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3069 Euro brutto für die Lehrerin im Elite-Internat

Ricarda, 30, arbeitet auf Schloss Salem. Dort haben die Schüler*innen einen straffen Tagesplan – manchmal auch trotz Jetlag.
Protokoll von Patricia Friedek
jobkolumne elitelehrerin

Foto: privat; Bearbeitung: jetzt

Der Tagesablauf

Ich wecke morgens um 6.10 Uhr meine Fünftklässler-Jungs. Um 6.30 Uhr ist Morgenlauf, das bedeutet, die Schüler joggen einmal um das Schulgelände. Das ist eine Schultradition. Das machen die Schüler von Montag bis Freitag jeden Tag, mit Ausnahme von manchen Feiertagen. Anschließend beginnt die morgendliche Routine: Schuluniform anziehen, Zimmerdienste machen – also fegen, den Müll entsorgen, die Zimmer lüften und so weiter. Um 7.15 Uhr gibt es Frühstück und um 8 Uhr ist Unterrichtsbeginn, auch für mich. Wir haben ein Doppelstundenprinzip, dazwischen gibt es 30 Minuten Pause – in der Zeit fahre ich zu meinem Unterricht am Oberstufenstandort.

Als Wohngruppenleiterin betreue ich die Schüler beim Mittagessen und bei den Hausaufgaben. Die Kinder haben 90 Minuten Zeit, um Hausaufgaben zu machen oder sich auf Klassenarbeiten vorzubereiten. Danach gibt es eine Stunde Freizeit. Außerdem betreue ich mittwochs eine Golf-AG. Wir bieten viele solcher AGs an, zum Beispiel auch Segeln, Reiten oder Fechten. Je nach Jahrgangsstufe belegen die Schüler künstlerische, musikalische oder handwerkliche Kurse oder übernehmen Verantwortung in einem Einsatzdienst wie der Feuerwehr oder dem Sanitätsdienst.

Um 20 Uhr beginnt bei den Kleineren unsere Abendroutine. Wir setzen uns alle zusammen und lassen den Tag Revue passieren, damit wir wissen, was die Kinder bewegt. Dazu treffen wir uns auf unserem ,WG-Sofa‘ und sprechen darüber, was es Neues gibt und was nicht gut lief. Um 20.30 Uhr beginnt das Silentium, dann sind meine Jungs im Bett und wiederholen Vokabeln, lesen oder unterhalten sich im Flüsterton. Ab 21 Uhr machen wir das Licht aus.

Ich habe dienstagvormittags unterrichtsfrei und donnerstags keine internatlichen oder schulischen Verpflichtungen. Da kann ich zu meinem Mann fahren. Samstags haben wir Unterricht, aber ab 12 Uhr habe ich dann Wochenende. Ich wohne in einer Dienstwohnung, die direkt an die Wohngruppe anschließt, damit ich rund um die Uhr ansprechbar bin. Das Internat ist eigentlich mein zu Hause.

Der Weg

Ich habe ein reguläres Lehramtsstudium für Englisch und Geschichte hinter mir. Ich habe in England meinen Master gemacht und wollte danach die Zeit bis zum Referendariat überbrücken, deshalb bewarb ich mich als Internats- und Unterrichtsassistentin auf Salem. Aus den eigentlich geplanten vier Monaten wurden dann aber 1,5 Jahre als Assistentin. Damals hatte ich bereits eine Wohngruppe in Vertretung übernommen. Daraufhin habe ich ein Referendariat an einem staatlichen Gymnasium gemacht und bin danach wieder zurück nach Salem gegangen, weil es mir dort so gut gefallen hat.

Die Arbeitsweise ist einfach ganz anders. Dadurch, dass ich im Internat arbeite, bin ich viel näher an meinen Schülern dran. Das heißt: Ich weiß, was privat bei ihnen läuft, warum sie vielleicht gerade nicht motiviert oder abgelenkt sind. Das bekommt man an einer staatlichen Schule in der Regel nicht mit, weil die Klassen so groß sind und die Familien der Schüler im Idealfall vieles abfangen, was im Internat die Aufgabe der Internatsmitarbeiter ist. Ich kann den Unterricht viel besser entlang der Interessen der Schüler planen – das kann man an einer staatlichen Schule gar nicht leisten. Auf Salem unterrichte ich im Durchschnitt 14 Schüler pro Klasse, auf dem staatlichen Gymnasium waren es 30.

Die Schüler

Wir unterrichten auf Salem insgesamt etwas weniger als 600 Schüler. Die Klientel ist sehr gemischt: Wir haben Kinder aus wohlhabenden Familien, Patchwork-Familien, multikulturellen Familien und Kinder, die ein Stipendium erhalten, weil ihre Familien sich das Internat nicht leisten können. Kinder, deren Herkunftsländer in einem Konflikt stehen, müssen im selben Zimmer miteinander klarkommen. Wenn das mal nicht der Fall sein sollte, führen wir sehr viele Gespräche mit den Kindern. Die Schüler, aber auch wir Mentoren nehmen regelmäßig an Trainings zu Meditationsgesprächen oder Reflexionen teil.

Das Gehalt

Ich verdiene brutto 3069 Euro, netto sind das ungefähr 2100 Euro. Ich bin zu 80 Prozent angestellt. Ich bin verheiratet und habe 20 Deputatsstunden, das bedeutet, Unterrichtstunden plus Vor-und Nachbereitungszeit und die Präsenzzeit – also die Zeit, in der ich für meine Schüler ansprechbar bin. Von meinem Gehalt gehen Miete und Verpflegung ab, sodass etwa 1500 Euro für mich übrig bleiben.

Dass die Schüler und ihre Eltern zwischen 3570 und 3958 pro Monat zahlen und ich am Ende ein normales Lehrergehalt bekomme, stört mich nicht. Es gibt Momente, in denen ich merke, dass manche Kinder kein Gefühl für Geld haben. Es gibt Kinder, die tragen Uhren an ihrem Handgelenk, die ein Monatsgehalt von mir kosten. Das muss jedes Elternteil für sein Kind entscheiden – ich urteile nicht darüber. Ich muss aber ein Auge auf den Umgang mit diesen Wertsachen haben. Die Kleinen bekommen hier alle zwei Wochen fünf Euro, davon können sie sich zum Beispiel Süßigkeiten kaufen. So lernen sie hier im Internat den Umgang mit Geld.

Das Stresslevel

Am Anfang des Schuljahres ist es sehr anstrengend, weil wir so viele Regeln haben und die eingehalten werden müssen: die Kleiderordnung, Pünktlichkeit, der Tagesablauf, die Sicherheitsvorschriften und so weiter. Es ist natürlich überhaupt nicht vergleichbar mit der Arbeit an einer Schule in einem sozialen Brennpunkt. Die meisten unserer Schüler haben eine gute Erziehung genossen. Körperliche Übergriffigkeiten kennen wir auf Salem nicht, das entspannt den Schulalltag immens. Kinder, die zum Beispiel adoptiert wurden oder einen Elternteil verloren haben, müssen entsprechend betreut werden, dafür haben wir eine Schulpsychologin.

Oft haben unsere Schüler Heimweh und klagen dadurch über Bauchschmerzen, oder kommen mit einem Jetlag hier an, weil sie zum Beispiel aus China kommen. Dann setze ich mich mit ihnen mit einer Tasse Tee hin und spreche mit ihnen. Manche Schüler können anfangs überhaupt kein Deutsch oder Englisch, die kommen dann in unsere Sprachschule. In ihren Zimmern müssen sie sich aber untereinander verständigen, manchmal geht das nur mit Händen und Füßen. Und das klappt auch. Dass ich deutlich weniger Schüler unterrichte, macht den Unterricht viel angenehmer.

Im gesamten Schuljahr gibt es immer wieder Phasen, die zeitweise stressig sind: Wenn die Korrekturen der Oberstufe auf dem Tisch liegen oder Berichte für die Wohngruppe formuliert werden müssen. Ich muss die Kinder und ihre Bedürfnisse trotzdem im Blick behalten. Ich bin gleichzeitig Streitschlichterin, Vertrauensperson, Ersatzmama und Lehrerin. Die Balance zu halten, ist oft nicht einfach.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

„Sind die Kinder wirklich solche Snobs?“ – nein, die sind echt goldig. Es gibt Ausnahmen. Aber ich habe Kinder gesehen, die aus den reichsten Haushalten kommen und am Ende nur einen kleinen Koffer mit nach Salem bringen, weil es ihnen oder ihren Eltern vor allem darum geht, zu lernen wie man Verantwortung übernimmt und selbstständig zu werden. Viele Eltern unserer Schüler sind beruflich ständig unterwegs, für diese Kinder ist das Internat ein Stück weit Zuhause.

Aber ja, es ist ein Privileg, nach Salem zu gehen und nicht jedes Kind kann das. Für ein Stipendium müssen die Kinder gewisse Voraussetzungen mitbringen: Die Leistungen müssen den Anforderungen für ein Gymnasium entsprechen und die Schüler sollten ein besonderes Talent, zum Beispiel in Musik, Sport oder im künstlerischen Bereich mitbringen, sie sollten eine hohe Sozialkompetenz mitbringen und Engagement zeigen. Und wir möchten, dass das Kind sich bewusst für das Internat entscheidet und nicht, dass nur die Eltern diesen Willen haben.

Etwa 20 Prozent der Schüler auf Schloss Salem erhalten ein Stipendium. Nachdem die Schüler ihren Abschluss haben, können sie Teil unseres Alumni-Netzwerks werden und profitieren insofern davon, als dass sie zum Beispiel Praktikumsstellen über unseren Praktika-Pool bekommen. Außerdem gibt es alle zwei Jahre eine Tagung, bei der mehr als 1000 ehemalige Schüler zu einem riesigen Klassentreffen aller Abschlussjahrgänge zusammenkommen.

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