Kann man Yoga auf ein Massenevent übertragen?

Haben wir uns gefragt – und unseren Praktikanten gezwungen, beim Achtsamkeits-Triathlon mitzumachen.
Von Jan Kawelke

Lena Gercke läuft mit beim "Five K Run".

Foto: Alp Tigli

Kein Umdrehen im Bett, kein Guten-Morgen-Binge, keine Croissants: Es ist Sonntag, acht Uhr morgens, und ich latsche mit noch schlafklebrigen Lidern durch den Münchner Olympiapark. Grund: der Wanderlust (sprich: „Wonderlast“)-Triathlon. Eine Art Yoga-Festival unterteilt in drei Disziplinen: Fünf-Kilometer-Lauf, 75 Minuten Yoga, halbe Stunde meditieren. Oberste Maxime: „Das pulsierende Gefühl der Community, Achtsamkeit und innerer Frieden.“

Bei innerem Frieden denke ich an einen Klostermönch, der jahrzehntelang auf spitzem Stein in einer Berghöhle über das Sein grübelt. In meiner Vorstellung trägt der Abt eine grau-braune Wollrobe. In jedem Fall nichts mit Swoosh-Logo oder Dreiblatt-Label. Lässt sich dieser Gedanke auf ein kommerzielles Massen-Event übertragen?

Ein alter Mann radelt pfeifend an mir vorbei. Eine Isomatte unter den Arm geklemmt. Das große Fach seines 4-You Tornisters schlappt über seinen Rücken. Der Rucksack ist leer. Ist das der erste Schritt zur Achtsamkeit? Überflüssigen Ballast abwerfen? Fight-Club’sche Selbsterkenntnis? „Alles, was du besitzt, besitzt irgendwann dich“? Ich gebe meinen Turnbeutel vorsichtshalber an der Garderobe ab.

Die Morgensonne knallt auf den Coubertinplatz. Rundherum stehen Zelte: Die Yoga-Schule, der Stand eines Meditations-Gurus, ein Obstladen. Im Adidas-Pavillon kann man bunte Leggins und schöne Schaumstoffrollen kaufen. Wo früher bei Veranstaltungen Würstchen gewendet wurden, parken heute zwei fahrbare Whole-Food-Tempel. Man freut sich übereinander, umarmt und verbeugt sich. Vielleicht 200 Menschen warten auf den offiziellen Start. Manche trinken Matcha-Tee, andere essen staudenweise Bananen.

Ein paar Menschen mit absurd schönen Bäuchen spazieren über Slacklines oder hoolahoopen im Kreis umeinander. Ich ziehe meinen Bauch etwas ein und schwinge unkoordiniert meine Arme durch die Luft. Ein Mann stakst an mir vorbei. Er trägt den halben Oriongürtel auf seine Spandex-Leggings geprintet. Ansonsten: Fasanengefieder-Optik auf Hotpants, marmorierte Hosen, Pastellfarben – die Trends der letzten drei Yoga-Kataloge haben sich versammelt. Ein paar Frauen haben sich Glitzer-Ornamente auf die Oberarme gepinselt. Ein paar Männer tragen den Jérôme-Boateng-Look: schwarze Leggings unter der schwarzen Shorts. Ich fühle mich etwas fremdkörperig.

Viel zu lange friemel ich meinen Startnummernsticker auf das alte Bandshirt, das in der Auswahl Putzlappen oder Sportklamotte das glücklichere Los gezogen hat. Und wie immer, wenn man merkt, dass man Teil einer Gruppe geworden ist, deren Teil man noch nicht ist, fühle ich mich beobachtet. Zwar nicht feindlich. Aber zumindest argwöhnisch. Auch wenn es dafür keinen Grund gibt, habe ich das Gefühl, jeden Moment könne jemand kommen, um mir zu sagen, dass ich hier nicht hingehöre: „Namaste junger Herr, aber sind sie sicher, dass sie heute morgen ihr Chakra richtig gechannelt haben?“

High Fives, High Tens, High Feelings

Doch nichts dergleichen geschieht. Erstaunlich unesoterisch sammelt sich die Yoga-Truppe am Startpunkt der ersten Etappe: Dem „Five K Run“. Erinnert das Aufwärmen zwar nicht an Astro-TV, dann aber an den Spartenkanal-Nachbarn „Fit&Fun“. Das volle Ibiza-Animations-Programm wird abgefeuert: hüpfen in alle Himmelsrichtungen, Gruppen-Umarmungen, High-Fives, High-Tens, Arme nach oben, nach links, nach rechts. Die Tanzchoreografie des Club-Urlaubs. Das wird sie sein, besagte wabernde Gemeinschaft. Zen-Gelassenheit stellt sich bei mir noch nicht sein. Das liegt aber vermutlich an dem bevorstehenden Spurt. Roger Reckless, Rapper und Moderator, reimt für die Wartenden den Tag in einem Freestyle zusammen. Es geht um Selbstwahrnehmung, um Mindfullness, um Liebe für die anderen Teilnehmer und um 30 Prozent auf die Yogamatten im Adidas-Zelt.

Für den fünf Kilometer Lauf gilt dann: „Du kannst rennen, laufen, abtanzen, hüpfen, bummeln oder entspannen.“ Sagt die Veranstaltungsseite. Ich entscheide mich, wie die meisten, für die klassische Variante: einen Fuß vor den anderen. Lena Gercke schneit noch schnell vor Beginn vorbei und sagt, dass sie Sport mag. Dann geht es los. „Durch den Arch“, wie Reckless den Startbalken nennt.

Ich überlege für einen Moment, mich lieber an die Kombucha-Bar zu schmeißen, mische mich dann aber doch unter die lostrabende Menge. Manche gleiten über den Asphalt, andere blicken ähnlich gequält wie ich. Schweiß läuft mir in die Augen. Es brennt. Dabei geht’s doch um Fun. Egal. Ich spurte an ein paar Spaziergängern vorbei und fühle mich eher erleichtert denn erleuchtet, als ich unter Jubel ins Ziel stolpere. Eine Stimme aus den Boxen feuert mich an. „Ja super! Komm, die letzten Meter.“ Ich klatsche mit bereits ausgetrabten Läufern ab. Zeit für einen Sieger-Trunk.

Planken zu Snoop Dogg

An der Kombucha-Bar drängelt sich eine ältere Frau vor und stößt mir ihre Yoga-Matte in die Rippen. Namaste. Achtsamkeit? Ausbaufähig. Mein innerer Frieden? Zumindest auf dem Prüfstand. Vier Drinks stehen auf der Schiefertafel. Ich wähle nach Namen: Elderflower-Lime-Matcha. Der Barkeeper wirbelt mit dem Schneebesen das grüne Pulver schaumig, Sirup, Wasser, Eiswürfel, Sirup, Strohhalm. Vom Look her ein astreiner Cuba Libre. Vom Geschmack her nicht.

Das Feld vor der Bühne ist bereits dicht belegt mit Yoga-Matten und Menschen darauf. Ich suche mir einen Platz am äußeren Rand. Etappe zwei im Achtsamkeits-Triathlon ist eine Mischung aus Hip-Hop-Tanz und Yoga im Schnelldurchlauf. Planken, Buckeln, Biegen, Dehnen – das Ganze zu Snoop Dogg und Kendrick Lamar.

Auf allen Vieren, im „Down-Dog“, versuche ich mit grotesk verzerrtem Nacken, die nächste Übung auf der Bühne zu erspähen. Auch meine Mit-Yogis haben Mühe zu erkennen, was gerade gefordert ist. Manche fangen an, sich auf eigene Art ganz hübsch zu verknoten. Immerhin kann bei der letzten Stufe, der Meditation, nichts mehr schiefgehen.

Mein Erweckungserlebnis

Ich hocke mich in den Zazen-Sitz, die Beine vor dem Körper verschränkt. Die Hände bilden ein Oval, die Daumenspitzen berühren sich. Als ich noch vier Mal die Woche klassisches Kung Fu trainiert habe, gehörte die Meditation zum Training, wie das Aufwärmen. Die halbe Stunde werde ich schon absitzen, denke ich. Langsam wirkt der schnell runtergekippte Matcha-Cocktail. Guter Zeitpunkt. Meine Pupillen düsen unter den geschlossenen Lidern durch die Gegend. Die Frauen um mich herum haben sich auf ihre Matten gelegt. Jemand schnarcht. Und der Meditationsmeister, Noah Levine, ein Amerikaner, wiederholt mantraartig allerhand Kalendersprüche. „Release your Suffering“. Ich frage mich, ob das auch für mein eingeschlafenes Bein gilt. Mit dem großen Zeh stupse ich in das taube Fleisch meiner Wade. Es kribbelt. Ist das das pulsierende Gefühl der Community? Auf jeden Fall ist es ein Erweckungserlebnis. „Open your eyes slowly.“ Ich habe mir die Meditationsdösigkeit noch nicht aus dem Kopf geschüttelt, da erbittet Levine Achtsamkeit für seine zahlreichen Bücher – und seinen „coolest merch on earth.“

Langsam zerstreut sich die Gruppe. Matten werden zusammengerollt und eingetütet. Vor den Food-Trucks bilden sich hastig Schlangen. Schalen mit Süßkartoffel-Pommes oder Kokosmilch-Quinoa wandern über die Theken. Einzelne Grüppchen sonnen sich auf dem Rasenabhang zum See. Andere radeln voll bepackt nach Hause. Der alte Mann auf dem Fahrrad fährt pfeifend vorbei. Sein 4-You-Rucksack ist zu. Hängt eingefallen leer auf seinem Rücken. Er hat alle seine Sachen beisammen.

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