trinkolumne driver
Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Es ist ein Wesen, das allerhöchsten Respekt verdient: das Fahrer-Wesen unter den Feierfreunden. Ein gutes Fahrer-Wesen ist rar. Man kann von Glück reden, wenn man überhaupt eines im Freundeskreis hat. Zu Anfang der Vorstadt- beziehungsweise Dorfjugendausflüge in die Clubs und Discos der nächstgrößeren Kreisstadt versucht man die Sache noch fair anzugehen. Man wechselt sich ab. „Ich bin letzten Samstag schon gefahren, diese Woche muss jemand anders“. Wer? Entscheidet die Münze, entscheidet Flaschendrehen, entscheiden ausgeklügelte Amateur-Statistiken darüber, wessen Solidaritätskonto gut daran täte, sich mal wieder etwas dazu verdienen.

Doch bei aller Liebe zur Demokratie, nach diversen Wochenenden ist völlig klar: Einige können es nicht. Jojo kriegt nach zwanzig Minuten nüchtern im Club so schlechte Laune, dass sie die gesamte Tanzfläche damit verstrahlt und man fortan lieber auf den ersten Bus nach Hause wartet, als sich noch ein einziges Mal von ihr fahren zu lassen. Miras „Ein Fahrerbier geht immer“ dehnt sich so oft heimlich zu „Vier Fahrerbiere gehen immer und ein Schnäpsgen obendrauf hat auch noch keinem geschadet“ aus, bis die ersten Vetos gegen sie erhoben werden. Jule fährt zwar freiwillig öfter als die anderen, allerdings so schlecht, dass man munkelt, sie habe den Führerschein im Darknet erworben. Max wäre theoretisch ein guter Fahrer, da er Alkohol nicht mag, praktisch aber ist er ein Schwerenöter ohnegleichen und verführt selbst nüchtern pro Nacht mindestens eine designierte Fahrerin einer anderen Clique und ist infolgedessen bis in die späten Morgenstunden nicht von ihr wegzukriegen, falls überhaupt aufzufinden.

Am Ende fahren also entweder Hanna oder Lena. Sie sind die vernünftigsten und verträglichsten von allen, trauen sich auch ohne alkoholische Enthemmungsmaßnahmen zu tanzen und kündigen nach plus minus viereinhalb freundlichen Stunden genau richtig rigoros die Heimfahrt an.

Das Fahrer-Wesen will angemessen bespaßt und bei Laune gehalten werden

Doch auch Hannas und Lenas machen diesen aufreibenden Job nicht ohne Ansprüche. Sie wollen angemessen bespaßt und bei Laune gehalten werden und einen gewissen VIP-Status zugestanden bekommen. Dafür sind leider Menschen zuständig, die zu Beginn des Abends noch sehr erwachsen und glaubhaft versprechen, diesen Pflichten besser nachzukommen als je eine Freundin oder ein Freund zuvor. Sie erstellen eine gute Playlist für die Fahrt und legen zusammen, um der Fahrerin im Club einige Virgin-Cocktails und Soft-Drinks auszugeben.

Noch während der Hinfahrt aber verwandeln sich diese ehemals vernünftigen fairen Freunde dank der ins Auto mitgenommenen Vorglühbowle in Plastikflaschen zu Hybriden aus völlig bekloppten Kleinkindern und Pavianen, die zu oft an vergorenen Früchten genagt haben. Was sie sagen wollen, schreien sie plötzlich, in jeder Kurve schmeißen sie sich von links nach rechts wie bei einer Fahrt in der Wilden Maus, während sie mit der Stimme des Radio-Wettermoderators den Verlauf des Abends voraussagen oder -brüllen.

In der Disco verstreuen sie sich an für den Fahrer teils unauffindbare Orte („Wieso? Ich war halt im Treppenhaus vom Haus gegenüber, wieso habt ihr mich da nicht gesucht?“), betteln unaufhörlich um Verlängerung („Nur noch eiiinnnnnn Lied / Drink / Kuss“). Sie erinnern sich urplötzlich an ihren Liebeskummer von vor drei Jahren und werfen sich der Fahrerin schluchzend in die Arme. Später im Auto pennen sie noch vor dem Ausparken auf dem Beifahrersitz ein und wachen nur auf, um sich aus Versehen ins Auto zu übergeben, was, klar, „nie, nie, nie wieder vorkommt“ und „Hey, ich kauf dir morgen ein neues Auto, ehrlich, das ist mir total wichtig!“.

Weil so ein Verhalten nicht einmal Hanna oder Lena öfter als drei Mal mitmacht und konsequenterweise den Fahr-Streik androht, beginnen sich die Mitfahrer irgendwann zu zügeln. Den Fahrer der Gruppe bei Laune zu halten wird zum obersten Gesetz des Discoabends. Und zur größtmöglichen Gratwanderung. Man muss es irgendwie hinkriegen, den Fahrer zu unterhalten, zu entspannen, zu amüsieren, so dass er möglichst gern nüchtern bleibt. Und dass er es möglichst lang aushält in dem viel zu dunklen, engen, verrauchten, nach Schweiß, Mundgeruch und nasser Wäsche müffelnden Club-Raum voll besoffener Triebtiere. Dabei darf man als designierter Bei-Laune-Halter aber bloß nicht zu albern werden oder zu aufdringlich. Und sollte trotzdem selbst noch Spaß haben. Sonst hätte man ja gleich selbst fahren können.

Jeder gute Fahrer-bei-Laune-Halter hat also eine ungeschriebene Liste im Kopf, auf der die entsprechenden elf Gebote stehen:

  • Mindestens einer in der Gruppe muss sich an diese Liste halten. Wer das ist, muss vor der Fahrt festgelegt werden. Nur er hat auf dem Beifahrersitz zu sitzen, sonst niemand.
  • Du sollst euren Fahrer hin und wieder fragen, wie es ihm geht, ihn ins Geschehen einbinden, zum Lachen bringen, zum Tanzen auffordern, fragen, welche lustigen Beobachtungen er schon gemacht hat als Nüchterner in einer Gruppe von Betrunkenen. Die Betonung liegt hierbei auf hin und wieder. Nein, alle zwei Minuten ist nicht hin und wieder.
  • Du sollst euren Fahrer auf gar keinen Fall in zwei Minuten Abständen fragen, wie es ihm geht, ihn ins Geschehen einbinden, zum Lachen bringen, zum Tanzen auffordern, fragen, welche lustigen Beobachtungen er schon gemacht hat als Nüchterner in einer Gruppe von Betrunkenen.
  • Nicht alles, was du nach vier Wodka-O zum Brüllen findest, findet euer Fahrer nach vier Apfelschorlen auch zum Brüllen. Meistens noch nicht einmal zum Lachen.
  • Du sollst nicht auf euren Fahrer drauf fallen, weder an der Bar, noch in der Kloschlange und erst recht niemals am Steuer.
  • Du sollst jederzeit im Club die Gruppe zusammenhalten.
  • Du und auch keiner sonst in der Gruppe soll, ohne dem Fahrer Bescheid zu geben, einen ausgedehnten Spontanausflug aus dem Club zum nächsten McDonalds unternehmen. Vor allem nicht, wenn er nicht weiß, wo dieser McDonalds sich befindet.
  • Du sollst die ganze Rückfahrt über mit dem Fahrer sprechen, damit er wach bleibt. Freundlich, ruhig und deutlich und in gemäßigter Lautstärke. Du sollst dabei einen Kaugummi kauen oder Fishermens lutschen.
  • Es ist allen untersagt, öfter als ein einziges Mal von der Rückbank nach vorn zu brüllen: „Musik lauter, Taxifahrer!“
  • Und auch keinen folgender Sätze: „Ich fänds so schlimm, jetzt du zu sein.“ „Ein Reh, Achtung ein Reh, da vorn, ausweichen, oh, ach nee, doch nicht.“ „Fahr schneller, fahr schneller, ich will ins Bett!“ „Den kannst du easy noch überholen.“ „Hey ich hab mir überlegt, theoretisch kann man nachts auf Landstraßen ja auch auf der Gegenfahrbahn fahren, ist eh keiner unterwegs.“ „Hey da vorne kommt ein Geisterfahrer, ach nee, vier, äh zwei!“ „Ohne Scheiß, ich könnt auch noch fahren.“
  • Der Person auf dem Beifahrersitz ist zusätzlich folgender Satz untersagt: „Ich mach nur mal ganz kurz die Augen zu, ok?“

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