Woher der Hass? München

Junggesellenabschiede, Latte-Macchiato-Muttis, deutsches Fernsehen: Es gibt Dinge, die leidenschaftlicher gehasst werden als andere. Folge 3: Dieses Provinz-Nest in Bayern.
Von Nadja Schlüter
Illustration: Daniela Rudolf

Als ich nach München zog, nahm ich mir zwei Dinge fest vor: niemals „Brezn“ statt „Brezeln“ zu sagen und niemals schlecht über München zu sprechen. Mittlerweile lebe ich hier seit zweieinhalb Jahren, bestelle beim Bäcker Brezn und weiß viel Gutes, aber auch viel Schlechtes über München zu sagen. Und ich finde, ich bin dazu berechtigt, weil „München“ seit 30 Monaten als Wohnort auf meinem Personalausweis steht. Das Schlechte an München wird aber auch gerne von denen betont, die nicht hier leben. Die mal zu Besuch oder sogar noch nie in der Stadt waren. Ihr Münchenhass ist noch viel größer als der Münchenhass mancher Münchner und speist sich aus folgenden Gewissheiten: Alle tragen zu jeder erdenklichen Gelegenheit (Oktoberfest, Starkbierfest, Frühlingsfest, jedes Fest) Lederhosen und Dirndl – das ist altmodisch und widerlich. Die Straßen sind völlig sauber, dafür aber voller Polizisten – das ist autoritär und widerlich. Ein Bier kostet mehr als drei Euro und ein Quadratmeter ungefähr 15 – das ist unmenschlich und widerlich. Um das bezahlen zu können, arbeiten alle den ganzen Tag, schlafen nachts, auch samstags, und niemand hat Bock auf geschweige denn Zeit für Demos, Graffiti und generell „Rock’n’Roll“ – das ist langweilig.

Der Hass auf München beruhigt: Das eigene Leben ist noch lange nicht festgezurrt. Vor allem Berlinern und Hamburgern gilt München darum als Provinznest, in dem die Gentrifizierung zu Ende gedacht wurde. München-Bashing hat sich so sehr durchgesetzt, dass es Münchner nicht mal mehr erlaubt ist, die Stadt zu verteidigen („Ihr habt ja bloß Minderwertigkeitskomplexe!“), dafür jedem, der die Stadt nicht kennt, irgendwas sehr Endgültiges darüber zu sagen („Boah Müüünchen, da würde ich nie-, nie-, niemals hinziehen!“). Kommen diese München-Basher dann wirklich mal nach München, sind sie selten positiv überrascht, weil es ja stimmt, dass es viele Polizisten, saubere Straßen, Trachten und teures Bier gibt. Aber man natürlich auch nichts anderes sieht, wenn man sich nur ausreichend darauf eingeschossen hat.

Der Hass auf München hat viel mit der Sehnsucht nach einem vorzeigbaren deutschen Großstädter-Leben zu tun, das vor allem bedeutet: immerwährende, wilde Jugend. In München ist aber vor allem das Erwachsensein sehr einfach. Alte Menschen und Menschen aus Dörfern, die nicht vorhaben, bald nach Berlin zu ziehen, sondern gerade ein Haus bauen, finden München nämlich meist schön. Weil grüne Parks, sprudelnde Flüsse und hübsche Bauten sie glücklich machen. Für die anderen ist die Afterhour im Kater Holzig wichtiger und dass es den KitKatClub und türkische Bäcker gibt. Was nicht heißt, dass sie da hingehen. Sie wollen nur, dass es prinzipiell möglich ist, dass die theoretisch verfügbare Jugendlichkeit und Wildheit auf sie abfärbt. Sie wollen sagen können, dass sie jetzt mal runter zum Späti gehen und dass ihr Mitbewohner Freitagabend gegangen und erst Dienstagmorgen wiedergekommen ist. 

In München aber geht man einkaufen bis um acht, kriegt Ärger mit den Nachbarn, wenn die Waschmaschine abends noch schleudert, und statt zur Afterhour geht der Mitbewohner morgens an der Isar joggen. München wird vor allem von all jenen gehasst, die dieses bürgerliche Konzept des Erwachsenseins, dieses Zurücklehnen im eigenen festgezurrten Leben ablehnen. Allein dafür braucht es München: Wenn auch in der eigenen Stadt so einiges schiefläuft – im Vergleich zu dem Nest da unten in Bayern ist sie immer noch ein Quell der Neuerungen, der Jugend und des Rebellentums. 

Dass es bei dem großen Münchenhass aus der Münchenferne meist genau darum geht, merkt man vor allem, wenn die ewig Jungen irgendwann doch einen Job haben wollen. Und zwar nicht irgendeinen, sondern einen, in dem sie gut verdienen, der bequem ist und ihnen Bequemlichkeit ermöglicht. Der dafür sorgt, dass sie auch mal im Feinkostladen einkaufen können, nicht nur beim Späti, dass sie auch mal nach Italien fahren können, statt immer nur ins Prinzenbad zu gehen. Diesen Job finden sie meistens in München. Und dann packen sie den Umzugswagen, brausen damit über die deutschen Autobahnen und dann kann man ihnen zuwinken, wenn sie damit durchs Siegestor fahren.

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