Warum Trink-Verabredungen so kompliziert sind

Keiner will zu früh da sein und keiner zu spät. Und einer muss am nächsten Morgen immer früh raus. Teil sieben unserer Alkolumne.
Von Friedemann Karig
Illustration: Federico Delfrati

Egal, wie gerne man trinkt, ob eher quartalsweise oder an jedem Tag, der auf G endet, eines ist klar: Saufen ist sozial. Alleine läuft es nicht – oder wird schnell bedenklich. „Auf einem Bein steht man schlecht“, so geht ein alter Saufspruch, er gilt auch für das benötigte Humankapital mit Durst, oder wie Andy Warhol sagte: „One's company, two's a crowd, and three's a party."

Deshalb braucht der Vergnügungstrinker seine Mitstreiter. Und die muss er zusammentrommeln. Die Zeiten, in denen man aus Langeweile nebenbei an der Bushaltestelle oder im Jugendzentrum ein Bier nach dem anderen verhaftete, sind viel zu schnell vorbei. Spätestens, wenn man sich in Uni oder Ausbildung ein kleines bisschen selbst organisieren muss, muss man sich zum Saufen verabreden. Und da fängt der Schlamassel an.

Denn eine Verabredung zum Trinken ist auf der langen Liste der koordinierten Kollektive eher am losen Ende zu finden. Das Saufen, das weiß jeder, kann man immer beginnen. Immer noch einmal verschieben. Sich immer offen halten. Und zur Not später einsteigen. Nicht zu spät, sonst holt man die sieben Kurze oder zwei Flaschen "Chateau Migraine" nicht mehr auf. Oder, schlimmer noch, verschätzt sich beim Aufholen, überholt alle anderen rechts und ist der erste, der speit. 

Aber zu früh will auch keiner zu einer trinkmotivierten Verabredung kommen. Dann sitzt man da, alleine oder zu zweit, nippt am ersten Getränk und fragt sich, ob das wohl noch lustig wird. Und wenn die anderen eintröpfeln, lärmen sie: „Na, ihr seid aber noch nüchtern!“ Das stimmt und tut weh, weil Thema verfehlt.

Weil jeder ein wenig taktiert, aber keiner die Sache wirklich ernst nimmt, sind Terminfindungen zum gemeinsamen Betrinken oft die schwersten. Immer muss einer am nächsten Morgen um halb acht der Oma beim Ausräumen des Kellers helfen, hat eine noch ein Flutlicht-Fußballspiel, von dem sie frisch geduscht, aber denkbar nüchtern nachkommt. Immer gibt es einen Grund, nicht zu saufen, genau so, wie es immer einen Grund dafür gibt, weshalb alle sich immer verabreden wollen. Es aber selten mehr als zwei Leute ohne Stress schaffen.

Je älter, desto heikler, denn wenn auf der Uni vielleicht noch die absoluten Muss-Partys das gemeinsame Vorglühen erzwangen, bei denen Wochentag und Vorlesungsbeginn egal waren, so ist man als berufstätiger Mensch sehr schnell sehr vorsichtig bei unterwöchigen Trinkereien. Niemand läuft gerne aus einem Meeting, um sich das letzte schlechte Bier noch einmal genauer anzuschauen.

Also wird gehandelt und geschachert mit den Sauf-Dates, bis der optimale Abend nominiert wurde. Dann werden noch schnell alle Hürden des Tatortes – „Cocktail-Bars“ sind out, urige Eckkneipen auch ironisch nicht mehr lustig, nur auf was Zentrales können sich alle einigen – genommen und auch dem letzten Saufkumpan noch einmal das korrekte Datum, Adresse und Codewort mitgeteilt. 

Vielleicht braucht es eine App. Mit Getränke- und Gesprächsvorlieben und automatischen Matches, mit denen man sich ohne jedes eigene Zutun an der Theke trifft. Ich nenne diese App "Kipper" oder "Mitsaufzentrale"

Doch was solch penible Planung und daraus erwachsende Erwartungen mit Menschen anstellen, kann man am Saufen ganz besonders gut beobachten: Sie machen steif. Genau das, was eine Runde Gläsersport lösen soll, nämlich die Ratio, verdickt sich in den Köpfen der Teilnehmer zu einer bremsenden selbstzerstörenden Prophezeiung. Jetzt hat man schon dem Boyfriend gesagt, dass heute mal alleine geschlafen wird, jetzt hat man den Spezi für den morgigen Kater schon kalt gestellt, jetzt springt man schon vom nüchternen Zehn-Meter-Brett ins Becken des Rausches: Da soll auch bitte was passieren. Schnell.

Deshalb funktionierten früher, bevor jeder wegen Wohnungsnot und oder Liebe in einem anderen Stadtviertel wohnte, Stammkneipen so wundersam von alleine: Man konnte so tun, als ginge man spontan hin. Traf dort Leute, mit denen man ein bisschen oder ein bisschen schlimm saufen konnte. Und man musste dafür keine einzige Whatsapp-Gruppe mit ballermannesken Namen („Durstiger Donnerstag!“) gründen.

Vielleicht, sagt der Zeitgeist, braucht es eine App. Bei der man ein Profil mit Getränke- und Gesprächsvorlieben anlegen, freie Zeiten und gemochte Bars angeben kann, und dann gibt es automatische Matches, mit denen man sich ohne jedes eigene Zutun an der Theke trifft. Ich nenne diese App „Kipper“ oder „Mitsaufzentrale", sie wäre die Lösung all unserer Probleme, würde Tinder und Facebook quasi überflüssig machen, niemand könnte mehr ohne sie leben, und ich hätte endlich erreicht, was wir uns schon damals, beim spontanen Suff an der Bushaltestelle geschworen haben: Ich wäre mit Saufen reich geworden. 

 

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