Bitte keinen Alkohol zum Frühstück!

Schon morgens einen sitzen zu haben, ist maximal dreißig kribbelige Sektminuten toll.
Von Sina Pousset

Illustration: Federico Delfrati

Am Wochenende mit Freunden an einem Tisch zu sitzen, während es nach zerlassener Butter, Kaffee und Aufbackbrötchen riecht, ist, in einem Wort: Glück. Manchmal bei dieser Art von ausgedehntem Wochenendfrühstück kommt aber der Moment mit der Flasche. In dieser Flasche ist meistens Sekt. Dann verschwindet mein Glück wie die Kohlensäure im Glas.

Das liegt zum einen daran: Ich vertrage nicht viel Alkohol, besonders nicht auf leeren Magen. Da man aber mit dem Trinken meistens anfängt, bevor man richtig viel gegessen hat, sitze ich nach kurzer Zeit angeschickert am Tisch und starte einen beseelt-enthemmten Feldzug übers Buffet: „Wie geil sind eigentlich Brezeln mit Brie, hat das hier am Tisch schon mal wer…?!“ „Whoa, Mettwurstflash!“ Ich esse alles durcheinander und am Ende ist mir schlecht.

Weil mir angetrunken auch ein Stück Sozialverhalten flöten geht (was vor allem heikel ist, wenn das Frühstück ein Familienfrühstück ist), greife ich zum einzig sinnvollen Gegengift am Tisch: Kaffee. Die erste Stunde lang folge ich deshalb dem Muster Kaffee-Sekt-Kaffee-Prost. Überraschung: Am Ende ist mir noch schlechter als nach dem Buffetfeldzug.

Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass Magen und Hirn noch aufwachen müssen. Ich könnte mir vorher einen Schlachtplan zurechtlegen: Erst ein Stück Käse, dann ein kleines Glas, dann den kurzen Sektrausch mit dem Eiergang abfedern. Aber entspannt ist das nicht.

Leichter wäre es vielleicht, Nein zu sagen. Aber Menschen, die zum Brunch Alkohol an den Tisch tragen, haben dabei oft diesen stolzen Kreißsaalblick. Vermutlich haben sie den Sellerie für die Bloody Mary selbst filetiert und den O-Saft frisch gepresst. Nein zu sagen, bringe ich oft nicht übers Herz. Sobald jedenfalls das erste Glas dasteht und sich alle strahlend zuprosten, ist es zu spät. Ab dann entwickelt der Brunch eine Eigendynamik. Ich bin erst zu höflich und dann zu enthemmt. Irgendwann höre ich mich sagen: „Ach ja, so ein kleines Schlückchen noch!“

Dabei passt Alkohol einfach nicht zum Morgen. Bloody Mary schmeckt jedenfalls so gut zum Frühstück, wie, naja, Marmeladenbrötchen zu Tomatensaft. O-Saft wird vermutlich auch deshalb in den Sekt gekippt, damit der sich geschmacklich besser integriert. Was dagegen super passt: Getränke ohne Alkohol: Kaffee, Tee, Kakao, Wasser oder Fruchtsaft.

Beim Morgensuff geht es aber nicht um den Geschmack. Auch nicht ums Kontersaufen. Alkohol soll vielmehr den besonderen Anlass markieren, den man zu feiern hat: das Wochenende. Das ist schön. Aber reicht dazu nicht schon, zusammen vor leckerem Essen zu sitzen? Muss Frühstück kollektive Entgrenzung sein? 

Schon morgens einen sitzen zu haben, ist maximal dreißig kribbelige Sektminuten toll. Danach kommt die problematische Frage: weitertrinken oder ausnüchtern? Den Tag durchzusaufen ist vielleicht auf Volksfesten oder zu Abschlussfeiern reizvoll. An anderen Wochenenden haben Menschen normalerweise noch was vor. Nach einem besonders sektlastigen Brunch bin ich schon alkoholisiert über den Markt geirrt, an jungen Familien und Großeltern vorbei. Das hat sich komisch angefühlt, nicht nur wegen des Alkohols, sondern weil mir klar wurde, dass die Menschen um mich herum gerade mehr von ihrem Tag mitkriegen, als ich. Ich habe eine hässliche Balkonblume gekauft und saß danach mit Kopfschmerzen im Café.

Denn auch wenn es bei einem Drink bleibt, endet mein Brunchsuff oft mit einer Flasche Wasser im Bett. Viel Essen plus Alkohol ergeben einen komatösen Mittagsschlaf, aus dem mich kein lang geplanter Flohmarktbesuch reißen kann. Und das ist schade. Der Brunch markiert den Beginn eines neuen freien Tages, an dem theoretisch noch alles möglich ist. Alkohol ist wie der fiese Grinch, der diesen Tag versaut. So verschwindet das, worauf man ursprünglich mal angestoßen hatte: das Wochenende.

Das Schlimmste ist, dass Alkohol am Morgen seinen Stammplatz zerstört: den Abend. Wer zum Frühstück schon getrunken hat, hat darauf später meistens keine Lust. Dabei passt es dann viel besser: Keiner muss spätnachts den Wocheneinkauf erledigen oder auf den Flohmarkt gehen. Die Frage: „Weitertrinken oder Ausnüchtern?“ kann man zumindest ein paar Drinks lang problemlos beantworten. Und wer nach dem Abendsuff schlafen geht, verpasst absolut nichts. Er erwacht am nächsten Morgen und nicht zerknautscht und desorientiert um 19 Uhr neben einem vollen Wäschekorb.

Wenn beim nächsten Brunch wieder einer mit der Flasche kommt, sollte ich vielleicht einfach sagen: „Nein, danke, heute Abend wieder.“ Und dann, wenn gegen 16 Uhr alle nach Hause gehen, nehme ich den halbleeren Sekt zusammen mit den letzten Scheiben Lachs einfach mit.