, wie es will. Klar werden die Eltern sich da irgendwann beschweren, aber das ist Teil des Jobs, zwischen diesen Fronten zu vermitteln. Das sind dann schon eher die anstrengenderen Tage.  Manchmal falle ich um 9 ins Bett.

Das Privatleben

Ich arbeite 39 Stunden in der Woche. Das war anfangs schon eine krasse Umstellung im Vergleich zum Studentenleben. Dafür habe ich, wenn ich nach Hause komme, so richtig frei. Ich muss nichts mehr lesen, auswendig lernen oder vorbereiten, höchstens mal für spezielle Aktionen.

Trotzdem kann man nicht mehr an einem Dienstagabend weggehen. Meistens muss ich nach Hause, wenn die Party gerade erst losgeht. Für mich wäre es ein absolutes No-Go verkatert oder mit Restalkohol zu arbeiten. Es würde an Selbstmord grenzen, sich in dem Zustand dem Lärm von 25 Kindern auszusetzen.

Obwohl ich so viel mit Kindern zu tun habe, will ich definitiv auch selber mal welche haben. Es ist wirklich beeindruckend zu beobachten, wie sie sich entwickeln und Erfolgserlebnisse haben. Und den Humor finde ich auch ziemlich großartig.

Das Geld

Mit meiner Kinderpflegerausbildung verdiene ich etwas über 1500 Euro netto, Erzieher bekommen ein bisschen mehr. Wenn man sich überlegt, wie viel Verantwortung auf diesem Beruf lastet, ist die Arbeit schlicht zu schlecht bezahlt. Das ist bei den meisten Berufen so, in denen es um Menschenleben geht: Altenpflege, Geburtshilfe, Kindergarten. Das ist schon ein bisschen frustrierend und deshalb war ich letztes Jahr auch streiken.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Als Mann bist du eine Rarität im Pflegebereich und wirst ständig drauf angesprochen. Oft höre ich Dinge wie „ich find's so toll, dass du als Mann so etwas machst“. Tatsächlich liegt die Männerquote bei unter fünf Prozent und männliche Kinderpfleger sind überall sehr willkommen, weil die Kitas ein ausgewogenes Betreuungsverhältnis haben wollen. Die meisten männlichen Erzieher verschwinden nach ein paar Jährchen aktiver Pädagogik in die Leitungsebene. Das habe ich nicht vor. Ich finde es wichtig, dass Kindern beigebracht wird, dass Männer auch Windeln wechseln und Sorgearbeit übernehmen können. Aber eben nicht als besonders oder sogar abwertend gegenüber Frauen im gleichen Beruf.

So geht's jungen Menschen in anderen Berufen: