Drei Kleinwüchsige schenken auf Festival „Kurze“ aus

An ihrer „Mini-Bar“. Michel, Sprecher des Bundesverbandes für Kleinwüchsige, findet das inakzeptabel.
Von Lara Thiede

Die Mini-Bar wird von Peter Gatzweiler, Frank Ramirez und Peter Brownbill betrieben. Sie alle haben sich über die Zusammenarbeit bei einem Kinofilm kennengelernt.

Foto: Privat

Es scheint der Aufreger dieser Festival-Saison zu sein: Auf dem Parookaville, das in dieser Woche von Freitag bis Sonntag am Flughafen Weeze stattfindet, arbeiten drei kleinwüchsige Schauspieler und Künstler als Barkeeper. Allerdings nicht an irgendeiner Bar, sondern an der eigens von ihnen mitgebrachten, 80 Zentimeter tiefen „Mini-Bar“. Dort schenken sie nur „Kurze“, also Schnaps in kleinen Gläsern aus.

Vom Trio sowie von den Veranstaltern des Festivals ist das als lukrativer Gag gemeint. Der Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und Familien (BKMF) allerdings hat bei der Stadt Weeze Beschwerde gegen die Aktion „Mini-Bar“ eingereicht. Dutzende Medien berichteten über die Streitfrage.

Michel Arriens, Vorstand des BKMF, erklärt die Beschwerde seines Verbandes jetzt gegenüber so: „Die Minibar vermittelt 80.000 Besuchern den Eindruck, dass Kleinwüchsige eine kleine Bar bräuchten. Dass sie nicht Mitarbeiter einer ganz normalen Bar sein könnten. Das halten wir für sehr problematisch. Vor allem, nachdem wir seit Jahren versuchen, der Gesellschaft zu vermitteln, dass auch kleinwüchsige Menschen normale Menschen mit normalen Jobs und normalen Besitztümern sind.“

Michel Arriens: „Was soll man daraus lernen?! Dass Kleinwüchsige nur Kurze tragen können?“

Michel ist nicht nur Pressesprecher des Bundesverbandes Kleinwüchsige und ihre Familien, sondern auch ein bekannter Inklusionsaktivist.

Foto: Anna Spindelndreier

Besonders ärgert er sich darüber, dass die kleinwüchsigen Barkeeper dabei nur „Kurze“ ausgeben wollten. „Was soll man denn daraus lernen?“, fragt er. „Dass Kleinwüchsige nur Kurze tragen können? Dass sie in kleinen Häusern wohnen und nur unter Kleinwüchsigen zusammenarbeiten können?“ Die drei Barkeeper, so sagt Michel, würden ihre Kleinwüchsigkeit mit der Aktion nur zur Schau stellen.

Der Schauspieler und Performance-Künstler Peter Gatzweiler, der zusammen mit seinen Freunden Peter Brownbill und Frank Ramirez hinter der Mini-Bar stehen wird, findet das alles wenig problematisch: „Wir wissen zwar, dass wir uns da auf einem schmalen Grat bewegen – stehen aber voll dahinter, was wir machen. Das ist für uns ein Job wie jeder andere auch. Wir sind nur zufällig ein paar Köpfe kürzer als andere Barkeeper. Das heißt noch lange nicht, dass wir uns zur Schau stellen.“

Das Wortspiel mit den „Kurzen“ sei ebenso wenig Grund zur Aufregung: „Wir lieben das, mit Wortspielen um uns zu werfen. So erregen wir mehr Aufmerksamkeit und schlagen mehr Profit aus unserer Einzigartigkeit.“ Darum geht es Peter und seinen beiden Kollegen sowieso in erster Linie: ums Geschäft. „Andere nutzen ihre Talente ja auch, um Geld damit zu machen. Warum sollten wir keinen Profit mit unserer Besonderheit machen dürfen?“

Peter Gatzweiler: „Die meisten Besucher haben großen Respekt vor unserer Arbeit“

Das, so findet Michel, sei ja auch gar nicht das Problem. „Ich finde es nicht verwerflich, Profit mit der eigenen Kleinwüchsigkeit zu machen. Unsere Kritik richtet sich nicht einmal an die Personen, die bei so etwas mitmachen, sondern vielmehr an die Veranstalter, die mit Formen der Diskriminierung Geld machen. Letztlich will der Veranstalter ja keine Inklusionsarbeit leisten. Er missbraucht Kleinwüchsige lediglich zur Belustigung Normalwüchsiger. Und das lehnt der BKMF ab.“

Die Mini-Bar ist schon länger fester und vor allem lukrativer Bestandteil im Geschäft des Trios. Peter und seine Kollegen haben schon in verschiedenen Ländern Europas, auf Messen, bei Privat-, aber auch Firmenveranstaltungen ausgeschenkt. Peter erlebt die Arbeit an der Bar dabei nicht als unangenehm: „Die meisten Besucher haben großen Respekt vor unserer Arbeit. Natürlich gibt es immer ein paar, die uns belächeln – aber wenn ich mich im Supermarkt strecken und recken muss, um an ein Produkt heran zu kommen, gibt es auch immer wieder Menschen, die das lustig finden.“

Sowohl Peter als auch Michel glauben übrigens, dass ihre jeweilige Meinung die Mehrheitsmeinung widerspiegele. Für dieses Wochenende allerdings zählt vor allem die des Ordnungsamtes in Weeze. Das hat am Freitagvormittag in Abstimmung mit dem Gleichstellungsbeauftragten entschieden, dass die Mini-Bar wie geplant auf dem Festival betrieben werden darf.

Die Prüfer der Beschwerde des BKMF betrachten den Alkoholausschank nämlich als Teil einer künstlerischen Darbietung. In der Pressemitteilung der Gemeinde heißt es weiter: „Die kleinwüchsigen Beschäftigten, die sich derart engagieren, machen das bewusst und selbstbestimmt, sie wollen damit aufrütteln und gehen mit ihren eigenen Möglichkeiten nach vorne und zeigen, dass sie stark sind.“

„Diskriminierung von Menschen mit Behinderung wird nicht so schnell enttarnt wie Rassismus oder Sexismus“

Michel ist enttäuscht über diese Entscheidung, kann sie sich aber erklären: „Die Diskriminierung von Kleinwüchsigen oder generell von Menschen mit Behinderung wird noch zu selten in der Gesellschaft thematisiert. Anders als Rassismus oder Sexismus erkennen viele nicht sofort, was hier okay ist und was nicht. Wäre diese Bar keine Mini-, sondern eine Dschungel-Bar und würden darin nicht Kleinwüchsige 'Kurze', sondern Schwarze Schokoküsse verkaufen – da wäre jedem sofort klar, dass das nicht in Ordnung ist.“

Der Leiter des Ordnungsamtes beruft sich also auf die Kunstfreiheit. Auf Michels Nachfrage allerdings, was das Ordnungsamt denn an der Mini-Bar für Kunst halte, habe er keine Antwort bekommen.

Was Menschen mit Behinderung oft beschäftigt: