Angetrunken werden wir zu Fremdsprachen-Profis

Nach dem zweiten Bier the English is flowing. Or?
Von Melanie Maier

Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es gerade geht, lieber Leser – bitte immer daran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol. 

Zu zweit schleifen wir Lisa aus der Kölsch-Bar. Ihr zierlicher Oberkörper ist schwerer als erwartet. Schnell zurück in die Jugendherberge, bevor die Lehrer merken, wie lange wir weg waren. 

Nach 300 Metern halten wir an: kurz ausruhen, Lisas Arme neu justieren. Da kommt eine Gruppe Engländer vorbei. Und das sandsackschwere Bündel zwischen uns erwacht zum Leben. „What are your plans for tonight, guys?“, ruft es. „Where are you heading to? Could we maybe join you?“

Lisa, die auf Deutsch keinen geraden Satz mehr herausbringt, artikuliert sich in akzentfreiem Englisch. Ich bin sprachlos. Dabei ist mir das schon öfter aufgefallen: Dass manche Leute nach ein, zwei Bier besser Englisch können als sonst. Oder überhaupt mal beginnen, Englisch zu sprechen, während sie in nüchternem Zustand fremdsprachenschweigsam sind.

Mit dem steigenden Alkoholpegel verschwindet offenbar die Schere im Kopf. Wer angetrunken einen Erasmus-Studenten aus Madrid trifft, denkt nicht: „In der Schule war ich zwar im Spanisch-Leistungskurs, aber Wortschatz und Grammatikkenntnisse reichen nicht aus, um mich zehn Minuten lang zu unterhalten.“ Er oder sie grölt ein „¿Cómo estás?“, legt den Arm um die Schultern des neuen Saufkumpanen und besiegelt die Freundschaft mit einem weiteren Getränk. „¡Salud!“ 

Alles Weitere ergibt sich. Fällt einem das spanische Wort nicht mehr ein, sagt man es halt auf Englisch. Unzureichende Sprachkenntnisse existieren im Gegensatz zum nüchternen Zustand nicht. Und der hässliche deutsche Akzent, der sich sonst so hartnäckig über die klangvollen spanischen Silben legt, verflüssigt sich. 

Die Uni Maastricht hat in einer Studie deutsche Studenten zuerst trinken und dann Niederländisch sprechen lassen 

Das Phänomen wurde sogar schon wissenschaftlich untersucht: Fritz Renner und sein Team von der Universität Maastricht haben 2017 eine Studie durchgeführt, bei der sie deutsche Studenten zuerst trinken und dann Niederländisch sprechen ließen. 

Insgesamt 50 Studenten, die an der Uni Maastricht eingeschrieben waren und erst kurz Niederländisch lernten, nahmen an dem Versuch teil. Die Hälfte von ihnen bekam ein Getränk, das mit der Alkoholdosis einer 0,5-Liter-Flasche Bier versetzt war. Der Rest blieb nüchtern. Nach der Trinkrunde führten alle Teilnehmer ein kurzes Gespräch auf Niederländisch mit dem Versuchsleiter. Die Unterhaltung wurde aufgezeichnet und später von zwei Muttersprachlern beurteilt. 

Tatsächlich wurde das Niederländisch der angetrunkenen Testpersonen besser bewertet als das der nüchternen Probanden. Vor allem die Aussprache empfanden die Muttersprachler als korrekter. In Hinblick auf die Grammatik und den Wortschatz unterschieden sich die beiden Gruppen nicht. 

Warum die Aussprache alkoholisierter Menschen besser klingt, haben Fritz Renner und sein Team noch nicht herausgefunden. Sie vermuten aber, dass es tatsächlich mit dem angstlösenden Effekt von Alkohol zusammenhängt: Wer nicht darüber nachdenkt, ob andere sich über eine seltsame Aussprache oder fehlende Vokabeln lustig machen, spricht eben freier und dementsprechend besser. 

Nach der Veröffentlichung der Studie im „Journal of Psychopharmacology“ äußerten einige Wissenschaftler anderer Universitäten allerdings ihre Zweifel an der Richtigkeit der Ergebnisse. Die Leistungen der Teilnehmer seien nach sehr subjektiven Kriterien beurteilt worden. Außerdem sei es vorstellbar, dass unter den angetrunkenen Probanden rein zufällig viele waren, die auch nüchtern besser Niederländisch konnten als die Nüchternen. 

So oder so: Ab einem bestimmten Alkoholpegel kippt die Leistung erfahrungsgemäß wieder. Wer nach einer durchzechten Partynacht keinen klaren Gedanken mehr auf Deutsch fassen kann, schafft das sehr wahrscheinlich auch nicht in einer Fremdsprache. 

Umso mehr erstaunt es mich, dass Lisa in ihrem Zustand nicht nur Fragen stellen, sondern auch beantworten kann. „We are here for five days“, erklärt sie einem der fünf Briten akzentfrei, während sie an meinem Arm immer weiter nach vorne rutscht. „The city is amaaa-zing!“ Dann endet die Unterhaltung. Lisa kotzt den Engländern vor die Füße. 

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