Wer Wein mitbringt, will Bier trinken

Das scheint ein ungeschriebenes Party-Gesetz zu sein.
Von Nadja Schlüter
Illustration: Federico Delfrati
Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol. 

Nach der WG-Party vor zwei Wochen standen in der Ecke unserer Küche 13 volle Flaschen Wein plus drei angebrochene im Kühlschrank und drei leere im Altglas. Bevor die Gäste kamen, hatten wir sieben Flaschen. Der Bestand hat sich also im Laufe des Abends fast verdreifacht, aber getrunken wurde davon nicht sehr viel. Die Bier-Bilanz hingegen: vor den Gästen drei volle Kästen, nach den Gästen drei leere Kästen und etwa fünf weitere leere Flaschen, die nicht aus diesen Kästen stammten. Kurz: Viele Gäste haben Wein mitgebracht, aber die meisten Gäste haben Bier getrunken. Wein mitbringen, aber Bier trinken, das scheint so eine Art ungeschriebenes Party-Gesetz zu sein, das am Ende immer für ein alkoholisches Missverhältnis sorgt.

Der Grundstein dafür wird meist schon bei der Party-Einladung gelegt. Denn in solchen Einladungen – ja, auch in unserer – steht ja oft so etwas wie „ein Grundstock an Getränken ist vorhanden“ und „wer möchte, kann gerne noch etwas zu trinken mitbringen.“  Es gibt drei Gründe, warum man das da reinschreibt: 1. Weil man fürchtet, dass mehr Leute kommen könnten als man erwartet hatte und dass dann die Vorräte nicht reichen – und schlimmer als eine Party, zu der keiner kommt, ist eine Party, zu der sehr viele Menschen kommen und dann gehen die Getränke aus. 2. Weil man möchte, dass die Gäste glücklich trinken, also im besten Falle etwas, was sie wirklich gerne mögen. 3. Weil man darauf hofft, dass ein paar Leute fancy Getränkeideen haben und zwei Flaschen mitbringen, aus denen man mit Eis und Zitrone den einen Longdrink mixen kann, über den am nächsten Morgen beim Frühstück alle sprechen. Weil er so gut geschmeckt oder so schreckliche Kopfschmerzen gemacht hat, je nachdem.

Eigentlich wissen das alle. Denn jeder Partygast war schon mal Partygastgeber und hat es genauso gemacht. Aber sobald man Gast ist, scheint die Erinnerung daran auf einmal ausgelöscht zu sein und man interpretiert das „ihr könnt, wenn ihr wollt, ihr müsst aber nicht“-Angebot als: „Besser nicht mit leeren Händen kommen, das sieht immer doof aus und fühlt sich noch doofer an.“ Man will unbedingt eine Art „Gastgeschenk“ dabei haben, wenn man durch die Tür tritt. Es ist die Aussicht auf diesen einen, bei jeder Party unvermeidlichen und immer etwas unangenehmen Moment, in dem sich Gastgeber und Gast in der Tür gegenüberstehen – der Gast noch mit der stillen Draußenwelt und der Gastgeber mit der aufgeheizten Partywelt im Rücken – die später dafür sorgen wird, dass aus der WG-Küche ein Weinkeller wird.

Denn als Mitbringsel und Gastgeschenk, das diesen Moment überbrücken und als eine Art Eintrittskarte zur Party fungieren soll, wählen die meisten eben eine Flasche Wein. Zum einen, weil die immer etwas wertiger und gediegener rüberkommt als Bier – „ich habe dir was mitgebracht“ sagen und dann zwei Flaschen Helles überreichen, das macht niemand gerne. Zum anderen, weil der Wein meistens trotzdem noch günstiger ist als jeder Schnaps, den man guten Gewissens mitbringen und überreichen könnte.

Für die meisten Gäste fühlt es sich falsch an, etwas zu trinken mitzubringen und es dann selbst zu trinken

Das große Missverständnis bleibt dabei aber, dass Menschen, die andere Menschen zum Trinken zu sich nach Hause einladen, eigentlich gar keine Gastgeschenke wollen. Sie wollen Getränke, die dann von den Gästen getrunken werden. Aber für die meisten Gäste fühlt es sich trotzdem schrecklich falsch an, mit etwas in der Hand durch die Tür zu kommen und es dann in der Hand zu behalten, selbst zu öffnen und auszutrinken. Ungefähr so, als seien sie zum Abendessen eingeladen, um dann mit einer Tupperdose im Jutebeutel anzukommen und sich das eigene Essen in der Küche in die Mikrowelle zu schieben. Also bringen sie etwas mit, was sie selbst nicht trinken, sondern dem Gastgeber und der Allgemeinheit zur Verfügung stellen wollen.  Weil die Allgemeinheit aber ebenso denkt und gleichzeitig auf einer WG-Party lieber Bier als Wein trinkt, sammeln sich dann die Weinvorräte und die Biervorräte gehen schnell zur Neige.

Vielleicht gibt es aber noch einen Grund, warum Gäste immer Wein mitbringen, den sie nicht trinken wollen, aber kein Bier, das sie trinken wollen: Weil sie das Bier, das sie mitbrächten, ja hüten müssten, damit es nicht weggetrunken wird. Sobald es im Kühlschrank landet, ist es Allgemeingut und sobald es Allgemeingut ist, kann man sich nicht darauf verlassen, dass es noch da ist, wenn man es trinken will. Und das fühlt sich fast genauso doof an, wie ohne Mitbringsel durch die Tür zu kommen. 

Bei unserer WG-Party gab es tatsächlich diesen einen Gast, der sich selbst etwas zu trinken mitgebracht hatte, aber es selbst nicht trinken konnte. „Ich habe Radler mitgebracht und ich wollte Radler trinken“, sagte er traurig und zu später Stunde, als das Bier schon leer war und sein Radler auch. Ich habe ihm einen Wein angeboten. Aber den wollte er nicht. 

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