Ein Lob aufs betrunken Aufräumen

Denn es tut wesentlich weniger weh als in der Früh.
Von Christian Helten
Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Alles, was du willst, ist ein Glas Wasser, eine Kopfschmerztablette und einen Kaffee. Die Party war gut, dementsprechend mies geht es dir jetzt, am nächsten Vormittag. Du schlurfst mit halb geschlossenen Augen in deine Küche. Aber dein Leiden wird verstärkt statt gelindert: Auf dem Tisch stehen Teller mit krustigen Essensresten und unzählige Flaschen, der Boden klebt von verschüttetem Cuba Libre. Einen Kaffee kannst du dir nicht machen, ohne vorher abzuspülen, denn aus den letzten sauberen Tassen wurde um drei Uhr noch Schnaps getrunken und das letzte bisschen Chili con Carne geschlürft. Es riecht nach altem Bier und Aschenbecher.

Dir wird noch schlechter als ohnehin schon. Wegen des Gestanks – aber auch, weil du weißt, dass du all das später unter ständigem Würgreiz wirst aufräumen und säubern müssen. Das mit dem Kaffee lässt du also lieber. Du spülst schnell das am wenigsten eklige Glas, holst dir Kranwasser und eine Aspirin und gehst erst mal zurück ins Bett. Auf dem Weg stolperst du über einen der leeren Bierkästen, die überall herumstehen, weil sie irgendwann als Sitzgelegenheiten zweckentfremdet wurden.

Mir ging es nach Partys bei mir zu Hause oft so. Aber jetzt nicht mehr. Denn jetzt räume ich einfach immer schon nachts das meiste auf. Und das ist großartig. Dann sieht der Morgen nämlich so aus:

Ich komme in die Küche. In einer Ecke stehen die Bierkästen sauber aufeinander gestapelt. Das Leergut ist schon in den Kästen, die halbleeren Flaschen wurden bereits in den Ausguss gekippt (es stinkt also nicht nach Bier). Die leeren Wein- und Schnapsflaschen lagern in einer Kiste daneben. Die Spülmaschine ist durchgelaufen, ich nehme eine Tasse heraus und mache mir einen Kaffee. Den benutzten Kaffeefilter werfe ich in einen jungfräulichen Müllsack im Mülleimer – der volle von gestern Nacht steht draußen vor der Wohnungstür, den nehme ich gleich mit runter, wenn ich zum Bäcker gehe. Ich muss nach dem Frühstück nur noch einmal durchwischen und das Leergut wegbringen, dann ist fast schon alles fertig.

Man kann mit der einen Hand leere Bierflaschen aufräumen und mit der anderen ein volles Bier zum Mund führen

Die Annehmlichkeiten des Morgens danach sind aber nur die offensichtlichen Vorteile des Nachtaufräumens. Auch die Aufgabe selbst wird viel erträglicher, wenn man sie direkt nach der Party erledigt. Ist man dabei noch be- oder angetrunken, dämpft nämlich der Rausch die unangenehmen Aspekte. Ekliges erscheint einem noch nicht eklig. Beziehungsweise: Ekliges ist einfach noch nicht so eklig – die Siffe ist noch nicht angetrocknet, das Bier noch nicht so abgestanden, der Guacamole-Rest noch nicht braun.

Auch die Grundstimmung ist eine ganz andere als am nächsten Morgen. Man kann mit der einen Hand leere Bierflaschen aufräumen und mit der anderen ein volles Bier zum Mund führen. Man kann die Musik weiterlaufen lassen - zu einem guten Beat die Küche zu kehren macht viel mehr Spaß als zu einem Pochen im Kopf. Bisweilen kann man sich sogar in eine Aufräum-Euphorie hineinarbeiten, die Stimmung und Zeitverfluggeschwindigkeit der Feier hinüberretten in die Arbeit, die Feier-Aufgeputschtheit in einen Putz-Flow verwandeln.

Und nach getaner Arbeit kann man noch einen Absacker trinken. Der After-Aufräum-Drink ist nämlich die Krönung des Prinzips Absacker, oder, besser gesagt: Er behebt dessen Fehler. Denn eigentlich ist der Absacker ja oft nur ein verzweifeltes Klammern an den Abend, der nun zu Ende geht. Der Whisky nach dem Aufräumen in der jetzt leeren und ordentlichen Küche aber ist eine Belohnung. Er ist wie das Feierabendbier der Abschluss einer gelungenen Anstrengung.

Ich empfehle also jedem das Aufräumen am Party-Abend. Aber nicht, ohne eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Regel aufzustellen: Niemals mit dem Aufräumen beginnen, während noch Gäste da sind. Es gibt nichts Schlimmeres als einen Gastgeber, der schon spült und räumt, während andere noch tanzen und trinken oder nett beisammen sitzen. Denn die fühlen sich dann unerwünscht oder müssen annehmen, dass der Gastgeber ihre Mithilfe erwartet. Und genau darum geht es beim Nachtaufräumen auf gar keinen Fall. Aufräumen ist Gastgebersache. Punkt, da hat er keine Wahl. Aber ob er es im Kater- oder im Rauschzustand erledigt, das kann er jederzeit frei entscheiden.

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