„Clubbetreibern geht die Luft aus“

In Berliner Clubs wird gerade nur virtuell gefeiert. Einige, so befürchten sie, werden das nicht überleben.
Von Niko Kappel
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Foto: Adobe Stock, complize | M.Martins

Im Silent Green, einem ehemaligen Krematorium im Berliner Wedding, spielt Ruede Hagelstein Mitte Mai ein melancholisches Set. Die Musik ist leiser und nachdenklicher als der Techno, den Ruede normalerweise auflegt. Er singt über langsame, elektronische Beats Zeilen wie „Leave no one behind“ und „DJs are dead“. Seine Stimme klingt unsicher, die Musik hat etwas Unruhiges und Bedrohliches. Nicht nur die Musik ist anders als sonst. Es ist die Zeit von Social Distancing, Ruede Hagelstein spielt im Silent Green ohne Publikum. Er macht Musik fürs Netz, für die Reihe „United We Stream“, bei der sich Clubs aus ganz Deutschland zusammengetan haben, um ihre Veranstaltungen ins Internet zu bringen.

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Ruede Hagelstein, Musiker und DJ.

Foto: Lisa Wassmann

Bis Clubs und Veranstaltungsorte wie das Silent Green wieder öffnen dürfen, kann es trotz weitreichender Corona-Lockerungen noch dauern. Großveranstaltungen sind in Deutschland frühestens ab November wieder erlaubt. „Discothekenunternehmern und Clubbetreibern geht die Luft aus“, warnte Hans-Bernd Pikkemaat, der Präsident des Bundesverbandes deutscher Discotheken und Tanzbetriebe, allerdings schon Ende Mai. „Ohne Hilfe werden zwei Drittel aller Clubs und Discos die Corona-Krise nicht überstehen“, schrieb sein Verband. Diese Einschätzung teilt auch Georg Kössler. Er ist bei den Grünen und im Berliner Abgeordnetenhaus unter anderem Sprecher für Clubkultur. „Für die Clubs ist das die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“, sagt er. „Für viele Menschen sind die Clubs von Berlin eine Heimat. Und diese Heimat ist massiv bedroht.” Seit 1945 gab es keinen flächendeckenden Shutdown des Nachtlebens. Im März reagierten das Land deshalb mit einmaligen finanziellen Soforthilfen.

Die Soforthilfen aus dem März sind aufgebraucht

In Berlin gab es 25 000 Euro für Läden mit mehr als zehn Mitarbeiter*innen. Alle Clubs, in denen weniger Menschen angestellt sind, bekamen 15 000 Euro. Bei vielen Clubs arbeiten hauptsächlich Mini-Jobber, deshalb bekamen viele nur die geringere Summe. Der Club Gretchen in Berlin Kreuzberg zum Beispiel. Dort sind die 15 000 Euro mittlerweile weg. Für zweieinhalb Monatsmieten habe das Geld gereicht, erzählt Pamela Schobeß, die Besitzerin des Gretchens, die außerdem Chefin der Berliner Clubcommission ist, einer Interessenvertretung der Clubs der Hauptstadt. Das letzte Mal haben am 7. März Menschen im Gretchen getanzt, das ist mittlerweile drei Monate her. Seitdem hat der Club geschlossen und es gibt keine Aussicht darauf, wann er wieder geöffnet werden kann. „Uns geht es sehr schlecht“, sagt Pamela. „Wir haben kein Geld mehr und wir brauchen dringend Hilfe, sonst gehen wir insolvent.“ Das gehe nicht nur dem Gretchen so, sagt sie, sondern mehr oder weniger allen Clubs und Livespielstätten in Deutschland.

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Pamela Schobeß, Vorsitzende der Berliner Clubcommission und Besitzerin des Club Gretchen.

Foto: Nicholas Potter

In Berlin formt sich deshalb Widerstand. Ende Mai wurde von einzelnen Akteuren aus der Clubszene eine Demonstration für den Erhalt der Clubkultur auf dem Landwehrkanal angekündigt. Die Demonstration eskalierte, zwischenzeitlich schwammen 300 bis 400 Boote auf dem Kanal. Von Abstand keine Spur mehr, Corona schien ganz weit weg. „Ich bin dafür, dass man solche Messages lieber ohne Party rüberbringt“, sagt DJ Ruede Hagelstein. „Auch wenn ich kein Fan davon bin, die Leute von dieser Demo fertig zu machen. Viele Menschen haben ihre Familie in der Welt der Clubs, ihr komplettes soziales Umfeld. Das muss respektiert und beschützt werden. Trotzdem sollten wir alle momentan einfach die Füße still halten. Wir sind immer noch inmitten einer Pandemie. Gesundheitliche Versorgung ist gerade essentiell wichtiger.“ Die Demonstration auf dem Berliner Landwehrkanal wurde tagelang in den sozialen Medien diskutiert. Im Nachhinein entschuldigten sich viele der Veranstalter.

In Kreuzberg macht das Gretchen mittlerweile Schulden. Die Miete für Juni war schon fällig. „Wir haben die Versicherung und die Steuern gestundet” sagt Pamela. „Aber das heißt ja nur, dass wir das vor uns herschieben und Schulden machen.” Pamela hat außerdem Kurzarbeit angemeldet. Aber die greift weder bei Mini-Jobs noch für die Geschäftsführung. Veranstaltungen müssen verschoben werden, bei internationalen Bookings ist das schwierig. „Keiner weiß, wann die Künstler*innen wieder reisen können, deshalb mussten wir manche Veranstaltungen schon jetzt auf Mitte 2021 verschieben.“ Die einzigen Veranstaltungen, die das Gretchen zur Zeit macht, sind Streaming-Events, wie die „United We Stream“-Reihe. Das sei aber mehr fürs Herz als für den Geldbeutel, sagt Pamela.

Auch Ruede Hagelstein hat gemischte Gefühle, was das Streaming angeht. „Die Idee, die Clubs zu den Menschen nach Hause zu bringen, ist gut. Trotzdem finde ich es ziemlich traurig, wenn DJs Tanzmusik in leeren Hallen spielen.“ Deshalb klingt sein Stream aus dem Silent Green auch so anderes. „Da habe ich fast nur Lieder gespielt, die während der Krise entstanden sind. Mir ist grade nicht danach, Dance Musik zu produzieren. Die gehört nämlich in volle Clubs.“

Kredite und Streams bringen wenig

„Wir machen Streams, weil wir Musik und Menschen präsentieren wollen. Wir wollen Künster*innen eine Plattform geben“, sagt Pamela über die Streaming-Events im Gretchen. Die laufen momentan drei Mal die Woche auf der Facebook-Seite des Clubs. Pamela ist jedes Mal im Club vor Ort. „Die Streams sind wie ein unendlicher Soundcheck vor einem Konzert. Ich bin als Clubbesitzerin dabei, werde angefixt und die Spannung steigt.“ Aber nach zwei Stunden alleine tanzen im leeren Club merke man, dass ein Live-Erlebnis Menschen brauche, um zu funktionieren. „Streaming ist ein bisschen wie Sex ohne Orgasmus“, sagt Pamela. „Es macht schon Spaß, aber es ist nicht wirklich befriedigend.“ Die Spenden, die das Gretchen mit den Streams erhält, seien leider nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aber jeder Tropfen zähle: „Uns freut das sehr und es hilft uns auch, wenn Leute für die Streams spenden.“ Aber insgesamt komme einfach zu wenig zusammen. 

Mit Krediten sei den Clubs auch nicht geholfen. Die könnten Clubs eh nicht zurückzahlen. „Wie auch, Clubs machen schließlich Kultur und keinen Profit“, sagt Pamela. Der Gesetzgeber sieht das anders. Aktuell werden Clubs nach der Baunutzungsverordnung nämlich als Vergnügungsstätten bezeichnet, genau wie Casinos und Bordelle, und nicht als Kulturbetriebe. Formal sind Clubs also Wirtschaftsbetriebe und haben somit weniger Anrecht auf Unterstützung.

Eine Lösung wäre die staatliche Anerkennung von Clubs als Kulturbetrieb

„Clubs müssen als Kulturbetriebe anerkannt werden“, sagt auch Georg Kössler von den Grünen. So könnten sie dieselben Förderungen enthalten wie Museen, Opernhäuser und Theater. Für Kössler gehören die Clubs in Berlin zum Kulturgut, mit dem die Stadt jedes Jahr Hunderttausende Tourist*innen anlockt. Die brächten Geld nach Berlin und steigerten den Wert als selb Kulturhauptstadt der Welt. „Jeder vierte Tourist kommt nur wegen oder auch wegen der Clubs nach Berlin. Es muss zum politischen Interesse werden, das zu fördern. Die Menschen wollen, dass die Clubs die Kultur und nicht den Profit im Fokus haben. Dann müssen wir ihnen aber auch die Rahmenbedingungen dafür geben.“

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Georg Kössler von den Grünen, Sprecher für Clubkultur im Berliner Abgeordnetenhaus.

Foto: Erik Markquart

Auch wenn Pamela diese Forderung unterstützt – konkret hilft das dem Gretchen erst einmal wenig. „Wir brauchen jetzt ein Zuschussprogramm das auf  unsere Situtation zugeschnitten ist. Wir sind seit März bis auf unbestimmte Zeit geschlossen.“ Pauschal kann die Chefin der Berliner Clubcommission nicht sagen, wie viel die einzelnen Clubs zur Rettung benötigen. Im Fall ihres Clubs, des Gretchens, belaufen sich die monatlichen Fixkosten auf 10.000 bis 15.000 Euro.  "Es gibt aber auch Clubs, die müssen alleine 15 000 Euro nur an Miete im Monat bezahlen.“

Wann Ruede Hagelstein wieder vor tanzenden Menschen im Club stehen kann, weiß er nicht. „Das ist in so weiter Ferne, da mach ich mir keine Illusionen.“ Er habe in den drei Monaten Krise über einiges nachgedacht, sagt er. Ein Drittel seiner Einnahmen verdient er als internationaler DJ in den USA. „Dieses ganze Reisen tut der Umwelt nicht gut. Ich will in Zukunft wieder mehr in Berlin spielen.“ Außerdem wolle er nicht mehr einfach nur Musik auflegen. „Die Krise hat mir gezeigt, dass es wichtig ist, auch seine Message zu haben.“ Deswegen befinde sich einer der Songs aus dem Silent Green auch auf seinem neuen Album: das Lied „Leave no one behind“. Auch wenn er sich das Auflegen als Techno-DJ in vollen Clubs momentan nur schwer vorstellen kann, sagt Ruede: „Ich freue mich sehr darauf, irgendwann mal wieder ganz normal in einem Club zu stehen. Wo und in welcher Form auch immer.“ Wie viele Clubs es dann überhaupt noch geben wird, ist eine Frage, die weder Ruede noch sonst jemand momentan beantworten kann.

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