„Ich habe Angst, dass wir den Fokus verlieren: das Recht auf sichere Abtreibung“

Justyna Wydrzyńska ist Teil der Gruppe „Abortion Dream Team“. Die Proteste in Polen sieht sie nicht nur positiv.
Interview von Eva Hoffmann
proteste abtreibung polen cover

Foto: Krzysztof Kaniewski / imago images / ZUMA Wire

Seit das Verfassungsgericht in Polen vergangene Woche entschieden hat, dass Frauen auch dann nicht abtreiben dürfen, wenn das Kind schwere Fehlbildungen hat, gehen Hunderttausende Menschen auf die Straße. Das polnische Abtreibungsrecht ist aktuell das strengste in Europa. Justyna Wydrzyńska ist Teil der Gruppe „Abortion Dream Team“. Seit vier Jahren unterstützt und berät sie über eine Hotline telefonisch Frauen, die trotz des Verbotes eine Abtreibung zu Hause oder im Ausland durchführen. Warum sie die aktuellen Proteste mit Skepsis beobachtet, erklärt sie im Interview.

jetzt: Wie geht es dir?

Justyna: Gerade ist es ein wenig ruhiger, die letzte Woche war ziemlich krass. Uns erreichten mehr als 100 Anrufe am Tag, normalerweise sind es um die 20. Ich habe von der Außenwelt kaum etwas mitbekommen. Nicht mal die Nachrichten konnte ich verfolgen, ich hing die ganze Zeit am Telefon. Viele wollen wissen, wie es jetzt weiter geht. Manche fragen, wie sie uns unterstützen können. Aber auch Frauen, die gerade in diesen Zeiten eine Abtreibung brauchen, rufen an.

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Foto: Privat

Was rätst du Frauen, die trotz der neuen Gesetzeslage in Polen abtreiben wollen?

Es kommt darauf an, wie fortgeschritten die Schwangerschaft ist. Unter zwölf Wochen nennen wir den Frauen Websites, über die sie die Pillen für eine medikamentöse Abtreibung bestellen können. Wenn sie maximal in der 14. Woche schwanger sind, ist eine legale Abtreibung noch in Deutschland möglich, wenn Frauen vorher ein Beratungsgespräch wahrnehmen. In den Niederlanden und England sogar bis zur 24. Schwangerschaftswoche. Wir vermitteln sie an Hilfsorganisationen, die ihnen mit der Planung von Reisen helfen, Unterkünfte und Krankenhaustermine organisieren. In seltenen Fällen raten wir Frauen auch von einer Abtreibung ab, wenn die Schwangerschaft bereits zu fortgeschritten ist oder sich die Frau im Gespräch selbst umentscheidet.

„Allerdings können sich nur wenige die Fahrt in eine sichere Klinik leisten“

Wie stellt ihr sicher, dass die Frauen die Pillen sachgerecht einnehmen?

Die Medikamente werden im Ausland bestellt, die Frauen müssen einen medizinischen Fragebogen ausfüllen, der von einer Ärztin geprüft wird. Erst dann bekommen sie die Pillen mit einer Gebrauchsanweisung zugeschickt. Natürlich bleibt ein Restrisiko, da wir darauf vertrauen müssen, dass die Angaben der Frauen stimmen. Ich schätze das Risiko eines selbst durchgeführten Abbruchs mithilfe irgendwelcher Hausmittel aber wesentlich höher ein. Wenn während der medikamentösen Abtreibung Komplikationen auftauchen, stehen wir beratend am Telefon zur Seite. Frauen können auch jederzeit bei Problemen oder starken Nachblutungen in ein Krankenhaus, da sich die Medikamente im Blut nicht nachweisen lassen und sie sich ohnehin nicht strafbar machen. Allein der Verkauf der Pillen ist in Polen verboten.      

Wie viele Frauen hat deine Organisation schon bei einer Abtreibung beraten?

Als wir 2016 mit Abortion Dream Team anfingen, waren es 600 Frauen jährlich, die wir bei einer Abtreibung unterstützt haben. Im vergangenen Jahr waren es rund 1300.  Das sind nur diejenigen, die mit Pillen abgetrieben haben. Diejenigen, die ins Ausland – nach Deutschland zum Beispiel – fahren, sind da nicht mit eingerechnet. Allerdings können sich nur wenige die Fahrt in eine sichere Klinik leisten. So was kostet um die 500 Euro, das ist für viele hier ein Monatsgehalt. Und selbst wenn sie das Geld haben, dann finden sie oft keine Betreuung für ihre Kinder.

Wenn eine Frau dich anruft, die eine Abtreibung sucht, was sagst du ihr?

Ich bestärke jede Frau in ihrer Entscheidung und beruhige sie, dass sie sich nicht schämen braucht. Ich sage ihr, dass sie kein schlechter Mensch ist und dass ihre Entscheidung legitim ist. Am wichtigsten ist es, den Frauen zu vermitteln, dass sie nicht alleine sind. Ich kann mich da einfühlen, weil ich selbst vor 14 Jahren eine Abtreibung hatte. Damals war ich komplett allein und hatte große Angst, die Pillen zu nehmen. Ich hatte niemandem, der mich unterstützt hat. Seitdem gebe ich Workshops, Vorträge und Beratung zum Thema Abtreibung in ganz Polen.

Als 2016 Tausende Menschen gegen eine Verschärfung des Abtreibungsgesetzes auf die Straße gingen, konnte der Entwurf gekippt werden. Wie schätzt du den Erfolg der momentanen Proteste ein?

Ich lebe in einer kleinen Stadt, auch hier ist der Protest groß und das ist außergewöhnlich. 2016 organisierte ich die Demonstrationen hier selbst. Wir waren hauptsächlich Frauen und Mütter Mitte 30. Wir hatten viel Unterstützung, aber nicht auf der Straße. Ich habe den Eindruck, dass den Menschen erst jetzt dämmert, was die neue Gesetzesveränderung bedeutet und das macht viele sehr wütend. Auf den Demos sehe ich 19-Jährige und Schulkinder. Studis aus Warschau fahren in ihre Heimatstädte, um den Protest in kleineren Orten zu unterstützen. So was habe ich noch nie gesehen. Es sind nicht die Menschen von 2016, die wieder Proteste organisieren, das ist eine komplett neue Generation. Trotzdem bin ich skeptisch.

Warum?

Es geht um viel mehr als das Recht auf Abtreibung. Dieser Protest richtet sich allgemein gegen den Konservatismus, aber auch gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung. Es beginnt, ein Anti-PiS Protest zu werden. Ich habe Angst, dass wir den eigentlichen Fokus verlieren, je mehr sich die Opposition in die Proteste einmischt: das Recht auf sichere Abtreibung. Ich habe kein Interesse an politischen Machtkämpfen, mir geht es um die individuelle Situation der Frauen.

„Die Bereitstellung von Informationen zum Thema Abtreibung ist nicht illegal“

Die Polizei hat in der Vergangenheit wegen deiner Arbeit bereits dein Büro durchsucht. Hast du Angst, selbst angegriffen zu werden?

Ich wäre dumm, nein zu sagen. Aber ich bin vorbereitet. Ich habe mit Anwält*innen gesprochen und anderen Aktivist*innen. Sollte mein Büro nochmals zur Zielscheibe werden, wird es mich nicht mehr überraschen. Wir wissen, dass unsere Arbeit legal ist. Die Bereitstellung von Informationen zum Thema Abtreibung ist nicht illegal, sie ist sogar ein Grundrecht. Die Pillen kommen aus dem Ausland. Weder die Frauen, die damit abtreiben, noch wir machen uns strafbar. Sollte diese Gesetzesgrundlage je geändert werden, bin ich bereit, das Land zu verlassen, um weitermachen zu können.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Mein größter Traum ist eine gute Klinik, in der Frauen in Polen sicher und unentgeltlich abtreiben können. Dann wäre meine Arbeit endlich überflüssig. 

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