Horror-Mitbewohner: Der dreckige Poker-Spieler

Jeder hat schon einmal mit einem Menschen gewohnt, mit dem er sich nicht verstanden hat. In dieser Serie stellen wir sie vor.
Illustration: Daniela Rudolf

Wohnsituation: Zweier-WG

Geschlecht und Alter des Horror-Mitbewohners: männlich, 19 oder 20

Horror-Stufe: 6 von 10

Der Horror

Ich war neu in Berlin und stand nach dem Ende meiner Zwischenmiete ohne Wohnung da. Ich schlief auf dem Sofa eines Freundes und die Suche zog sich in die Länge. Ich wurde immer verzweifelter. Nach Wochen besichtigte ich Martins WG: Schnell alle Räume angeschaut, mein zukünftiges Zimmer sah in Ordnung aus, sein Zimmer habe ich kaum gesehen, Küche etwas unordentlich. Das Bad konnte ich kaum erkennen, weil es kein Fenster hatte, die Deckenglühbirne kaputt war und nur eine kleine Stehlampe den Raum notdürftig beleuchtete. Wichtiger war, dass wir uns in der Küche nett unterhalten haben. Ich bekam die Zusage und war unendlich erleichtert.

Schon bei Einzug erste Alarmzeichen: Während meine Freunde und ich meine Möbel in mein neues Zimmer schleppten – und er netterweise half – kommentierte er meine Habseligkeiten mit: „Das ist ja so… bürgerlich.“ Er selbst sei ja nur mit einem Rucksack nach Berlin gezogen. 

In den folgenden Tagen stellte sich heraus, dass ich bei der Besichtigung aus lauter Verzweiflung wohl nicht so genau hingeschaut hatte: In der Wohnung war seit einem Jahr nicht geputzt worden. Es gab keine Putzmittel außer Spüli und Duschgel, noch nicht einmal Handseife. In den ersten beiden Tagen legte ich die Klobrille mit Klopapier aus und ging mit Flip-Flops duschen.

Dann schraubte ich im Bad eine neue Glühbirne ein – und das ganze Ausmaß wurde deutlich: Das Klo sah aus wie in „Trainspotting“, ein Stapel Klopapier daneben so, als ob er schonmal durchweicht und dann wieder getrocknet war. Ebenfalls durchweichte und dann getrocknete Zeitschriften lagen auf dem Boden und jede Menge dreckiger Handtücher waren im gesamten Bad verteilt. Das Waschbecken war voll mit Stoppeln, der Abfluss der Dusche verstopft. 

 

Meine erste Amtshandlung war natürlich: Putzmittel besorgen, dann der Großputz. Skeptisch beäugt von Martin, der mir subtil zu verstehen gab, ich hätte einen Putzfimmel. Auf meine Frage, was mit den ganzen Handtüchern sei, antwortete er, dass vor einigen Wochen eine Freundin mit langen Haaren zu Besuch gewesen sei, die beim Öffnen der Duschtür das Bad geflutet habe (Abfluss!). Als ich den Zeitschriftenstapel anhob, gab es ein lautes Schmatzgeräusch – darunter hatte sich Schimmel ausgebreitet. Ich veranstaltete zwei Tage lang eine Essig- und Chlor-Orgie im Bad, als nächstes war die Küche dran, in der alle Gegenstände vom Kochfett klebten. Spätestens danach war ich für Martin natürlich die Spießerin. Dass er mir dieses Gefühl gab, nehme ich ihm bis heute übel.

 

Seine Zahnbürste lag Tag für Tag an der gleichen Stelle in der gleichen Position im Badregal

 

Mit der Zeit erfuhr ich auch, wie es in seinem Zimmer aussah: eine dreckige Matratze, ein wackeliges Regal mit ein paar Büchern drin, ein gemietetes Klavier mit Stuhl. Auf diesem spielte er öfter, was er tatsächlich gut konnte. Ein riesiger Haufen dreckiger Klamotten, eine Teetasse neben der Matratze als überfüllter Aschenbecher. Die Bettwäsche wusch er nie, er besaß nur ein Set. Er rauchte und kiffte ständig in seinem Zimmer und lüftete nicht. Wenn er nicht da war, achtete ich immer darauf, seine Zimmertür zu schließen. Was mich besonders beunruhigte, war die Tatsache, dass seine Zahnbürste Tag für Tag an der gleichen Stelle in der gleichen Position im Badregal lag. Ich ekelte mich. 

 

Irgendwann fing er an, nicht mehr in seine Jura-Vorlesungen zu gehen und nachts zu verschwinden. Gegen halb acht am Morgen, wenn ich gerade aufstand, kam er zurück. Nach einer Weile fragte ich ihn, wo er hinging. Antwort: Er sei Croupier bei illegalen Pokerspielen. Nach einer Weile erzählte er mir, dass er nun die Seiten gewechselt habe und selbst mitspiele, so verdiene man einfach mehr Geld. Zwischendurch lag in der Küche Bargeld herum – die großen Scheine. Seine Eltern durften von seinem Lebenswandel nichts erfahren und dachten, dass er weiterhin brav sein Studium durchzog.

 

Ich fühlte mich neben einem so planlosen Menschen, der sein Leben nicht auf die Reihe bekam, uralt. Nach einem Jahr zog ich aus. Machmal trafen wir uns noch in der U-Bahn und ich erfuhr, dass er endlich ein Studium begonnen hatte, an dem ihm etwas lag – Philosophie und Musik auf Lehramt. Durch die zufälligen Treffen über mehrere Jahre hinweg weiß ich, dass er es mittlerweile erfolgreich beendet hat. Was meine Nachmieter anging: Es zogen zwei (!) Dänen ein, die gerade in Berlin Erasmus machten. Und die wurden selbst Martin zu chaotisch. Er bat sie, auszuziehen. 

Bei diesem Text handelt es sich um den Beitrag einer jetzt-Leserin. Sie hat darum gebeten, anonym zu bleiben, ihr Name ist der Redaktion aber bekannt. 

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