Berauscht in Iran

Eskalieren auf Parties oder Schnaps gegen Liebeskummer: Wir verbinden Vieles mit Alkohol. Wie ist das in einem Land, in dem er verboten ist?
Von Charlotte Bastam
Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol. 

In einem Reiseführer steht zum Thema Nachtleben in Iran genau so viel: „Dream on.“ In diesem Glauben tranken wir an der Grenze unser letztes Bier und sannen über die uns bevorstehende Abstinenz nach: Urlaub für die Leber. Einen Monat lang bin ich mit Freunden durch den Iran gereist und war ausstaffiert mit zahlreichen Vorstellungen über dieses faszinierende Land. Womit ich jedoch nicht gerechnet habe, war die grenzenlose Gastfreundschaft der Iraner und ihr gleichzeitig, nun ja, flexibler Umgang mit dem Gesetz. 

Noch nasse, blondgefärbte Locken und ein kurzes Leokleidchen: So öffnete die Schwägerin unseres neuen iranischen Freundes uns die Tür. Wir waren in Teheran zum Essen eingeladen, wobei sich später herausstellte: eigentlich war es eine Party. Wir wurden überschwänglich begrüßt, wie langjährige Freunde. Im Zentrum des weitläufigen Wohnzimmers standen drei pompöse, vergoldete Sofas und ein Tisch, der von dem Schwanz einer Meerjungfrau getragen wurde. Und auf ihm thronte eine angebrochene Flasche Wein.

Der Tisch füllte sich mit Nüssen, Gurken und Chips, die Wohnung mit dem Rest der Familie und unsere Kristallkelche mit einer hellroten Flüssigkeit. Während ich noch ein schlechtes Gewissen hatte, diesen vermeintlich seltenen und teuren Wein unseres Freundes wegzutrinken, leerte er sein bis obenhin gefülltes Wasserglas in drei Zügen. Als wir dann doch etwas irritiert nachgefragt haben, ob der Wein nicht schwierig zu bekommen sei und woher er denn komme, meinte er nur: aus dem Schlafzimmer.

Aus dem Schlafzimmer?

Tatsächlich standen dort direkt hinter dem Bett zwei große blaue Regentonnen, gefüllt mit Trauben und an die 200 Liter vor sich hingärendem Wein. Eine Home-Kelterei. Stolz wurde uns von der Qualität und der Stärke des Weins berichtet und die nächste Flasche aufgefüllt. Damit konnte die Party losgehen.

Perser wüssten noch zu feiern – das haben sie prompt bewiesen

Unsere iranischen Gastgeber waren uns weit überlegen, was die Geschwindigkeit des Trinkens anging. Sie schimpften auf die Regierung und die Verbote der Mullahs – bei offenen Fenstern und lauter Musik, ohne Rücksicht auf hellhörige Nachbarn. Besonders viel Liebe für das derzeitige System ihres Landes hatten sie jedenfalls nicht übrig und der Nationalstolz klang heraus, als sie meinten: All diese Verbote seien ihnen auferlegt worden. Schließlich komme der berühmte Syrah-Wein eigentlich aus Shiraz im Süden des Irans. Perser wüssten noch zu feiern – das haben sie uns prompt bewiesen.

Ich kam mir fast rebellisch vor, als wir nach der Party die zwei Häuserblocks zurück zu unserem Hostel wankten. Was wäre passiert, wenn uns ein Sittenpolizist angehalten hätte? Wahrscheinlich nichts. Denn wir waren Touristen. Solange wir uns grob an die Regeln hielten, war unser Handlungsspielraum vergleichsweise groß.

Ich lebe in Deutschland. Einem Land, in dem man gemütlich mit Freunden ein Bier trinken darf. Solange man nicht völlig besoffen in die Straßenbahn steigt, stört das niemanden. In Iran dagegen stehen hohe Strafen auf den Konsum von Alkohol. Ein Verbot, das für die Menschen dort ein Leben lang gilt. Wenn man erwischt wird, kann man sich auf Peitschenhiebe, eine Geld- und womöglich sogar eine Gefängnisstrafe einstellen.

 

Ich versuche mir vorzustellen, wie es wohl wäre, würde den Münchnern ihr Bier verboten. Keine Biergärten, keine Bars, kein Oktoberfest mehr: München wäre eine andere Stadt. Viele Begegnungen und Erlebnisse würden mir fehlen. Denn gerade das Hinausgehen, das Trinken mit anderen, macht Alkohol zu etwas Schönem. Manchmal will man schließlich neue Leute kennen lernen, mit Freunden pseudointellektuelle Diskussionen vor überfüllten Kneipen führen oder den Liebeskummer mit der besten Freundin in einer Tequila-Bar ertränken.

 

Die Regentonne im Schlafzimmer wird zu einem Symbol der Rebellion

 

In Iran ist das offiziell nicht erlaubt. Trotzdem ist Alkohol für viele junge Iraner, die ich getroffen habe, völlig normal. Die Teheraner Partyszene ist berüchtigt für ihre Alkohol- und Drogenexzesse. Aus dem „Dream on“ des Reiseführers wird schnell ein „Dream! Everything is possible!“ Die Regentonnenkelterei gehört praktisch zur Grundausstattung einer Wohnung. Und für höherprozentigen Alkohol gibt es einen Lieferdienst, der die Ware direkt an die Haustür bringt – illegal, versteht sich.

 

Ist die Gefahr, dafür bestraft zu werden, also geringer als sie scheint? Oder ist der Rausch einfach zu  verlockend? Ein Bekannter erklärte es mir so: Die Regierung drücke oft ein Auge zu und lasse gerade jungen Menschen ihre kleinen Freiheiten. Druckablassen in einem Land, dessen öffentliches Leben von strengen Konventionen und Verboten geprägt ist. Die Regentonne im Schlafzimmer wird damit zu einem Symbol der Rebellion, das gemeinschaftliche Trinken zur Rückzugsmöglichkeit. Auf den Feiern zuhause oder im Teheraner Untergrund kann man Freunde treffen, westliche Musik hören sich von Alkohol berauschen lassen. All diese Dinge gibt es in Iran – es soll nur niemand wissen.

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