trinkolumne praktikant
Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Eine Betriebsfeier ist einer dieser verpflichtenden sozialen Anlässe, die nicht gerade nach der Party deines Lebens klingen. Meine Smalltalk-Alarmglocke klingelt schon, wenn ich allein das Wort höre. Doch als Praktikantin ist es auch eine der wenigen Gelegenheiten, mit den Kollegen auf Zeit über die magere Plauderei beim Mittagsessen hinauszukommen. Außerdem kann man schlecht „Nein“ sagen, wenn man nett gefragt wird und der Chef betont: „Du gehörst schließlich auch zum Team.“ Und für die ersten Smalltalk-Hürden gibt es immerhin Freibier.

Doch genau darin liegt die Gefahr: Trotz lockerem Kontext und Bier ist man immer noch in einem Arbeitsumfeld – und das als Praktikantin. Man ist noch nicht mit allen Konventionen vertraut und noch lange nicht so akzeptiert wie alle anderen. Und man will ja für seine Arbeit in Erinnerung bleiben und nicht für eine eskalierte Saufgeschichte. Aber nicht mitfeiern geht auch nicht. Wann ist es zu wenig und wann ist es zu viel? Der schmale Grat zwischen „Mensch, ist die spießig!“ und „Oh Gott! Die kennt aber auch kein Limit!?“ ist nie schwieriger zu begehen als auf einer Betriebsfeier.

Vor genau dieser Herausforderung stand ich kürzlich, als ein aktueller Kollege seinen Abschied feierte. Weil mein Arbeitsumfeld eher jung und hip ist, wurde das Ganze ein bisschen größer und mit mehreren DJs aufgezogen. Direkt nach der Arbeit ging es los und da ich gegen Feierabendbiere sowieso nichts einzuwenden habe und es prima gegen die erste Verkrampftheit hilft, habe ich gleich eines mitgetrunken. Die ersten Unterhaltungen liefen wie erwartet eher schleppend. Meine eigene Abteilung war verstreut, ich musste mir meine Gesprächspartner mühevoll selbst zusammensuchen und nippte dabei konstant an meinem Bier. 

Wahrscheinlich war meine plötzliche Verkrampftheit auffälliger als meine vorherige Angetrunkenheit

Bei Bier Nummer zwei ging es dann schon besser. Die Gesprächsthemen ergaben sich leichter und es wurde mir mehr und mehr egal, mich zu Leuten zu stellen, die ich eigentlich kaum kannte. Langsam bekam ich Spaß an der Sache. Ich wippte zur Musik mit und traute mich, gewagtere Witze über meine zum Teil banalen Arbeitsaufgaben und die Arbeitsweise anderer Kollegen zu machen. Und weil alles so nett war, landete ich ziemlich schnell bei Bier Nummer drei. Ab der Hälfte merkte ich, dass ich langsam etwas wackeliger wurde. 

Und dann sah ich es: Um mich herum standen lauter angeheiterte Leute, denen man ihren Pegel anmerkte. Sie lachten etwas zu schrill, die Stimmen waren lauter und die Blicke nicht mehr ganz fokussiert. Auch wenn ich das bei niemand als schlimm empfand, machte ich mir Sorgen, ob man mir meinen angetrunkenen Zustand auch anmerkte. 

Auf einmal wurde ich paranoid: Ich achtete darauf, meine Worte klar zu artikulieren und meine Bewegungen akkurat auszuführen. Ich umklammerte mein Bier, um ja nichts zu verschütten. Wahrscheinlich war meine plötzliche Verkrampftheit auffälliger als meine vorherige Angetrunkenheit. Dennoch ließ mich der Gedanke nicht los, mich hier vollkommen blamieren zu können. Auch, weil nun die Saufgeschichten anderer Mitarbeiter ausgepackt wurden. Und als Praktikantin wollte ich natürlich unbedingt vermeiden, für eine Geschichte zu sorgen, die sich auf der nächsten Betriebsfeier alle erzählen. 

Ich habe „professionell“ gefeiert – aber dadurch auch eingeschränkt

Gleichzeitig waren die anderen in Feierlaune und ich merkte wie mein Pegel und auch meine Lockerheit wieder absanken. Nun stand ich vor der Entscheidung, langsamer zu machen und beim Feiern nicht mithalten zu können – oder aber mir noch ein Bier zu holen und zu riskieren, dass ich blöde Kommentare abgebe, hysterisch kichere oder Schlimmeres tun würde. Ich versuchte, mit abwechselnd Bier und Wasser vernünftig über die Runden zu kommen.

Doch dann kam jemand mit Kurzen um die Ecke. Ablehnen unmöglich. Und natürlich stieg mir der Hochprozentige besonders zu Kopf. Völlig klare Artikulation oder unpeinliches Lachen waren nun nicht mehr möglich. Und meine innere Party-Stimme sagte mir: „Mach dich mal locker! Ist doch schön, wenn es gerade so witzig ist. Überhaupt: sowieso schon egal, wenn es noch ein Bier mehr wird.“ Der stand allerdings die Vernunft-Stimme entgehen, die dauernd fragte: „Was wäre, wenn ich plötzlich grölend auf dem Tisch tanze, stolpere und sämtliche teuren PCs vom Tisch abräume oder noch schlimmer: harmloses Flirten in wildes, öffentliches Rumgeknutsche mündet?“ Am Ende war es mir dadurch einfach nicht möglich, mich wirklich zu entspannen, ich schwankte andauernd zwischen Trinklaune und Fehltrittpanik. 

Schließlich rettete mich die Verabredung mit einer Freundin: Ich konnte die Betriebsfeier mit einer guten Begründung verlassen. Ich hatte den Abend einigermaßen unblamiert überstanden – ich hatte „professionell“ gefeiert, aber dadurch auch eingeschränkt. Betriebsfeiern gehören dann wohl auch zu der langen Liste der Dinge, die eindeutig besser werden, wenn man nicht mehr Praktikant ist: endlich wirklich etwas für seine Arbeit verdienen, endlich in einem Team ankommen und endlich richtig mittrinken können.

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