„Ich habe abgetrieben und sehr lange geschwiegen“

Collage: Daniela Rudolf-Lübke / Foto: cookie_studio / Freepik

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Sie sind Thai-Boxerinnen, Studentinnen oder Ärztinnen - einige von ihnen haben Kinder, andere nicht. Sie unterscheiden sich deutlich, haben jedoch eines gemeinsam: Sie sind Frauen, die abgetrieben haben und offen mit der Autorin Jeanne Diesteldorf über ihren Schwangerschaftsabbruch gesprochen haben. In ihrem Buch „(K)eine Mutter“ teilt Jeanne deren Erfahrungen. Gemeinsam nehmen sie an der öffentlichen Debatte zum polarisierenden Thema „Schwangerschaftsabbruch“ teil. Knapp 100 000 Menschen haben 2020 eine Schwangerschaft abgebrochen. Und in Deutschland entscheidet sich etwa jede vierte Frau einmal in ihrem Leben dafür, eine Schwangerschaft zu beenden. Eine Abtreibung ist in Deutschland laut Paragraph 218 jedoch rechtswidrig, bleibt in bestimmten Fällen aber straffrei. 

Als eine der Erzählerinnen, Janina Müller, vor ihrem Abbruch steht, sucht sie im Internet nach einer Arztpraxis. Bei ihrer Recherche stößt sie allerdings ausschließlich auf Seiten von Abtreibungsgegnern und abschreckende Bilder. Das Verbreiten von Auskünften zu Abtreibungen ist in Deutschland verboten und der Zugang zu Informationen sei daher begrenzt. 2017 führte dieses Werbeverbot zur Verurteilung der Ärztin Kristina Hänel, die auf ihrer Internetseite über Schwangerschaftsabbrüche informierte. 

Das Thema sei politisch, jedoch intim, sagt Jeanne, an den betroffenen Frauen würde vorbei diskutiert. Im Interview spricht sie darüber, wieso sie sich eine andere Debatte über Schwangerschaftsabbrüche wünscht und erklärt, wie diese aussehen könnte.

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Die Autorin Jeanne Diesteldorf nimmt mit ihrem Buch „(K)eine Mutter“ an der Debatte zum Tabuthema „Abtreibung“ teil.

Foto: Laura Wencker

jetzt: Jeanne, warum hast du dich entschieden, das Buch zu schreiben?

Jeanne Diesteldorf: 2018 begann die Diskussion um den Paragraphen 219a, das sogenannte Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland. Ich habe mich gewundert, warum dabei so wenige betroffene Frauen mitreden. Dann habe ich in den Spiegel geschaut und mir gedacht: „Du sprichst ja selbst nicht darüber!“. Ich habe abgetrieben und sehr lange geschwiegen. Auch ich habe das Thema tabuisiert. Ich fragte mich, woran das lag und wie ein Kommunikationsraum aussehen müsste, in dem ich mich wohlfühlen würde. Der Raum müsste öffentlich sein, um Teil der Debatte zu sein, aber klar begrenzt und somit geschützt. Das Ergebnis dieser Überlegungen ist das Buch. Es sind Frauenporträts in Wort und Bild.

Dieses umstrittene Werbeverbot soll nun laut Koalitionsvertrag der Ampel-Parteien gestrichen werden. Was sind deine Gedanken dazu?

Ich habe mich riesig darüber gefreut. Während der Koalitionsbesprechungen habe ich aufmerksam mitverfolgt, wie die Parteien mit den beiden Paragraphen 218 und 219a umgehen. Dementsprechend empfinde ich diese Entscheidung als einen Schritt in die richtige Richtung. Einen Schritt Richtung Enttabuisierung. Trotzdem bleibt noch viel zu tun.

Im Buch beschreibst du Abtreibungen als letztes großes Tabuthema. Warum?

Es ist nicht das letzte Tabuthema, aber eines der letzten. Abtreibungen sind in Deutschland illegal, aber unter gewissen Umständen straffrei. Sie kosten Geld und die Krankenkasse übernimmt die Kosten nur in manchen Fällen, zum Beispiel, wenn jemand studiert. Das ist eine rigide und gestrige Struktur, über die kaum jemand spricht. Ich finde es erschreckend, dass das in Deutschland so ist. Gleichzeitig zeigen wir mit dem Finger auf andere Länder, wie Polen.

Was verbindet die zwölf Frauen, mit denen du gesprochen hast?

Ein großer Mut. Alles andere unterscheidet sie. Sie sind beim Abbruch unterschiedlich alt gewesen und sind es auch heute. Teilweise waren sie noch in der Schule oder gerade mit der Schule fertig. Manche waren alleine, andere in einer festen Partnerschaft. Einige sind heute Mütter, andere nicht. Alle Geschichten zeigen, dass es eine individuelle und intime Entscheidung ist, eine Schwangerschaft abzubrechen.

In welchen Bereichen wünschst du dir mehr Aufklärung?

Mein Wunsch ist es, dass wir dieses Thema respektvoll und gewaltfrei behandeln. Es sollte zaghaft, aber kraftvoll enttabuisiert werden. Wo das passiert, ist mir eigentlich egal. Hauptsache es passiert. Ob im Austausch mit Freund:innen oder in der Familie. Ich wünsche mir Beratungsstellen, die aktiv nach außen kommunizieren und zugängliche, verfügbare Informationen im medizinischen Umfeld und in unserem Bildungssystem. 

Wie können Freund:innen oder Familienmitglieder eine betroffene Frau in der Zeit vor und nach dem Abbruch unterstützen? 

Indem sie da sind, zuhören und fragen: „Was brauchst du von mir? Wie kann ich dir helfen?” 

„Der steinige Weg, den die Struktur vorgibt, ist nicht immer das Schlimmste an einem Schwangerschaftsabbruch“

Die SZ-Journalistin Christina Kunkel ist eine der Protagonistinnen in deinem Buch. Sie meint: „Der Ex-Mann ist dabei. Er ist mitverantwortlich.“  Wieso wird oft nicht über die Rolle des Erzeugers gesprochen?

Es ist mir unbegreiflich. Ich weiß nicht, warum das nicht passiert. In aller Regel sind eine Frau und ein Mann bei der Zeugung eines Kindes beteiligt. Für mich ist es vollkommen unlogisch, dass so wenig über die Rolle des Mannes gesprochen wird.

Wie würde sich die Debatte deiner Meinung nach verändern, wenn mehr über die Rolle der Männer gesprochen würde?

Sie wäre nicht so einseitig, nicht so schräg. Idealerweise wäre sie gleichberechtigter und das würde uns allen unheimlich gut tun. 

Die Protagonistin Anne erzählt, dass durch ihre Abtreibung ein Prozess in ihr gestartet hat und sie endlich zur Therapie gegangen ist. Oft haben Betroffene keine psychischen Folgen durch die Abtreibung selbst, sondern durch die Belastung der sozialen Umgebung. Wünscht du dir mehr psychologische Begleitung während und nach Schwangerschaftsabbrüchen?

Nein. Durch die Arbeit an dem Buch habe ich nicht den Eindruck gewonnen, dass das an dieser Stelle fehlt. Das Problem ist eher der gesetzliche Rahmen, der schwierige, bisher kaum mögliche Zugang zu verlässlichen und seriösen Informationen. Problematisch ist auch die medizinische Versorgung oder dass es zum Beispiel in weiten Teilen Bayerns sehr wenige oder sogar gar keine Ärzte gibt, die Abbrüche durchführen. Und dass diejenigen, die es tun, sehr schwer oder gar nicht zu finden sind. 

Und Julia, eine weitere Erzählerin, stößt im Netz oft auf das Argument: „Wenn du abtreibst, wirst du nie wieder glücklich werden.“  Wie stehst du zu diesem Satz?

Ich empfinde ihn als eiskalt und gruselig. Erschreckend, dass andere sich anmaßen, so über diese intime Entscheidung zu urteilen.    

Was ist das Schlimmste an einer Abtreibung?

Das ist eine sehr individuelle Frage. Manchen Protagonistinnen war sofort klar, dass sie die Schwangerschaft abbrechen würden. Anderen fiel es schwerer, diese Entscheidung zu treffen. Genau das will ich aber zeigen. Ich habe den Eindruck, dass der steinige Weg, den die Struktur vorgibt, nicht hilfreich ist. Er ist nicht immer das Schlimmste an einem Schwangerschaftsabbruch. Die Gesetzeslage führt aber zu dem Gefühl, etwas Illegales zu tun, eine Straftat zu begehen.

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