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„Benjamin Blümchen ist der typische Wutbürger“

Wissenschaftler haben untersucht, welche Rollenbilder die Helden unserer Kindheit unbemerkt vermitteln.
Interview: Sophie Bamler
  • cover hoerspiele dpa
    Foto: dpa

Wissenschaftler der Universität Kassel haben Benjamin Blümchen, Bibi Blocksberg und Co. auf Stereotype untersucht. Warum Bibi eine Opfer der Männerwelt, Pippi Langstrumpf die klassische Rebellin und Benjamin Blümchen der typische Wutbürger ist, erklärt Oliver Emde, Politikwissenschaftler und Mitglied des Forscherteams

 

jetzt: Herr Emde, wie kommt man darauf, Benjamin Blümchen auf Wertvorstellungen und politische Haltungen  zu untersuchen?

Oliver Emde: Die Idee kam aus der eigenen Hörspielerfahrung heraus. Man nimmt sich noch einmal die Kassetten aus der Kindheit vor und plötzlich hört man ganz andere Sachen heraus. 

Was denn zum Beispiel?

Dass Bibi Blocksberg oft ziemlich spießig sein kann. Oder man wundert sich plötzlich, wenn einem rassistische Vorurteile bei TKKG auffallen. Dass Verbrecher häufig einen slawischen Akzent haben oder Narben im Gesicht. Oder wie eben auch bei Bibi Blocksberg, diese starren Geschlechterrollen: Da denkt man sich: Sowas habe ich als Kind nie gemerkt! Da werden Normen und Wertvorstellungen subtil vermittelt, die man als junger Hörspielhörer nie richtig reflektiert hat. Zusammen mit meinen Kollegen Andreas Wicke und Lukas Möller sind wir darauf gekommen, dass man sich auch mal aus soziologischer und politikwissenschaftlicher Sicht damit beschäftigen könnte. 

 

Erklären Sie doch mal: Wie ist Bibi Blocksberg so drauf?

Bei Bibi Blocksberg schwingt dieses typische Gesellschaftsbild der Achtzigerjahre mit. Es wird ein sehr traditionelles Familienbild überliefert. Also, dass die Hexen, obwohl sie ja starke Persönlichkeiten sein könnten, eher traditionelle Aufgaben von Frauen übernehmen und die Männer die Entscheider sind. Da haben wir aber zum Beispiel bei Pippi Langstrumpf ganz andere Frauenbilder, nämlich eine starke Mädchenfigur. Es geht auch anders. Es muss nicht unbedingt immer der konservative Zeitgeist transportiert werden. 

 

Benjamin Blümchen verkörpert den typischen Stuttgart-21-Demonstrant

 

Wie kommt es, dass Pippi so anders ist?

Die hat sich mein Kollege Lukas Möller im Detail angesehen. Er hat herausgearbeitet, dass bei Pippi eine autonome Frauenfigur konstruiert und ein antiautoritärer Erziehungsstil vermittelt wird. Sie veräppelt die Polizei, sie widersetzt sich in der Schule der Lehrerin. Und zugleich haben wir das Gegenteil parat, von dem sich Pippi deutlich abgrenzt, nämlich ihre Freunde, Tommy und Annika, die das Idealbild der bürgerlichen Gesellschaft verkörpern. Pippi dagegen fordert lieber Autoritäten heraus und hinterfragt deren gesellschaftliche Stellung. Ich bin nicht der Pippi-Langstrumpf-Experte. Aber ich denke, das hat auch immer etwas mit den Autorinnen zu tun. Astrid Lindgren hatte wohl ein radikaleres Verständnis von kindlicher Autonomie als Elfie Donnelly bei Bibi Blocksberg. Aber auch sie fordert durchaus Gesellschaftsbilder heraus: Die Autorin von Bibi Blocksberg ist ja auch die Autorin der frühen Benjamin-Blümchen-Folgen und da werden ganz andere Aspekte behandelt.

 

  • Oliver Emde
    Foto: privat

Welche zum Beispiel?

Benjamin Blümchen ist schon so ein richtiger Wutbürger. Er setzt sich auf Bäume, damit die nicht gefällt werden, so wie das die Gegner bei Stuttgart 21 gemacht haben. Er organisiert Sitzstreiks, damit Straßen nicht gebaut werden. Er initiiert Demonstrationen mit den Waldtieren, in denen sogar zu politischer Gewalt aufgerufen wird. Da findet man ein lebendiges Bild der Demokratie, in der es darum geht, sich nicht alles gefallen zu lassen und sich einzusetzen. Neben diesem partizipatorischen Verständnis von Demokratie haben wird bei Benjamin Blümchen ein relativ kritisches Bild der institutionalisierten Politik. Erinnern Sie sich an den Bürgermeister, der dort auch nicht gut wegkommt, der eigennützige Entscheidungen trifft, sich nicht an seine Wahlversprechen hält. Er kooperiert häufig aus rein egoistischen Gründen mit Wirtschaftsvertretern und wird sehr naiv und dümmlich dargestellt. Auf der anderen Seite ist da ein starkes Bild der Zivilgesellschaft, die in unterschiedlichen Formen lebendig an der Demokratie teilnimmt. 

 

Verinnerlichen Kinder solche Modelle?

Das ist relativ schwierig zu sagen. Jeder rezipiert anders. Man kann die Inhalte als gegeben annehmen, man kann sie aber auch als Anlass nehmen, sich zu wehren.

 

Bibi ist heute immer noch der Renner - nur eben auf Spotify statt auf Kassette 

 

Welche Werte werden Kindern denn heute durch Hörspiele vermittelt?

Also tatsächlich sind ja die alten Hörspiele noch immer die, die auch heute noch gekauft werden. Die werden eben jetzt nicht mehr auf Kassette, sondern bei Spotify oder anderen Anbietern gehört. Fünf Freunde, Drei Fragezeichen und TKKG sind immer noch die drei großen Hörspiele, die gut laufen. Man kann aber sehen, dass sich dort die Inhalte auch ein bisschen verändert haben. Meines Erachtens haben wir eine Entpolitisierung, zum Beispiel in den Benjamin-Blümchen-Folgen.

 

Meinen Sie, den Machern war das mit den Stereotypen bewusst oder haben die sich einfach nur der Zeit angepasst?

Da bin ich mir oft nicht so ganz sicher. Der Autor von TKKG, Rolf Kalmuczak, war eben auch so ein konservativer Denker. Er sagt, man brauche in einer Gesellschaft bestimmte Stereotype zur Orientierung. Und dass er ein pädagogisches Anliegen habe, dass Kinder sich durch seine Geschichten in der Welt zurecht finden. 

 

Sie sind nun ja ein echter Hörspiel-Experte. Wie viele Hörspiele besitzen Sie denn selbst?

(lacht) Das dürften so an die 2000 sein. Ich höre die eigentlich nur noch auf MP3, aber im Keller habe ich noch die Kassetten in Kisten gelagert.

 

Wer ist Ihr Liebling?

Benjamin Blümchen aus Forscherperspektive. Vor allem wegen der politischen Aspekte. In meiner Freizeit höre ich aber lieber die Drei Fragezeichen.

 

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