„Die Schwangerschaft machte mir wahnsinnige Angst“

Ein Abbruch traumatisiert oft. Eine ungewollt ausgetragene Schwangerschaft aber auch.
Protokolle von Sophie Aschenbrenner und Lara Thiede

Beides hat psychische Folgen: der Abbruch einer Schwangerschaft genauso wie eine Abtreibung.

Illustration: Federico Delfrati

Jens Spahn möchte fünf Millionen Euro in eine Studie stecken, die herausfindet, welche psychischen Folgen eine Abtreibung für Frauen hat. Dafür bekommt er viel Kritik. Viele sagen: Auch eine ungewollte Schwangerschaft ist alles andere als einfach. Wir haben mit zwei Frauen gesprochen. Eine von ihnen durchlebte eine ungewollte Schwangerschaft, die andere entschied sich, ihr Kind nicht zu bekommen. Beide sagen: Es war schwer.

Es ist schwierig genug für mich, mit mir selbst zu leben

Lilly, 25, wurde bei einem One-Night-Stand schwanger und merkte es zu lange nicht. Eine Abtreibung war keine Option mehr. Die Schwangerschaft und die Geburt waren für sie traumatisch. Sie hat ihr Kind zur Adoption freigegeben und ist froh, dass es jetzt bei glücklichen Eltern lebt.

Mir ist an einem Sonntagmorgen klar geworden, dass ich schwanger bin. Ich saß in meinem Bett, hatte nur ein T-Shirt an und habe gemerkt: Ich habe Milcheinschuss. Ich hatte den totalen Schock, habe sofort gegoogelt, ob das, was da aus meiner Brust kommt, Muttermilch sein muss. Ich habe damals die Pille durchgenommen, hatte also meine Tage sowieso nicht. Außerdem war kurz nach Weihnachten, ich hatte also ein bisschen zugenommen, habe das aber auf das viele Naschen im Dezember geschoben. 

Mir war sofort klar: Wenn ich schwanger bin, dann von dem One-Night-Stand, den ich drei Monate vorher im Urlaub hatte. Und von dem Mann wusste ich nicht einmal den Namen. Insgesamt war ich zu der Zeit in einer sehr schwierigen Phase. Ich hatte meine Ausbildung zur Gymnastik- und Tanzlehrerin fast abgeschlossen, als ich einen Bandscheibenvorfall hatte. Das hat mich komplett runtergezogen, ich wusste nicht, was ich jetzt mit meinem Leben machen soll, bin wieder zu meinen Eltern gezogen. Mit denen bin ich dann an diesem Sonntag auch ins Krankenhaus gefahren. Da kam die Bestätigung: Ich war schwanger, und zwar mindestens in der 18. Woche.

Ich habe so gezittert und war so geschockt. Den ganzen Tag habe ich nur geweint. Es war klar: Abtreiben kann ich nicht mehr. Es war heftig für mich, keine Entscheidung mehr zu haben, wirklich wahnsinnig schlimm. Ich hatte sehr lang daran zu knabbern und dachte immer nur: Ich will das nicht, wie soll ich das nur aushalten? Ich habe mir dann Hilfe geholt, war bei der Familientherapie und beim Jugendamt. Ziemlich bald wusste ich dann, dass ich das Kind zur Adoption freigeben möchte. Ich wollte, dass es glückliche Eltern hat, die sich ein Kind wünschen und auch leisten können. 

Die ganze Schwangerschaft hindurch hatte ich wahnsinnige Angst. Angst vor der Geburt, Angst vor der Zeit nach der Geburt. Ich konnte nicht zur normalen Geburtsvorbereitung, weil ich es nicht ausgehalten hätte, da mit glücklichen Paaren zu sitzen. Insgesamt war ich während der ganzen Schwangerschaft sehr aggressiv. Immer wenn jemand zu mir gesagt hat: „Ich weiß, wie du dich fühlst, während meiner Schwangerschaft war das auch so“, dachte ich: Nein, du hast keine Ahnung, wie ich mich fühle! Ich war ein totales Wrack, bin jeden Morgen aufgewacht und dachte: Ist das jetzt wirklich die Realität? Ich bin wahnsinnig dankbar, dass ich in der Zeit bei meinen Eltern gewohnt habe. Ich kam mir vor wie 14, nicht wie 23. 

Während der Geburt habe ich nur geweint und gebrüllt

Als ich noch während der Schwangerschaft die Familie kennengelernt habe, die meinen Sohn jetzt adoptiert hat, war das irre. Wir haben uns gleich gut verstanden. Sie verstehen, dass ich das Kind nicht weggeben wollte, weil ich keine Lust gehabt hätte, sondern weil ich zu große Angst hatte.

Ich stand permanent unter Stress. Aus dem Grund habe ich dann auch in der 34. Woche schon Wehen bekommen, da hatte ich erst einmal Geburtsvorbereitungskurs gehabt. Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommt. Während der Geburt hab einfach nur gebrüllt und geweint, meine Eltern waren dabei. Zwischendurch sah es nach einem Kaiserschnitt aus, das war ein riesiger Schock. Ich wollte nicht mein Leben lang durch eine so große Narbe täglich an diese Schwangerschaft erinnert werden. Gott sei Dank ging es dann auch so. Meine Mama hat geweint, weil ich ihr so leid getan habe. Ich habe so gelitten. Zwischendurch habe ich den Schwestern und der Ärztin noch gesagt: Ich will das Kind danach nicht sofort auf meiner Brust haben, ich brauche erst einen Moment. 

Danach war ich so erleichtert. Ich wollte meinen Sohn sehen, hatte aber auch Angst – in den ersten drei Monaten hatte ich ab und zu getrunken und geraucht, ich hatte ja keine Ahnung. Aber es geht ihm gut. Zwei Tage bin ich noch im Krankenhaus geblieben und habe Muttermilch abgepumpt, das wollte ich ihm noch Gutes tun. Aber das war auch schwer für mich, ich habe viel geweint, weil ich mich so davor geekelt habe.

Heute kann ich sagen: Ich bin im Reinen mit mir, wenn ich an die Entscheidung denke. Ich denke auch jetzt, zwei Jahre später, immer noch fast jeden Tag an meinen Sohn oder an die Schwangerschaft. Es gibt mir Kraft, zu wissen, dass es ihm gut geht bei seinen jetzigen Eltern.

Insgesamt finde ich es wichtig, dass Menschen nicht verurteilt werden wegen solcher Entscheidungen, wenn man sonst wenig über diese Person weiß. Ich habe gar nicht die Kraft, jedem Menschen alles zu erzählen. Es ist schwierig genug für mich, mit mir selbst zu leben. Man sollte nicht davon ausgehen, dass es für mich super einfach war, mein Kind zur Adoption freizugeben. Aber ich werde immer wieder von Menschen verurteilt, die mich gar nicht kennen.

„Das hat sehr wehgetan, aber es war irgendwann okay“

Selina (Name geändert) ist heute 27. Vor drei Jahren brach sie ihre Schwangerschaft ab, obwohl ihr Partner das Kind gerne behalten hätte.

Als ich herausgefunden habe, dass ich schwanger bin, wusste ich: Das geht jetzt nicht. Denn ich war schon damals nirgendwo so richtig sesshaft. Ich bin zwar in Deutschland geboren, aufgewachsen und bei meinen Eltern gemeldet. Aber ich bleibe nie lang. Ich wohne beispielsweise immer wieder auf einem anderen Kontinent, auf dem mein Partner, der von dort kommt, lebt. Zwei Tage, nachdem ich meine Schwangerschaft bemerkt hatte, zog ich außerdem alleine nach Skandinavien, um dort mein Masterstudium zu beginnen. Ich habe in diesem Moment also an drei verschiedenen Orten gelebt, an einem kannte ich noch niemanden. Und ich würde auch in Zukunft in verschiedenen Ländern arbeiten und leben wollen. Wie sollte das gehen mit einem Kind?

Ich war mir trotzdem nicht sicher, ob ich abtreiben soll oder nicht. Schließlich wollte mein Freund, den ich als erstes anrief, das Kind eigentlich behalten. Und ich wollte ja auch Kinder mit ihm, vielleicht, irgendwann mal.

Die zwei Wochen der Entscheidungsfindung waren die schlimmsten. Ich wusste ab der fünften Woche Bescheid, in der siebten konnte ich noch mit einer Tablette abtreiben und einen Eingriff vermeiden. Ich fühlte mich also unter Zeitdruck – und das in Skandinavien, wo ich noch niemanden kannte, noch nicht mal eine Krankenversicherung hatte. Während alle Erstis Party im Sinn hatten und sich anfreundeten, trank ich nicht und war die Spaßbremse, ging ständig zum Arzt. Ich telefonierte zwar viel mit meinem Partner, Freunden und Familie, aber so richtig verstehen konnte die Situation doch keiner. Tatsächlich nutzte ich dann ein Chat-Angebot von ProFamilia. Da schrieb ich mit einer Frau, die mir eigentlich nur Fragen stellte („Gibt es einen Vater?“) und da war. Sie drängte mich in keine Richtung, aber tat mir gut.

Mit der Zeit wurde mir klar: Ich will das Kind nicht. Ich werde abtreiben. Das hat sehr wehgetan, aber es war irgendwann okay. Ich fühlte mich sogar stärker mit der Entscheidung. Schließlich wusste ich, dass ich sie für mich alleine getroffen hatte. Dass ich danach gegangen war, was ich aufrichtig für das Beste hielt. Natürlich ging es mir schlecht in den Tagen, nachdem ich die Tablette eingenommen hatte. Auch körperlich, ich blutete zwei Wochen wie Sau. Aber ich erholte mich schnell, stürzte mich in neue Aufgaben. Mir war bewusst, dass ich noch öfter daran zurückdenken und meine Entscheidung hinterfragen würde. Ich habe sie aber nie bereut. Denn ich hätte mich selbst für das Kind aufgeben müssen, dazu war und bin ich nicht bereit.

Ich hatte eine Weile Angstzustände und Panikattacken beim Autofahren

Heute geht es mir gut, nur manchmal denke ich noch an meine Schwangerschaft. Vor allem, wenn meine Freundinnen Kinder bekommen. Das erste kam wenige Monate später zur Welt, ist jetzt ähnlich alt, wie es meines gewesen wäre. Als sie schwanger war, hat sie sich gefreut und uns alle zum Essen eingeladen. Als ich schwanger war, habe ich geheult und musste mich fragen, wie es jetzt weitergehen soll. Das war bei ihr nie ein Thema. Das sticht. Aber psychisch geht es mir sonst gut.

Es gab nur ein Problem, bei dem ich manchmal denke, dass es vielleicht etwas mit dem Abbruch zu tun haben könnte: Ich hatte eine ganze Weile lang richtige Angstzustände und Panikattacken beim Autofahren. Mittlerweile hat sich das gelegt, aber ich habe nie herausgefunden, woher das kam. Dabei hätte ich das gerne alles mal mit einem Psychologen besprochen, aber ich war nie lange am gleichen Ort und wollte das irgendwie auch nicht auf Englisch, sondern in meiner Muttersprache besprechen. Das ging leider nicht.

Ich glaube, für meinen Partner war das Ganze vielleicht traumatisierender als für mich. Aber er hat es akzeptiert, schließlich wäre ich die meiste Zeit alleine mit dem Kind gewesen, er lebt ja nicht in Europa. Wir reden manchmal darüber, er sagt dann „unser Kind wäre jetzt zwei“ oder „wir haben unser Kind verloren“. Und ich denke mir: Aber es war ja eine Entscheidung, die richtige.

Ich rede inzwischen auch mit Leuten darüber, die ich nicht so gut kenne. Vor allem derzeit, wo das Thema häufiger aufkommt. Ich deute das auch als Zeichen, dass ich damit abgeschlossen habe. Denn ich mag mein Leben, wie es jetzt ist. Das Land, in dem ich jetzt gerade arbeite, hätte ich mit einem Kind sicherlich nicht zu meinem Arbeitsplatz machen können.