Horror-Mitbewohner: Die Motten-Frau

Jeder hat schon einmal mit einem Menschen gewohnt, mit dem er sich nicht verstanden hat. In dieser Serie stellen wir sie vor.
Illustration: Daniela Rudolf

Wohnsituation: 4er WG

Geschlecht und Alter des Horror-Mitbewohners: weiblich, 34

Horror-Stufe: 7 - 8

Als ich vor zwei Jahren zu Beginn meines Studiums im Dauerwohnungskrieg unserer Stadt endlich eine Zimmerzusage bekam, war ich überglücklich. Dass sich die WG mit zwei deutlich älteren Mitbewohnern und einer Dauerheimfahrerin als eher zweckmäßig herausstellte, fand ich zwar etwas schade, aber auch nicht weiter schlimm. Nicole (alle Namen in diesem Text sind geändert), die den gesamten Tag mit dem Laptop auf dem Wohnzimmersofa zu verbringen schien (jedenfalls niemals in der Uni), fand ich zwar sonderbar, aber ich hielt mich einfach aus allem heraus.

Problematisch wurde es erst gegen Ende meines zweiten Semesters, als in einem Wohnzimmerschrank unserer WG Kleidermotten auftauchten – eigentlich kein allzu großes Problem, das wir durch beherztes Saubermachen schnell wieder in den Griff bekamen. Doch in Ermangelung eines anderen Lebensinhaltes begann Nicole, überall Motten beziehungsweise deren Eier zu sehen.

In diese Situation platze Cornelia – sie übernahm das Zimmer der Heimfahrerin. Wir begannen gemeinsam unser Medizinstudium und wurden bald beste Freundinnen. Während unsere Tage in der Uni vor allem von der menschlichen Anatomie und langen Aufenthalten in der Bibliothek beherrscht wurden, bestimmten zu Hause die Motten unseren Alltag. Nach und nach wanderte der gesamte Inhalt von Nicoles Zimmer ins Wohnzimmer, denn bald hielt sie nur noch ihr eigenes Reich für „verseucht“, da der Rest von uns ja keine Mottenprobleme hatte. Sie verbrachte ihre Tage damit, im Internet über Motten zu recherchieren, ihr Zimmer zu putzen, ihre Klamotten zu waschen und alles andere zu föhnen („Hitze zerstört Motteneier!“) – häufig bis spät in die Nacht. Bei unserem Staubsauger wurde die Lüftung zugeklebt („Da pustet es sonst die Motteneier wieder raus!“), weswegen dieser ständig überhitzte.

Bald schon reichte das Waschen nicht mehr aus: Nicole begann, täglich den Inhalt ihres gesamten Kleiderschranks vor der Tür auszuschütteln („In bewegten Klamotten setzen sich die Motten nicht rein!“) und in Ermangelung eines Gefrierfachs wanderte die Kleidung, die nicht bei 60 Grad waschbar war, in Plastiksäcke verpackt aufs Fensterbrett, sobald es dafür kalt genug war („Kälte zerstört die Motteneier!“). Dort blieb das Zeug für die nächsten zwei Monate liegen, bis es wieder wärmer wurde und sich der Stoff durch Schimmelbefall wahrscheinlich schon selbst zersetzt hatte. Durch einen Sturm wurden die Säcke schließlich vom Fensterbrett geweht, woraufhin wir sie in den Keller packen sollten, wo sie bis heute liegen – niemand hat sich je getraut, einen davon nochmal zu öffnen.

Auch unsere Gespräche mit Nicole hatten kaum mehr anderen Inhalt als die Motten. Wir wurden dem Thema gegenüber hochsensibel: Bewegte sich das Gespräch in diese Richtung, machten wir uns so schnell wie möglich aus dem Staub. Und wenn mal wieder Nenas „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ im Radio lief (was erschreckend häufig der Fall war!), wurden wir total nervös und versuchten die Zeile „Fliegen Motten in das Licht“ so laut wie möglich zu übertönen, um Nicole keinen neuen Anlass zum Jammern und Schimpfen zu liefern.

Wir wussten, dass wir ihr irgendwie helfen mussten, doch mit rationalen Gesprächen war absolut nichts zu machen. Deswegen wandten wir uns an die psychologische Beratungsstelle unserer Uni. Dort sagte man uns aber nur, Nicole zu einer Therapie zu bewegen. Da sie schon eine Psychologin hatte, diese das Thema (nach Nicoles Aussage) aber nicht sehr ernst nahm, brachte auch dieser Vorstoß nicht viel.

Nach etwa vier Monaten normalisierte sich die Lage wieder. Gut, unser Staubsauger ist nach wie vor zugetapet, Nicole trägt immer noch hauptsächlich Sportklamotten aus Polyester („Da gehen die Motten nicht so rein!“) und unsere Fenster dürfen wir immer noch nicht aufmachen, wenn das Licht an ist. Doch ansonsten hat sich das WG-Klima wieder deutlich verbessert und ich würde sogar fast sagen, dass wir befreundet sind. Bald wird unsere Wohnung leider aufgelöst. Cornelia und ich wollen weiter in einer WG wohnen. Hoffentlich tauchen dort niemals Motten auf.

*alle Namen geändert

Bei diesem Text handelt es sich um den Beitrag einer jetzt-Leserin. Sie hat darum gebeten, anonym zu bleiben, ihr Name ist der Redaktion aber bekannt.

Möchtest du auch von einer Horror-WG erzählen? Wir freuen uns über Einsendungen. Entweder per Mail an info@jetzt.de oder über unsere Facebookseite.