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Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Auf dem Schulhof stehen sie oft am Rand, beim Sport werden sie als Letzte in die Mannschaft gewählt und auch zu Geburtstagen werden sie nur selten eingeladen: Das Leben als Außenseiter ist hart. In der Schulzeit hatte ich diese Rolle nie. Doch seit mit zunehmendem Alter auch der Alkoholkonsum gestiegen ist, fühle ich mich oft wie einer. Das liegt nicht daran, dass ich nicht zum Vorglühen eingeladen werden würde, auch nicht daran, dass ich dem Alkohol abgeschworen hätte, und keineswegs daran, dass ich nicht gerne feiern würde. Ganz im Gegenteil. Gute Mädchen gehen schließlich im Hellen nach Hause. Meine ganz persönliche Odyssee beginnt erst nach der Party, am berühmt berüchtigten „Morgen danach“.

Denn schaue ich dann auf mein Handy, lese ich jedes Mal Nachrichten wie: „Habe den Kater des Todes“, „Sorry bin heute raus, meine Kopfschmerzen bringen mich um“, „Ich schaff‘s heute nicht mehr aus dem Bett und schon gar nicht an die frische Luft“. Toll. Alle Pläne für heute gestrichen, wegen Kater. Doch der Kater an sich ist nicht das Problem. Ich bin es. Denn im Gegensatz zu meinen nun vor sich hinsiechenden Freunden habe ich keinen. Und hatte ihn auch noch nie. Bis jetzt bin ich katerfrei – und das macht mich zu einem Außenseiter.

Denn wenn es ums Trinken geht, geht es früher oder später auch immer um den drohenden Kater, der wie eine unheilvolle Verheißung über dem Abend schwebt. Um zumindest ein wenig mitreden zu können, sage ich dann: „Also ich hatte noch nie einen Kater“. Und dann passiert es:

Die Musik wird leiser. Gespräche verstummen. Gesichter wenden sich mir zu. Augen werden groß. Kinnladen klappen herunter. Schon fühle ich mich wie ein exotisches Objekt auf dem Präsentierteller. So etwas sieht man schließlich selten. Haben die Anwesenden den ersten Schock verdaut, schlägt die Stimmung nach anfänglicher Fassungslosigkeit („Ernsthaft?“, „Als ob!“) in Interesse und Bewunderung um: „Trinkst du nichts?“ – „Doch.“ „Beneidenswert. Wie machst du das?“ – „Ähm.“ Ja, wie mache ich das eigentlich?

Dabei wäre so ein Kater vielleicht mal ganz nett – um mal dazuzugehören

Natürlich gibt es Abende, an denen mir zwei Gläser Wein reichen. Dass danach kein Kater eintritt, ist natürlich kein Hexenwerk. Und dann gibt es Abende auf dem Schützenfest oder der Kirmes, bei denen einem der Schnaps wie am Fließband gereicht wird. Rot, grün, blau, Jägermeister, Pfeffi – egal. Runter damit. Danach brauche ich dann auch kein Karussell mehr, damit sich alles dreht. Trotzdem geht es mir am nächsten Tag stets wunderbar. Keine Kopfschmerzen, keine Übelkeit, nichts. Ich bin das blühende Leben, während sich andere wie die Zombies aus „The Walking Dead“ vorkommen.

Dabei wäre so ein Kater vielleicht mal ganz nett, einfach um mal einen Tag dazuzugehören. Einmal mitreden zu können. Auch einmal sagen zu können: „Habe den Kater des Todes, ich mache heute nichts mehr“, hach, wäre das schön! Ich stelle mir vor, wie ich den ganzen Tag mit Netflix vor mich hinvegetiere und dabei kalte Pizza vom Vortag verspeise, als sei sie das Göttlichste, was ich je zu mir genommen habe. An dem Tag habe ich keine Verantwortung, schließlich habe ich einen Kater. Ich kann anderen mit einem guten Grund absagen und habe einfach mal Zeit für mich. Scheint draußen die Sonne, muss ich trotzdem nicht rausgehen und das Wetter nutzen, schließlich habe ich einen Kater. In meiner Vorstellung ist das toll.

Muss ich meinen Eltern für meine Anti-Kater-Gene danken?

Eigentlich sollte es doch nicht so schwer sein, einen Kater zu bekommen. Rein faktisch bin ich prädestiniert dafür: Mit meinen 45 Kilogramm bei 1,58 Meter Körpergröße müsste ich am Tag nach dem Trinken erwartungsgemäß so richtig leiden. Das bestätigt mir auch Dr. Peter Strate, Chefarzt und Suchtexperte der Asklepios Klinik Nord in Hamburg. „Frauen haben in der Regel einen höheren Körperfettanteil als Männer und verstoffwechseln Alkohol langsamer. Je kleiner ein Mensch ist, beziehungsweise je weniger er wiegt, desto höher sind dann oft die Promillewerte.“ Wenn ich trotz dieser Voraussetzungen nie einen Kater habe, bin ich dann vielleicht gesegnet? Habe ich einfach nur gute Anti-Kater-Gene? Muss ich meinen Eltern danken?

Es besteht zumindest die Möglichkeit, dass es an den Genen liegt, so Dr. Strate. „Der Leberstoffwechsel unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Ebenso, inwieweit ein Rausch als angenehm oder unangenehm wahrgenommen wird. So oder so ist Alkohol als Zellgift jedoch schädlich, ob man die Konsequenzen nun spürt oder nicht.“

Eine kurze, nicht repräsentative Stichprobe in meiner Familie ergab: Alle hatten schon einmal einen Kater, Eltern und Geschwister. Und meine Freunde sowieso. Ich bin und bleibe also ein Exot. Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer am Horizont: „Warten Sie mal ab, bis Sie um die 40 sind“, erklärt mir Dr. Strate. „Der Stoffwechsel verändert sich mit steigendem Alter. Dann haben auch Menschen, die sonst nie Probleme damit hatten, irgendwann mal einen Kater.“

Na gut. Wenn es meine einzige Option ist, noch 15 Jahre zu warten, um einen Kater zu erleben, werde ich mich wohl gedulden müssen. Oder ich halte es mit meiner besten Freundin, die sagt: „Ein Kater ist quasi wie eine Blinddarm-OP. Die willst du ja auch nicht einfach mal haben, nur um zu wissen, wie das ist“. Und damit hat sie ja auch irgendwie recht. 

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