Wenn im Café der Alkohol den Kaffee ablöst, beginnt die beste Zeit des Tages.

Wenn im Café der Alkohol den Kaffee ablöst, beginnt die beste Zeit des Tages.

Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Wie für die meisten Bereiche im Leben, gibt es auch für den Umgang mit Alkohol relativ klar umrissene gesellschaftliche Regeln, an die man sich gefälligst zu halten hat, wenn man nicht sehr schnell zum Außenseiter werden möchte. Wer zum Beispiel morgens um 10 Uhr auf einer Parkbank ein Bier aufmacht, der wird von vorbeieilenden Passanten schnell ins Raster „Armer Alki“ eingefügt. Sitzt eine ältere Dame am frühen Nachmittag im Kaufhaus-Restaurant und trinkt einen Prosecco, denkt sich der Vorbeieilende „Alkoholismus im Alter – da gab’s doch diesen tollen Film...“

Die Regeln für Alkoholkonsum sind streng und unverrückbar

Denn jedes funktionierende Mitglied der Gesellschaft weiß: Trinken soll der Deutsche erst nach 18 Uhr und wenn, dann bitte möglichst hinter verschlossenen Türen zuhause oder in einem Etablissement, das dafür eingerichtet ist. Natürlich gibt es Ausnahmen: das Oktoberfest etwa oder andere Bierzelt-Veranstaltungen, auf denen man sich auch schon mittags einen Liter Bier einverleiben darf – aber diese sanktionierten Ausnahmen bestätigen eher die Regel.

Es gibt allerdings einen speziellen Ort und eine spezielle Zeit, zu denen diese strikte Unterscheidung zwischen Alltag und Feierabend nicht gilt. Und da halte mich bevorzugt auf: Im Café. Zwischen 16 und 18 Uhr.

Ich bin eine leidenschaftliche Kaffeehaus-Sitzerin. Nirgendwo sonst kann man so gut in Gesellschaft allein sein, kann sich über fremde Welten so gut informieren und nirgendwo kann man so gut Stunden und ganze Tage verbringen – völlig unproduktiv vor sich hin sandeln oder schrecklich produktiv in seinen Laptop reinhauen. Alles geht, nichts muss und im Hintergrund gurgelt eine Kaffeemaschine dezent als Begleitmusik. Das Leben im Kaffeehaus ist das beste aller möglichen Leben.

Selbstverständlich habe ich einige unverrückbare Anforderungen an ein gutes Café:

  • Es darf keinen Vollautomaten-Kaffee ausschenken.
  • Die Kellner sollten ihr Handwerk verstehen, freundlich sein, aber keinesfalls aufdringlich werden.
  • Es muss ordentliche Tische, Stühle und Bänke in Erwachsenen-Größe geben.
  • Die Zeitschriften- und Zeitungs-Auswahl muss reichhaltig sein, mindestens aber die Gala und die Titanic enthalten.
  • Das Café muss vor 9 Uhr öffnen (sonst ist es kein Café, sondern eine Beschäftigungsmaßnahme für den gelangweilten Hipster-Nachwuchs) und nach 18 Uhr schließen (sonst ist es eine Beschäftigungsmaßnahme für gelangweilte Hipster-Muttis).
  • Die Musik darf mich nicht nerven, aber gerne überraschen.

Sind all diese wirklich nicht besonders hohen Anforderungen erfüllt, kann ich mich getrost hinsetzen und lade alle Leser ein, es mir gleich zu tun. Denn wenn man sich erst einmal häuslich in einem Café niedergelassen hat und ein paar Stunden oder Tage dort verbracht hat, dann wird man irgendwann feststellen, dass es einen geradezu magischen Zeitpunkt gibt, der auf fast alle gut geführten Kaffeehäuser zutrifft: die Zeit zwischen 16 und 18 Uhr. Nicht nur, dass es dann – zumindest zwischen Oktober und März – draußen so langsam dunkel wird und das Café immer gemütlicher. Es ist auch eine Zeit des Übergangs, die man nirgendwo sonst so gut beobachten kann: War das Café den ganzen Tag über vor allem von Menschen frequentiert, die sich kurz ausruhen und für den restlichen Tag stärken wollten, so mischt sich dieses Publikum nun mit einem, das den Tag schön langsam ausklingen lässt.

Meines Wissens gibt es kein anderes Soziotop, an dem man die Vermischung dieser zwei Menschentypen so gut beobachten kann: Am einen Tisch wird gerade ein Immobiliendeal über einem beknackten, aber irgendwie passenden Glas Latte Macchiato in trockene Tücher gebracht. Und am Tisch daneben machen sich zwei mittelalte Kreative gerade das zweite Tannenzäpfle auf. Und beide fühlen sich absolut rechtschaffen bei ihrem Tun, weil sie es natürlich auch sind.

Der Übergang von einem Aggregatszustand in den nächsten

Aber genau das ist so selten: dass man an einem Ort beide menschlichen Aggregatszustände sieht: die, die sich fit machen und die, die das Gegenteil davon vorhaben. Genau diese Unterscheidung von richtig und falsch verschwimmt im Café ab 16 Uhr. Dann geht die eine, die nüchterne, geschäftsmäßige Zeit in die andere, die abendliche, entspannte, rauschige Zeit über. Die Immobilien-Dealer verlassen bald das Café und machen Platz für weitere Aperitif-Trinker. Und irgendwann ist aus dem Tagescafé eine kleine Bar geworden, ohne dass der Kellner irgendetwas dafür tun musste. Die Gäste haben das ganz alleine geschafft.

Dieser Übergang ist wunderschön anzusehen, dass man versucht ist, ebenfalls mitzuschwimmen von dem nüchternen Aggregatszustand in den Feierabend-Modus. Und so passiert es nicht selten, dass ich irgendwann meinen bröseligen Kuchenteller und die Kaffeetasse beiseiteschiebe, um Platz zu machen für eine Schale Chips und ein Glas Wein. Und mich ebenfalls daran mache, von einem Aggregats-Zustand in den nächsten zu schlüpfen.

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