Horror-Mitbewohner: der cholerische Troll

Jeder hat schon einmal mit einem Menschen gewohnt, mit dem er sich nicht verstanden hat. In dieser Serie stellen wir sie vor.
Illustration: Daniela Rudolf

Wohnsituation: Vierer-WG mit Parkblick

Geschlecht und Alter des Horror-Mitbewohners: männlich, 41 Jahre

Horror-Stufe: 9 von 10 

Leider kann ich diese Geschichte über Kai nicht in der Vergangenheitsform schreiben, denn ich wohne immer noch mit ihm zusammen. Ich teile mir also Toilette, Küche und Wohnungstür mit jemandem, den ich eigentlich nie wieder sehen will. 

Dabei hat vor einem Jahr alles so schön angefangen: Meine Exfreundin hatte mich in unserer gemeinsamen Wohnung betrogen und ein Tapetenwechsel war die einzige Möglichkeit, den Schmerz und den Liebeskummer endlich loszuwerden. Bis dahin hatte ich das übliche Mittel gegen dieses Problem ausprobiert: übertriebenen Alkoholgenuss. Und so stand ich beim WG-Casting und stellte mich mit dem Satz vor: „Sorry, aber ich bin total verkatert.“ 

Die Mädels und Kai fanden das sympathisch und so wurde ich ihr vierter Mitbewohner. Dass Kai auch gerade erst in die Wohnung einzog, wurde mir nach meinem Einzug mitgeteilt – es war mir aber natürlich egal. Ich kannte Kai nicht und als ich meinen Katerspruch rausgehauen hatte, hatte er am lautesten gegrölt. 

Die Bude war ein Traum: direkt am Stadtpark gelegen, Altbau, hohe Wände, große Zimmer, geringe Miete. Und die Mitbewohner erst! Die beiden Mädels waren beide Anfang 30, Künstlerin und Architektin, mit Sinn für das Schöne und Wahre, was mir als Germanistikmasterant natürlich sofort gefiel. Kai war zwar schon älter und langzeitarbeitslos, hatte aber immer noch Drive, wie ich fand. Wir quatschten, feierten, planten unser gemeinsames Leben. In einer feierlichen Sitzung diskutierten wir unsere Hygienestandards, gelobten dem Putzplan ewige Treue und gründeten eine Whatsapp-Gruppe mit dem Namen „Beste WG der Welt“. 

Irgendwie hatte ich aber damals schon eine Vorahnung, die sich auch bald bewahrheiten sollte: Wie so oft war der Putzplan die Sollbruchstelle und bald musste das erste Krisentreffen einberufen werden. Schon nach einem Monat war von der anfänglichen Kommunenstimmung wenig übrig. Die Mädels und ich bemühten uns um Harmonie, aber Kai stellte sich bald als übler Choleriker heraus.

 

Ich habe ihn zu Beispiel mal gefragt, ob ich etwas Butter von ihm haben könne. „Klar“, sagte er. „Wir können uns die in Zukunft ruhig teilen!“. Lässig, dachte ich. Als ich jedoch am folgenden Tag von der Butter nahm, drehte er komplett durch. „BIST DU BEHINDERT?!“, brüllte er mich mit einem Gesichtsausdruck an, als hätte ich auf sein Bett gepinkelt. „Hä, wir haben doch gesagt, dass wir teilen...“, wollte ich entgegnen, aber er schrie: „HAT DIE SCHEISS BUTTER NEN SCHEISS RING!? SEID IHR VERFICKT NOCHMAL VERHEIRATET?!!“ und rannte in sein Zimmer. Als ich später an seiner Tür klopfte, um mich zu entschuldigen, war er wie verwandelt: Klar, sei doch alles nur Spaß gewesen, kein Problem. 

 

Dieser „Spaß“ wiederholte sich immer wieder. Er schrie uns ständig wegen Lappalien an und explodierte fast, sobald man ihn auf den Putzplan hinwies oder fragte, wann er die Mietschulden begleichen wolle (er hatte bereits im zweiten Monat „vergessen“, die Miete zu überweisen). Es gipfelte schließlich darin, dass er unseren Mitbewohnerinnen verbieten wollte, ihre Freunde mit nach Hause zu bringen. 

 

Schließlich machten wir ihm klar, dass er doch kündigen möge (wir sind alle vier Hauptmieter mit gleichen Rechten – wenn einer gehen will, müssen alle zustimmen, und umgekehrt). Kai rannte daraufhin wider mal wütend in sein Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Auf Briefe mit der Aufforderung, mit uns zu sprechen, schrieb er nur ein fettes „LOL.“

 

Seitdem verkriecht er sich wie ein Troll in seinem Zimmer. Er verlässt es nur, wenn er sicher ist, dass keiner von uns wach ist, um unsere Speisen zu plündern oder sich in der Badewanne zu rasieren und seine Haare drin verteilt zu lassen. Aus seinem Zimmer weht eine widerliche Geruchsmelange aus Alkohol, Schweiß und Gras. Vor kurzem haben wir festgestellt, dass es in unserer Abstellkammer nach Urin riecht: Er hat in eine Vase gepinkelt und sie dann einfach dort abgestellt. 

 

Wir wissen nicht, was wir mit ihm tun sollen. Rechtlich gesehen bleibt uns nur eine kostspielige Räumungsklage, aber dazu fehlt uns das Geld. Und rausprügeln wollen wir ihn nicht. Das ist uns zu barbarisch. Vielleicht hilft es, wenn wir jeden Tag Helene Fischer auf voller Lautstärke hören. Ansonsten sind wir ziemlich ratlos. 

Bei diesem Text handelt es sich um den Beitrag eines jetzt-Lesers. Er hat darum gebeten, anonym zu bleiben, sein Name ist der Redaktion aber bekannt. 

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