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Alkohol kann vieles kaputt machen...  

Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

In meiner Beziehung herrscht Frieden. Solange, bis mein Partner das Stamperl Schnaps zu viel in sich hineinschüttet. Dann ist nämlich von einem Moment auf den anderen landunter, das Harmonieschiff sinkt. Während er sonst eher sanftmütig ist, wird er plötzlich streitlustig, alles strapaziert ihn: der Freund, der keinen Schnaps mehr trinken will, die Schwester, die sich nicht mehr finden lässt, und natürlich ich, seine Freundin. Dafür muss ich dann akut gar nicht viel tun, es reicht beispielsweise, müde zu sein, um eine Szene vor der Bar zu provozieren.

Ich muss jetzt gleich dazu sagen, dass mein Partner glücklicherweise nicht wie andere jedes Wochenende trinken geht. Aber zu besonderen Anlässen tut er es eben doch und gerade die werden dann immer wieder mal von irgendeinem saudämlichen Streit zwischen uns versaut.

Wir sind damit nicht alleine. Ich kenne Paare, die sogar von sich behaupten, ausschließlich dann zu streiten, wenn beide besoffen sind. Und das hat einen Grund: Alkohol enthemmt. Das kann viele positive Gefühle freisetzen, aber eben auch negative. Alkohol macht einige Menschen also aggressiv oder zumindest impulsiv. Sie machen sich einfach weniger Gedanken über ihr eigenes Verhalten und die Konsequenzen. Der betrunkene Streit wird so zum schlimmsten Streit überhaupt: Wir sprechen im Rausch die übelsten Dinge aus, die wir nüchtern für uns behalten hätten oder die uns vielleicht nicht mal eingefallen wären.

Verdrängt er all das, was er gerade rauslässt, sonst im Alltag?

Betrunken ist mein Partner aber nicht nur leicht reizbar, sondern auch uneinsichtig und stur. Egal, wie ich versuche, den Konflikt zu lösen: Argumente ziehen einfach an ihm vorbei oder werden, sagen wir mal: ganz neu interpretiert. Und ab dann werde auch ich unfair. Denn ich nehme plötzlich nicht mehr ernst, was mein besoffener Freund da sagt, spreche ihm jeglichen Verstand ab. Gut möglich, dass ich dabei ganz schön höhnisch wirke.

Dabei habe ich aber auch einen Gedanken im Hinterkopf, der so einen Streit unerträglich werden lässt: Es heißt oft, Betrunkene würden die Wahrheit sagen. Ich frage mich also ständig: Ist das, was er wirklich denkt und fühlt? Verdrängt er all das, was er gerade rauslässt, sonst im Alltag? Ist dieses streitlustige, besserwisserische Wesen, in das er sich gerade verwandelt hat, sein wahres Ich? Schließlich stören ihn betrunken Dinge, von denen er nüchtern behauptet, sie wären kein Problem.

Ich weiß also oft nicht, wie ernst so ein betrunkener Streit eigentlich ist. Ob man ihn am nächsten Tag beruhigt verdrängen kann, weil dahinter eh nur Gift steckt. Oder ob ein tieferes Problem zugrunde liegt, das man eher nicht verdrängen sollte. Ich tippe auf eine Mischung aus beidem. Alkohol löst zwar kein neues Verhalten aus, das nicht schon im Menschen angelegt ist. Aber er verstärkt es eben. Mein Partner hat vermutlich Ärger in sich aufgestaut, den er nüchtern zurückhält und betrunken unkontrolliert rauslässt. Sein Hirn bekommt es unter Alkoholeinfluss einfach nicht mehr hin, alle Gefühle zu beherrschen.

Ich habe mit meinem Freund schon öfter über all das gesprochen. Auch ihm ist aufgefallen, dass der Alkohol unserer Beziehung offensichtlich nicht besonders gut tut. Denn es geht ja nicht nur um einen Moment, den er und ich notfalls wieder vergessen können. Es geht auch um das Bild, das wir in solchen Momenten nach außen abgeben: das eines Paares, das zusammen nicht funktioniert. Und das ist doof, weil wir das normalerweise ja wohl tun.

Ist es auch meine Sache, wie viel mein Partner trinkt?

Für mich wäre nun die logische Konsequenz, dass mein Partner seinen Alkoholkonsum einschränkt. Ich meine damit nicht, dass er seltener oder gar nicht mehr trinken gehen sollte. Schließlich hat er kein Alkoholproblem im Sinne einer Abhängigkeit oder wirklich heftiger Aggressionen, die zu körperlicher Gewalt führen würden. Aber ich finde doch, dass er beim Weggehen beispielsweise den Schnaps weglassen könnte, der seine Stimmung immer wieder kippen lässt. Aber darf ich ihm das sagen?

Ich habe es ihm gesagt. Und er hat abgelehnt, sich vorschreiben zu lassen, wann er mit wem wie viel trinkt. Schließlich, so sagt er, muss er seine Grenzen selbst einschätzen. Und meistens könne er das ja auch. Anfangs war ich ziemlich beleidigt. Aber vermutlich hat er doch grundsätzlich recht mit dem, was er sagt: Es ist nicht meine Sache, ob und wie viel er trinkt, sondern seine. Gleichzeitig ist es aber meine Entscheidung, ob ich dann noch mit dabei sein möchte.

Ich denke, dass wir in unserem Fall eine ganz gute Lösung gefunden haben. Mein Freund geht aus, wie er will. Und ich komme mit, wenn ich Lust dazu habe. Aber sobald ich merke, dass sich seine Suff-Wut anbahnt, gehe ich. Denn betrunken, das habe ich inzwischen verstanden, bringt es nichts, Dinge auszudiskutieren.

Und obwohl unsere Gespräche zu dem Thema denkbar knapp waren und mein Partner sich nicht von mir belehren lassen wollte, glaube ich, dass sie doch ein Umdenken bei ihm bewirkt haben: Denn inzwischen verzichtet er dann doch meistens auf den Schnaps zu viel. Die Party-Nächte der vergangenen Wochen herrschte also tatsächlich Frieden. Er will mir damit einen Gefallen tun - und tut sich so wohl auch selbst einen.