Alt bist du, wenn du nicht mehr zu Hause vorglühst

Das Vortrinken mit Freunden war die beste Notlösung der Welt.
Von Christian Helten

Richtig ordentlich blieb die WG-Küche nie beim Vorglühen – aber selbst die Unordnung konnte man an dieser Beschäftigung irgendwie liebhaben. Oder?

Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Früher waren wir oft in einem Etablissement, den wir “den kleinsten Club der Welt” nannten. Er hatte eine knallorange gestrichene Wand, war meistens etwas dreckig, man konnte sich seine Getränke selbst aus dem Kühlschrank nehmen und die Musik selbst auflegen, auf einer alten Stereoanlage aus meinem Kinderzimmer. Die Clubbeleuchtung kam zustande, weil jemand ein farbiges Papier über die Lampe an der Decke gegaffert hatte. Wenn es besonders abging, stand jemand am Lichtschalter und machte An-aus-an-aus-Stroboskop.

Der kleinste Club der Welt war unsere WG-Küche. Und ich bin ein bisschen traurig, dass er geschlossen ist.

Unsere Küche war der Vorglüh-Ort unseres Freundeskreises. Bevor wir am Wochenende ausgingen, trafen wir uns hier. Und dann ging es manchmal doch gar nicht mehr weiter. Weil hier die Party eh schon gut war. Weil alle da waren und manchmal plötzlich noch jemand vorbeikam, mit dem man gar nicht gerechnet hatte. Weil die Getränke hier keine Clubpreise hatten; das war natürlich auch wichtig für uns Studenten-Azubi-Pleitemenschen. Ja, eigentlich war das der Grund, warum der kleinste Club der Welt überhaupt existierte. Weil wir nicht erst beim Ausgehen anfangen wollten zu trinken – da wären die Nächte eindeutig zu teuer geworden. Also lieber ein paar Bier und den Billig-Wodka-Bull aus dem Kühlschrank.

Weniger als drei Mal Vorglühen im letzten Jahr? Herzliches Beileid, deine Jugend ist vorbei

Irgendwann im Leben beginnt man aber, zu arbeiten und Geld zu verdienen. Das ist gut, Geld zu haben, macht vieles leichter. Aber es macht auch manches kaputt. Den Vorglüh-Abend zum Beispiel.

Wer nicht mehr überlegen muss, wie er mit dem studentischen Trink-Budget durch ein Wochenende kommt, muss nicht mehr zu Hause die Zeit totschlagen, bis der Club endlich öffnet. Er kann sich mit Freunden in einer Bar treffen. Oder zum Essen. Oder beides. Wenn du wissen willst, ob du schon richtig erwachsen bist, überleg einfach mal, wie oft du im letzten Jahr irgendwo bei jemandem zu Hause vorglühen warst. Weniger als drei Mal? Herzliches Beileid, deine Jugend ist vorbei. Geh schon mal auf Immoscout und such nach Reihenhäusern im Speckgürtel.

Man könnte jetzt sagen: Ist doch super, wenn man sich Getränke in einer Bar leisten kann. Ich sage: Es ist schade, wenn das Zu-Hause-Vorglühen sich ausschleicht.

Die besten Partys sind immer die, die eigentlich gar keine werden sollten

Das Vorglühen war oft der beste Teil der Party. Schon mit 16, als mein Keller-Zimmer mit Simpsons- und Bob-Marley-Poster und Lavalampe die Anlaufstelle war, wo wir uns trafen, bevor wir auf eines der Feste in der Turnhalle in der Nähe gingen. Und auch später in der WG.

Das liegt, glaube ich, an der Ungezwungenheit und der Erwartungshaltung. In der WG-Küche muss niemand irgendwen beeindrucken oder anbaggern. Niemand muss besonders cool tanzen, niemand muss Angst vor einem Türsteher haben, niemand muss sich an der Garderobe anstellen. Vor allem aber ist das Vorglühen nur eine Übergangslösung, nicht der eigentliche Plan. Man kommt nicht mit der Erwartung, dass es gleich voll abgehen wird. Das kennt man ja: Die besten Partys sind immer die, die eigentlich gar keine werden sollten.

Ich glaube, ich werde den kleinsten Club der Welt bald mal wieder eröffnen. Eine Küche hat meine heutige Wohnung schließlich auch.

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