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2000 Euro brutto für die Innenarchitektin

Foto: Privat, Collage: jetzt.de

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Die Ausbildung

Eigentlich wollte ich eine Ausbildung für visuelles Marketing machen, habe aber keinen Platz bekommen. Innenarchitektur war eigentlich mein Notnagel, anfangs hatte ich keine Ahnung, was das eigentlich bedeutet. Innenarchitektur studiert man eigentlich drei Jahre, aber in Hannover dauert der Bachelor vier, was ich sehr angenehm fand. Mit jedem Semester hat mir das Studium besser gefallen.

Allerdings fehlte mir manchmal der Praxisbezug. Wir haben viele Exkursionen auf Baustellen gemacht, aber die ganzen Werkstätten an der Uni wurden wenig genutzt. Statt Möbel wirklich zu bauen, haben wir eher gelernt, was es für Holzverbindungen gibt. Im Studium haben wir viel mehr entworfen und nicht so sehr darüber nachgedacht, wie und ob man das dann auch realisieren könnte. Jetzt im Beruf merke ich, dass mir die Praxiserfahrung fehlt. 

 

Das Frustrationspotenzial

Im Job habe ich schnell festgestellt, dass mein Studium wenig mit der Berufsrealität zu tun hatte. Uns wurde immer erzählt, wir könnten danach mit den Hochbauarchitekten mithalten. Dafür fehlen mir aber definitiv die Skills – und die muss ich mir jetzt mühsam aneignen. Hier geht es eben nicht nur darum, die Wand zu planen, sondern sie dann auch tatsächlich zu bauen. Dafür muss man super detailliert planen, Materialmuster bestellen und sichergehen, dass der Bauherr sich ganz genau vorstellen kann, wie das dann später mal aussieht. 

 

Im Studium steht der Mensch im Vordergrund, also der spätere Nutzer und wie der dann mit dem Entwurf leben wird. Im Job ist der wirtschaftliche Faktor viel wichtiger, das Material muss vor allem billig sein und der Entwurf umsetzbar. Jetzt muss ich mich deshalb viel mehr mit Zahlen und Preisen rumschlagen, was ich im Studium bei meinen Entwürfen komplett ausblenden konnte. Mit der Arbeit habe ich teilweise noch mal komplett neue Sachen gelernt.

Was ich super finde, ist die Mischung aus Kreativität und Technik. Ich muss die ganze Zeit improvisieren, weil es so viele Normen und Richtlinien gibt. Ich muss tüfteln, wie ich meinen Entwurf doch umsetzen kann. Es ist ein cooles Gefühl, wenn das, was du auf dem Papier entwickelt hast, dann 1:1 vor dir steht.

Das Geld

Ich bin unbefristet angestellt und das ist ein großes Glück, so direkt nach dem Studium. In der Branche ist das nicht selbstverständlich, oft werden Leute nur für einzelne Projekte beschäftigt. Momentan verdiene ich 2000 Euro brutto, mit Abzügen sind das 1400 Euro netto im Monat. Für mich eine Menge Geld, aber ich glaube, ich hätte bei den Gehaltsverhandlungen noch höher ansetzen können. Für meine Arbeit finde ich es aber absolut angemessen.

Die Arbeitszeiten und die Überstunden

Ich arbeite 40 Stunden die Woche. Meine Kollegen sind meistens vor mir da und gehen nach mir, obwohl ich meine acht bis neun Stunden vor dem Computer sitze. Tatsächlich ist mein Job in erster Linie ein Bürojob. Anfangs hatte ich mir fest vorgenommen, keine Überstunden zu machen, aber man kommt einfach nicht drum herum. Alle machen das. Zum Glück bekomme ich die aber am Ende des Jahres ausgezahlt oder kann sie abbummeln. Das Gute an dem Job ist, dass ich nichts mit nach Hause nehme. Am Wochenende habe ich wirklich frei.

Der Stressfaktor

Egal, wie strukturiert die Projekte sind, die wir als Auftrag bekommen, egal, wie präzise der Zeitplan ist – irgendwas kommt immer dazwischen. Man hängt gefühlt immer hinterher. Das liegt vor allem daran, dass die Bauherren Entwürfe und Ergebnisse zu fixen Zeitpunkten einfordern und wenig flexibel sind. Kaum ist eine Deadline geschafft, kommt schon die nächste.

Die Berufskrankheit

Wenn Leute in meiner WG zu Besuch sind, sehen die sofort, dass ich Innenarchitektur mache. Vier Jahre Studium haben mich sehr geprägt, nicht nur, was meine eigenen vier Wände angeht: Ich nehme Räume jetzt ganz anders wahr. Das kann ziemlich nerdig wirken, wenn man in jedem Raum, den man betritt, erst mal die Lichtverhältnisse kommentiert. Oder sich mit anderen Innenarchitekten berät, was man da in dem WG-Zimmer hätte besser gestalten können. Was Einrichtung angeht, halte ich mich aber meist zurück. Das soll jeder machen, wie er oder sie sich wohlfühlt. Da kann man Leuten nämlich auch schnell zu nahe treten.

Die Frage, die auf Partys immer wieder kommt 

Wenn ich sage, dass ich Innenarchitektin bin, kommt oft „Ah, sowas mit Feng Shui?“. Oder: „Ich habe da so eine Wand im Wohnzimmer und weiß seit Jahren nicht, was ich damit machen soll, kannst du dir die nicht mal angucken?“ Das Klischee ist der „Kissenknicker“, der alles ein bisschen aufhübscht. Mit meiner Arbeit hat das wenig zu tun.

 

Die Aussichten

Ich will auf jeden Fall nicht mein Leben lang im Büro sitzen. Als Innenarchitektin kann man in sehr unterschiedlichen Bereichen arbeiten. Man kann zum Beispiel Ausstellungen planen. Oder man macht sich selbstständig, aber das ist sehr aufwendig. Ich persönlich hätte auf jeden Fall Bock, noch gestalterischer zu arbeiten, vielleicht für gemeinsame Wohnprojekte. 

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