Schnapstrinken ist das schlimmste Überbleibsel aus der Pubertät

Warum tut man sich immer wieder „Shots“, „Stamperl“ oder „Kurze“ an?
Von Theresa Hein

Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es gerade geht, lieber Leser – bitte immer daran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol. 

Niemand kann mir erzählen, dass er Schnapstrinken genießen würde. Und nein, damit meine ich nicht Menschen, die zu Hause ihre Whiskeyflaschen nach Preis oder Vanillenote sortiert haben oder diesen einen Gin im Gefrierfach aufbewahren, der je nach Tonic Water eine andere Nuance entfaltet. Es gibt eine Tradition des Schnapstrinkens, die eindeutig nichts mit Genuss zu tun hat, und das ist die des Schnapsbestellens in der Bar. In Runden. Für Alle. Kurze, Shots, Stamperl, wie immer man es nennen will.

Wer jetzt sagt, ihm würde das total gut schmecken und es sei eine Herausforderung, im benebelten Zustand noch die verschiedenen Noten des Jägermeisters herauszudividieren, der lügt. Schnapsrunden sind einfach immer ein Graus.

Trotzdem gibt es Menschen, die bei den Weihnachtsfeiern mit Kollegen, auf den Geburtstagsfeiern in Bars oder auch auf Hauspartys dem Moment entgegenfiebern, wenn sie stolz beim Kellner eine Runde Schnaps für alle bestellen oder den Rest Hirschkuss, der seit der letzten Party auf dem Schrank verstaubt, in diese kleinen Becher kippen können. Denn dann kommt der Moment, der alle, die sie mit dem Tablett Schnaps überraschen, vereint: Fast keiner hat da Lust drauf.

Auf dass niemand diesem Kreislauf entkommt!

Da gibt es die, die ihren Graus weniger gut verbergen können, denn die Schnapsrunde bricht jedes noch so eingeübte Pokerface. Die, die dem banalen Handlungsablauf – nehmen, kippen, schlucken, grinsen – eher gleichgültig gegenüberstehen. Und maximal einen oder zwei Menschen, die rufen „goiiiil“, was ungefähr dem Intellekt von „Jabadabbahduh“ entspricht. Meistens gehören die, die den Schnaps aus einer wahnsinnig einfallsreichen Idee heraus bestellt haben, selbst zu diesen zwei Menschen dazu. Und wenn sie es nicht selbst waren, die das Schnapstablett bejubeln, dann braucht es die andere Einzelperson, die den Schnaps feiert, umso mehr: Weil sie den Schnapsheilsbringer dazu ermutigt, bei jedem Kneipenabend wieder das Schnapstablett zu bestellen oder vollzufüllen. Auf dass wir alle diesem elendigen Kreislauf niemals entkommen.

Warum tut man sich das immer noch an? Immerhin behauptet man ja mittlerweile von sich selbst, man habe eine individuelle Persönlichkeit entwickelt und blickt verächtlich oder (je nach Foto, auch mitleidig) auf das eigene 15-jährige, verwirrte Ich. Besonders einzigartig fände unser Pubertäts-Ich es jedoch nicht, wenn es uns zehn Jahre später zu den Schnapsgläsern greifen sehen könnte, und wir dabei nicht einmal die Begeisterung von damals im Gesicht tragen, als es noch etwas Besonderes (und sogar Illegales) war, sondern sich nur noch eine mechanische Resignation im Gesicht abzeichnet.

Wenn der Schnaps kommt, wird's noch richtig geil!

Schnaps trinken ist ein Relikt unser eigenen Pubertät. Nur, dass der Schnaps damals noch nicht in der Bar bestellt wurde, sondern dass die Absolut- oder Jägermeisterflasche immer an irgendeinem Punkt der Hausparty herumgereicht wurde. Und da wären wir schon bei einem der Gründe, warum sich das Schnapstrinken entgegen anderer jugendlicher Angewohnheiten ins Erwachsenenleben hineingerettet hat – der Zeitpunkt.

Die Runde Schnaps kommt nämlich oft dann, wenn der Abend sich aufgrund der Uhrzeit oder einer trägen Stimmung aufzulösen droht. Die Schnapsrunde, die dann auch noch diejenigen überreden soll, die eigentlich schon ihre Jacke anhaben, ist wie ein flüssiges Versprechen: Jetzt wird’s noch richtig geil! Das stimmt sogar meistens. Und zwar nicht, weil sich dann der Abend schlagartig in eine ganz überraschende oder aufregende Richtung entwickeln würde. Sondern, weil eine Schnapsrunde automatisch mehr Schnapsrunden bedeutet. Wenn eine Runde bestellt ist, fühlen sich automatisch viele der Anwesenden verpflichtet, selbst auch nochmal Schnaps auszugeben. Alles andere wäre ja ungerecht. (Genauso ist es, wenn auf Geburtstagen oder Weihnachtsfeiern Schnaps kredenzt wird – niemand will schließlich der Spielverderber sein.) Und so setzt der erste Schnaps des Abends eine Kettenreaktion in Gang, denn ein Schnaps kommt nie allein. Kopfweh am nächsten Morgen ist ohnehin schon programmiert, warum also nicht noch mehr davon?

Schnapstrinken ist die traurige Erinnerung an eine vergangene Jugend

Dabei war das Schnapstrinken früher, in der Pubertät, noch etwas Verbotenes, Unbekanntes. Heute dürfen und können wir meistens trinken, was wir wollen. Niemand kann uns mehr davon abhalten wie die Eltern damals. Gerade das macht es aber so traurig: Kann man einen Abend nicht unterhaltsam genug gestalten, ohne auf dieses Ritual einer längst vergangenen Jugend zurückzugreifen?

Vielleicht ist es die Erinnerung an diese Abende, die die Schnaps-Trinker aufrecht erhalten wollen: Abende, an denen Trinken noch etwas Besonderes war, als man beim Nachhause kommen noch leise sein musste, damit ja die Eltern nicht aufwachen, oder beim Sonntagsfrühstück irgendwie versuchte, den Tequila-Atem zu verbergen. Vielleicht klammert man sich am Schnapstrinken fest, als wäre da noch ein Rest ungezwungener 15-Jähriger in einem, den man nie loslassen will. Und als wäre es nicht total bescheuert, bei den Schnapsrunden mitzumachen, weil die den Kater am nächsten Tag nicht hundertmal schlimmer machen würden.

So albern wie Tattoo-Halsketten

Genauso albern, wie es wäre, sich heute noch die Haare in einer schrillen Farbe zu tönen oder Tattoo-Halsketten zu tragen, ist es, eine Trinkgemeinschaft zu etwas zu drängen, auf das sie (zumindest der Großteil) lieber verzichten würde. Und ja, auch wenn ich mich hiermit als Spaßbremse oute (ein Wort, das mich früher mal ins Mark getroffen haben mag) bitte ich hiermit die Schnaps-Bringer, sie mögen mit diesem Scheiß aufhören.

Es ist peinlich. Und das auch als Appell an die Kollegen: Bei der nächsten Schnapsrunde achtet doch ein bisschen auf die unterschiedlichen Gesichtszüge. Die erzählen so viel. Und gebt eine Runde Bier aus, das kommt preislich etwa auf das Gleiche raus wie drei Runden Schnaps. Nur, dass sich mehr Menschen darüber freuen werden.

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