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Verjagt der Schock den Rausch?

Illustration: Federico Delfrati

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Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Yannick fiel an Neujahr 2012 gegen sieben Uhr morgens um. Wir standen zu sechst im Zimmer meiner Mitbewohnerin, wo die Silvesterparty hauptsächlich stattgefunden hatte. Draußen wurde es hellgrau, durch die Balkontür roch es nach Böller, der Fußboden klebte vor Bier und jemand zog mir abwesend eine Scherbe aus dem Haar. Als Yannick umfiel, reagierte niemand außer Lars. Lars, der, während er gerade noch durch die WG gehüpft war, einen Wikingerhelm aus Plastik trug, der alle mit Pfeffi-Trinken nervte, und immer wieder den Refrain von „Drei Tage wach“ angestimmt hatte.

Schlagartig war er der Beschützer, der Superman, der einzige mit einem kühlen Kopf in einem Zimmer voller belämmerter Volldeppen. Er sprang zu Yannick, fing sein Gewicht mit den Armen auf und legte ihn langsam auf den Boden. Er murmelte etwas von stabiler Seitenlage und manövrierte den volltrunkenen Yannick in selbige hinein, nahm sich einen Pulli, der auf dem Boden lag, und schob ihn unter Yannicks Kopf.

Grade wollte er noch vom Balkon pinkeln, jetzt hat er die Lage im Griff

 

Ich weiß noch, wie erleichtert ich in diesem Moment war, dass jemand anderes die Initiative ergriff. Aber ich weiß auch noch, wie ich dachte: Du Suffkopf, Lars, wie kann das denn sein, dass du schneller reagierst – dabei habe ich viel weniger getrunken als du. Und wie absurd ist es, dass du jetzt alles im Griff hast, wo du doch gerade noch von unserem Balkon pinkeln wolltest.

Schocknüchternheit, so haben wir in der Redaktion dieses Phänomen genannt, das alle kannten, als es jemand ansprach: Situationen, in denen heillos betrunkene Menschen auf einmal ganz klar im Kopf werden, wenn sie merken, „Achtung, jetzt wird es ernst“. Dabei scheint es egal zu sein, ob es darum geht, erste oder emotionale Hilfe zu leisten. Ob sich einer betrunken in den Finger schneidet oder ob eine gute Freundin erzählt, dass ihre Mutter Krebs hat – auf einmal sind die Begleiterscheinungen des Trinkens wie weggepustet. Wenn jemand gerade noch gelallt hat, muss er das auf einmal nicht mehr. Man kann wieder einen Druckverband anlegen, wie man es im erste-Hilfe-Kurs gelernt hat oder emotional anspruchsvolle Gespräche führen. Zumindest waren wir fest davon überzeugt, dass wir das können.

Ich rufe Ulrich Zimmermann an, Chefarzt der Klinik für Suchtmedizin und Psychotherapie am Isar-Amper-Klinikum in München, um mir unsere Theorie bestätigen zu lassen. Aber der Professor unterbricht meine Schilderung: „So etwas wie Schocknüchternheit gibt es nicht. Das meiste ist Einbildung“, sagt Zimmermann. Natürlich hänge das Verhalten in solchen Situationen davon ab, wie viel Alkohol derjenige im Blut hat. Aber auch da gebe es auch erhebliche Unterschiede, wie der Körper damit umgehe. „Wir erleben alkoholabhängige Patienten mit drei, dreieinhalb Promille im Blut, die zu Fuß zu uns in die Notaufnahme spaziert kommen. Und es fällt erst auf, wie viel sie getrunken haben, wenn man die Blutwerte ansieht. Das liegt einfach daran, dass das Gehirn so an den Alkohol gewöhnt ist.“

Alkohol wird durch Adrenalin nicht etwa schneller abgebaut

Natürlich, sagt er, habe diese plötzliche Wachheit, die wir aus Notsituationen kennen, mit Adrenalin zu tun. „Es gibt dann eine Sofortreaktion innerhalb einer Sekunde. Das geht wirklich schnell und macht natürlich vorübergehend wach. Aber der Alkohol, der im Körper ist, der wirkt auch“, sagt er, und: „Was drin ist, ist drin.“ Der Alkohol wird nicht schlagartig schneller abgebaut, nur weil ich auf einmal voller Adrenalin bin. Ich kann also betrunken gar kein empathischer, anspruchsvoller Gesprächspartner mehr für die trauernde Freundin sein –  und auch im betrunkenen Zustand nicht genauso logisch denken wie im nüchternen Zustand? Zimmermann sagt: nein. Aber es komme mir vermutlich anders vor, wegen des Adrenalins.

Mir leuchtet ein, dass Alkohol irgendwie wieder abgebaut werden muss und dass es kein Zaubermittel – nicht einmal Adrenalin – gibt, das diesen Vorgang beschleunigen kann. Denn wenn es so wäre, würde ja niemand mehr betrunken Mist bauen: Es gäbe niemanden, der betrunken vom Fahrrad fällt, weil er die Geschwindigkeit nicht mehr einschätzen kann. Und niemanden, der sich mit viel Stärkeren prügelt, weil er sich hemmungslos selbst überschätzt. Adrenalin ist in all diesen Fällen da, nüchtern sind die Menschen dabei aber garantiert nicht. Und zu den tiefschürfenden Unterhaltungen: Wenn Menschen auf einmal ernste Gespräche führen wollen und dabei versuchen, extra nicht zu lallen, funktioniert das ja eigentlich auch nie. Gerade, wenn man sich betrunken besonders anstrengt und meint, man drücke sich jetzt besonders deutlich aus, wirkt das auf das Gegegenüber überhaupt nicht nüchterner. Im Gegenteil.

Es gibt Dinge, die man so verinnerlicht hat, dass auch Alkohol sie nicht verdrängen kann

Warum man sich dann trotzdem auch betrunken an Dinge erinnert wie die stabile Seitenlage und den Druckverband? „Weil der Mensch ganz grundlegende Dinge, die er gespeichert hat, immer noch abrufen kann. Deswegen wüsste man ja auch betrunken noch, wie es wäre, eine Kupplung im Auto zu bedienen“, sagt Professor Zimmermann.

Der klare Moment von Lars an Neujahr war einfach dessen Gewöhnung an Alkohol geschuldet und der Funktionsweise seines Gehirns. Wie langweilig: Lars war immer noch genauso betrunken wie vorher, nur kurzzeitig in einem voll funktionierenden Zustand, weil es nötig war. Trotzdem ist es irgendwie immer noch beruhigend zu wissen, dass man, auch wenn man etwas getrunken hat, noch auf die grundlegendsten Erinnerungen zugreifen kann.

Yannick wurde übrigens damals nicht bewusstlos, wie ich kurz befürchtet hatte. Er konnte sich mit Hilfe von Lars wieder aufsetzen und an die Bierkästen lehnen. Wir haben dann an diesem Morgen noch ein Matratzenlager aufgebaut und uns ausgeschlafen. Um den Alkohol abzubauen und Kater-Gespräche beim Abendessen zu führen: sauber artikulierte Unterhaltungen über den erste-Hilfe-Kurs.

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