Verschiedene Freunde bedeuten verschiedene Drinks

Warum man Sekt-, Rotwein- und Bier-Freunde hat.
Von Nadja Schlüter

Ein Alkohol pro Freundeskreis, bitte.

Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Wenn ich meine Schulfreundinnen treffe, trinken wir Sekt. Jedes Mal und oft auch recht viel. Wenn ich das anderswo erzähle, sind die Menschen immer ganz erstaunt: „DU trinkst Sekt? Und ihr seid solche Sekt-Freundinnen??“

Sie haben schon recht, ich trinke sonst so gut wie nie Sekt. Sie stellen sich wahrscheinlich vor, dass meine Freundinnen und ich uns mit Sektgläsern in der Hand schminken, über Männer herziehen und sehr viel kichern. Dabei hängen wir meistens ungeschminkt auf dem Sofa rum und reden über alles mögliche (nur kichern, das machen wir wirklich, denn meine Schulfreundinnen sind Menschen mit einem ausgezeichneten Humor). Wir trinken den Sekt nicht, weil wir finden, dass der „zu Mädels-Runden“ dazugehört, sondern einfach, weil er zu unserer Runde dazugehört. Weil – Achtung, Satz, bei dem sich die Fußnägel vieler Menschen hochrollen – wir das schon immer so gemacht haben.

Ich habe aber nicht nur Sekt-Freundinnen. Ich habe auch Bier-Freunde und Weißweinschorlen-Freundinnen. Eine Wein-Freundin. Einen Freund, mit dem ich Bier oder Longdrinks trinke, aber so gut wie nie Wein. Und eine Freundin, mit der ich fast nie Alkohol trinke. Ich weiß nicht, ob all diese Menschen mit anderen Freunden das Gleiche trinken wie mit mir – aber ich gehe nicht davon aus. Ich glaube, dass sie mit anderen Freunden andere Getränke trinken. Dass auch sie Bier-Freundinnen und Gin-Tonic-Freunde und eine Rotwein-Freundin haben. Denn bestimmte Konstellationen erfordern bestimmte Alkoholika.

Es ist schön, wenn man einen Alkohol gefunden hat, unter dessen Einfluss man sich gegenseitig mag

Das liegt glaube ich daran, dass Freundschaften Rituale brauchen. Etwas, womit man sich sofort wieder zusammengehörig wohl und heimelig fühlt, auch, wenn das letzte Treffen schon Wochen oder Monate her ist. Und was eignet sich besser für ein Ritual als ein bestimmtes Essen oder ein bestimmtes Getränk? Wenn ich bei meinen Freundinnen bin und der Sektkorken „plopp“ macht, wenn es im Glas sprudelt und auf meiner Zunge prickelt, dann weiß ich, woran ich bin. Und ich weiß auch, wer ich in diesem Moment bin, was meine Rolle ist und dass ich auf dem Sofa rumhängen und kichern kann und dadurch niemand hier den Respekt vor mit verlieren wird. 

Ein wichtiger Teil des Rituals ist dabei, das verschiedene Alkoholika verschiedene Stimmungen und Atmosphären erzeugen. Wenn ich mit meinen Freundinnen Sekt trinke oder Longdrinks mit dem Longdrink-Freund, erreichen wir dadurch einen Status von Beschwippstheit, in dem wir uns gegenseitig kennen und mögen und wissen, wie wir interagieren. Eine sekttrunkene Gruppe ist eine ganz andere als eine rotweinschwere. Das ist so ähnlich, wie dass man ja auch für unterschiedliche Aktivitäten unterschiedliche Freunde hat: die Tennis-Freundin, der Kino-Freund, das Paar, mit dem man immer essen geht. Man weiß dann, wie sich die anderen beim Tennis/im Kino/beim Essen verhalten und dass das mit der eigenen Art, diese Situationen zu bestreiten, gut zusammenpasst.

Freundschaften brauchen Rituale, Freundschaften sind keine Abenteuer

Darum ist es schön und angenehm, wenn man einen gemeinsamen Alkohol gefunden hat, unter dessen Einfluss man sich gegenseitig mag (damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Am wichtigsten ist es für Freunde natürlich, sich nüchtern zu mögen – andererseits ist es total okay, einen Freunde nicht so gerne zu mögen, wenn er Wodka getrunken hat, weil er dann immer so aggressiv wird).

Auf die Spitze getrieben bedeutet dieser Gedanke: Wenn in einer Freundschaft einer den Standard-Alkohol wechselt, dann verändert das etwas an der Freundschaft. Vermutlich zerbricht sie nicht gleich – aber ich zumindest würde es als beunruhigendes Zeichen deuten, wenn eine meiner Freundinnen auf einmal keinen Sekt mehr trinken möchte (außer sie ist schwanger). Denn Freundschaften brauchen eben Rituale, Freundschaften sind keine Abenteuer. Zum Glück! Sie müssen verlässlich sein, denn Freunde sind Menschen, zu denen man auch nach langer Zeit zurückkommen kann, ohne, dass sich in der Beziehung zueinander etwas Grundlegendes geändert hätte. Im besten Falle auch nicht der Alkohol. Wenn ich meine Freundinnen das nächste Mal sehe, wird der Sekt jedenfalls schon kalt stehen.

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