Brauchen wir wirklich jedes Jahr einen neuen „Sommerdrink“?

Hugo, go home!
Von Christian Helten
Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Wären Drinks Menschen, gäbe es zurzeit heftige Prügeleien. Denn jedes Jahr im Frühsommer bricht die Zeit des großen Kampfs um einen prestigeträchtigen Titel an: „Sommerdrink des Jahres“. Da würden sie also aufeinander losgehen, der Hugo und der Lillet und der Spritz und wie sie sonst noch alle heißen. Sie würden einander Eiswürfel an den Kopf schmeißen, Minzblatt-Peitschenhiebe verteilen, sich mit Zitrusfruchtschnitzen abwatschen und sich mit Strohhalmen erdolchen. Denn Sommerdrink des Jahres werden, das muss das Größte sein.

Zumindest scheint es so, wenn man sich in Magazinen und auf den Tafeln mit Spezialangeboten von Bars umsieht. Da wird er nämlich groß und prominent ausgerufen, der Sommerdrink, als wäre er das Wichtigste der Welt. Dann ist „Oscar der neue Hugo“, und „Spritz ist out“, dieses Jahr muss ein „Andalö Prosecco“ beim Sundowner in deinem Glas prickeln! (Andalö ist ein Sanddornlikör aus Schweden.)

Dass wir jedes Jahr neue Sommerdrinks zu uns nehmen sollen, ist eigentlich erstaunlich. Dass man in der Hitze andere Bedürfnisse hat als in der Kälte und deshalb im Sommer ein halber Liter Weinschorle ziemlich gut runtergeht, im Winter hingegen eher ein Glas Rotwein ankommt, ist zwar logisch. Aber warum muss man jeden Sommer wechseln? Der Mensch säuft ja auch jedes Jahr dieselbe Glühwein-Plörre, warum also nicht auch jeden Sommer dasselbe kalte Bier oder denselben kalten Rosé? Zumal der Sommer ja jedes Jahr gleich ist und man unser Sommerverhalten ja auch nicht von Jahr zu Jahr auswechselt: Man grillt, legt sich an den See, stöhnt über die Hitze oder freut sich, dass man nachts um drei immer noch in Flipflops draußen sein kann, und man isst Eis. Ein Calippo-Cola geht seit Jahrzehnten zuverlässig als Sommergefühl-i-Tüpfelchen durch. Warum also soll der Sommerdrink sich ständig verändern?

Der Sommerdrink lebt vom Gefühl, nicht vom Geschmack

Vermutlich, weil der Sommer auch eine hochemotionale Angelegenheit ist. Ein Sommerbeginn, der verheißt Aufbruch. Jetzt kommt die geilste Zeit des Jahres, man muss nicht mehr im Dunkeln zur Arbeit tapern, nein, die Sonne durchflutet uns mit Energie, die Menschen sind gebräunt und haben wenig an, man feiert Sommerfeste oder am besten gleich Sommermärchen und bald sind auch noch Ferien.

So eine Stimmung will gebührend unterstrichen werden, und der beste Stimmungs-Unterstreicher ist natürlich seit jeher ein Drink in der Hand. Was wir trinken, drückt immer auch aus, wer wir grade sind oder sein wollen. Anlässe sind mit bestimmten Getränken verknüpft, der Drink in der Hand unterstützt unsere Haltung am jeweiligen Abend fast genauso wie die Kleidung, die wir auswählen. Der Champagner zum runden Geburtstag, der tolle Rotwein zum gediegenen Essen, das Dosenbier zum Festival. Insofern ist es sehr logisch, dem Sommer als Star der Jahreszeiten auch einen eigenen Drink zu geben, der einem sagt: Hallo, jetzt gehts los, Badehose und Sommerkleid raus, setz die Sonnenbrille auf und genieße dein Leben!

Die meisten Sommerdrinks der vergangenen Jahre versprühen ja auch ziemlich zuverlässig einen sehr ähnlichen Vibe: Sie wollen leicht sein und fruchtig, frisch und ein bisschen elegant: Südfrankreich am Meer im Glas. Deshalb muss sehr dringend irgendeine Fruchtscheibe rein oder alternativ auch ein ganzer Minzstrauch. Und ganz viel Eis, das am besten in einem großen Weinglas schön sommersoundig klimpernd zur Geltung kommen kann. Basis der Mischung ist selten was Hochprozentiges, das würde zu sehr reinballern an einem schwülen 30-Grad-Nachmittag. Lieber also exotischere Liköre wie Lillet oder Andalö, deren Namen idealerweise vor Sommerbeginn noch nie jemand gehört, weil sie aus einem anderen Land kommen, am besten aus einem, mit dem man gleich schöne Sommerurlaubsbilder verbindet. Sie geben dem Drink auch gleich eine hübsche Farbe. Und dann muss nur noch was mit Blubberblasen draufgekippt werden, meistens Prosecco, der schwippst schön rein. Wenn man ehrlich ist, ist das alles geschmacklich meist nur so mittel. Der Sommerdrink lebt vom Gefühl, das er vermittelt. Und das hat natürlich ein Verfallsdatum: Spätestens, wenn deine Oma in ihrem Stammcafé einen Hugo bestellt und es ihn in der Dose bei Aldi gibt, merkst du, dass diese süße Klebrigkeit eigentlich nie wirklich gut schmeckte.

Nicht zuletzt deshalb hat die Sommerdrink-Schwemme natürlich auch was mit dem Kapitalismus zu tun. Die Getränkeindustrie will ihre Produkte vermarkten, sie braucht Nischen, die sie mit ihren Marketing-Botschaften besetzen kann und will uns ergo immer wieder neue Trendgetränke andrehen. Und dafür bietet sich der Sommer – wieder Stichworte Stimmung und Emotionen – nun mal besser an als der Herbst. Was wirkt anziehender: Das Plakat, mit dem Lillet vor ein paar Sommern in deutschen Großstädten massiv vertreten war und auf dem man ein Getränk mit Eiswürfeln in der Hand einer Frau im Sommerkleid sieht und dazu den Slogan „Der Aperitiv mit den französischen Akzent“? Oder ein Plakat mit einer Teetasse in der Hand einer Frau im regendurchnässten Parka und dem Slogan „Der Shot, der an Schneematschtagen deine miese Laune betäubt“? Eben.

Warten wir also mal ab, was der Sommer uns dieses Jahr noch bringen wird. Setzen wir uns raus in den Liegestuhl und lassen uns überraschen. Bis es soweit ist, machen wir uns einfach ein kaltes Bier auf.

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