„Ich habe mich ziemlich ,nah an mir selbst‘ gefühlt“

Vier Menschen erzählen, wie es für sie war, den Silvesterabend allein zu verbringen.
Protokolle von Sophie Aschenbrenner

Illustration: Federico Delfrati

Den Jahreswechsel ganz alleine verbringen? Für viele Menschen ist diese Vorstellung vor allem eines: einsam und deswegen angsteinflößend. Deswegen wird schon ab September der Silvesterabend geplant, da werden Hütten gebucht und Menüs ausgetüftelt – alles nur, um auf jeden Fall einen möglichst spaßigen Abend zu verbringen. Die Erwartungen sind hoch, die Fallhöhe auch. Wir haben mit vier Menschen gesprochen, die Silvester einmal oder auch häufiger ganz allein oder nur mit dem oder der Partner*in verbracht haben. Und gefragt, ob das wirklich einsam ist – oder vielleicht einfach nur wahnsinnig entspannt. 

Nasti, 28, findet es schön, den Silvesterabend genau nach den eigenen Vorstellungen gestalten zu können:

Nasti macht gern Party – aber nicht am 31. Dezember.

Foto: privat

„Ich hab die vergangenen zwei Jahre alleine Silvester verbracht. Das erste Mal war ich mit Freund*innen essen. Die sind dann weiter zu einer Party, ich bin alleine nach Hause und habe um 23 Uhr geschlafen. Als ich nach dem Essen nach Hause gegangen bin, war es schon komisch – aber auch okay für alle. Ich war auch einfach froh, nicht durch den üblichen Böller-Regen zu müssen. Den nächsten Morgen habe ich unverkatert für einen Spaziergang genutzt. Vergangenes Jahr habe ich am Silvesterabend mit meinem Freund ein Glas Champagner getrunken und den Abend sonst ganz normal verbracht – wir haben gelesen, Musik gehört, am Fenster das Feuerwerk der Nachbar*innen angeschaut, selbst eine Wunderkerze angezündet. Das war wirklich schön, weil ich den Abend genauso verbracht habe, wie ich das wollte. Ohne aufgesetzte Freude, Silvesterböller oder den Druck, den die Frage: ,Wo gehst du an Silvester hin?‘ auslöst. Ich hatte nicht das Gefühl, etwas zu verpassen, im Gegenteil, ich habe mich ziemlich ,nah an mir selbst‘ gefühlt. Die Jahre davor musste ich mich oft entscheiden und habe dann die Einladung angenommen, die zuerst kam. Auch, wenn ich vielleicht auf etwas anderes mehr Lust gehabt hätte. Dieses Jahr habe ich eine gute Freundin zu mir eingeladen. Wir trinken Glühwein, quatschen über das vergangene Jahr und vielleicht über das nächste. Und am nächsten Tag arbeite ich und bekomme Feiertagszuschlag. Win/Win!“

Hannah, 28, findet: Lieber alleine feiern, als auf Partys rumschwirren, auf die man keine Lust hat:

„Das erste Mal habe ich vor etwa sieben Jahren alleine Silvester gefeiert. Ich habe einen Film geschaut und bin dann ziemlich früh ins Bett gegangen, gegen zehn Uhr abends. Davor habe ich darüber nachgedacht, was im vergangenen Jahr Schönes und weniger Schönes passiert ist, und welche Wünsche ich für das neue Jahr habe. Bereut habe ich das absolut nicht. Denn die Optionen, die ich hatte, haben mir einfach nicht gefallen: Ich war bei Freunden aus dem Studium eingeladen, hätte auf der Party aber nur zwei Menschen gekannt. Eine andere Option: Mit alten Freunden aus der Schule feiern. Mit diesen war ich das Jahr davor in Berlin, was fantastisch war. Auf die Party in diesem Jahr hatte ich aber keine Lust: Raclette bei einer Freundin in unserer alten kleinen Heimatstadt – das ist ja noch schön. Dann aber vollgefressen bei Eiseskälte in die Innenstadt laufen, die Hälfte der Leute verlieren, kurzer emotionaler Feuerwerks-Neujahrsmoment und dann in die kleinstädtische Dorfdisco quetschen, wo man lauter alte Gesichter sieht, die man eigentlich gar nicht sehen wollte, schwitziges Zusammenquetschen – da hatte ich keine Lust drauf. Vergangenes Jahr habe war ich schwanger und wollte einfach keine Party machen. Deswegen bin ich früh ins Bett gegangen, habe dann aber ausgiebig mit meinem Freund und einem schönen Essen Neujahr gefeiert. In diesem Jahr werd ich mit Baby zu Hause bleiben und hoffen, dass das Feuerwerk den Kleinen nicht zu sehr erschreckt.“

Göran, 27, liebt eigentlich volle und laute Clubs – aber nicht an Silvester:

Foto: privat

„Ich habe 2013 mit meiner damaligen Partnerin Silvester zu zweit verbracht. Wir waren in der Wohnung einer Freundin in Berlin zu Besuch. Wir haben zu dem Zeitpunkt schon gewusst, dass von Silvester immer totale Erwartungshaltungen ausgehen, und wir wollten uns dem entziehen und uns stattdessen auf uns und unsere Beziehung konzentrieren. Wir wollten Essen bestellen, haben aber festgestellt, dass das in Berlin an Silvester keine gute Idee ist. Deswegen haben wir uns in einer ziemlich abgefuckten Kneipe was zu Essen geholt. Dann waren wir in einer anderen Bar und haben was getrunken. Gegen vier waren wir im Bett. An sich war das ein total entspannter Abend, wir hatten nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. Ich gehe ohnehin nicht gerne feiern an Silvester. An sich liebe ich volle, laute Clubs, aber eben nicht an diesem Abend. Unsere Freunde haben total gut verstanden, dass wir den Abend zu zweit verbringen wollten. Seitdem habe ich aber nicht mehr in so kleinem Kreis gefeiert.“

Maja, 26, würde immer wieder alleine feiern:

„Alleine hab ich zum ersten Mal vor drei Jahren Silvester gefeiert. Niemand meiner Freunde konnte sich so richtig auf eine Stadt oder eine Party festlegen, mein Freund war in Spanien bei seiner Familie. Und dann habe ich mich entschieden, einfach alleine zu bleiben. Das war für mich völlig in Ordnung. Ich habe abends die ganze Weihnachtsdekoration aufgeräumt und um kurz nach Mitternacht dann mit meinem Freund und meinen Eltern telefoniert und von meinem Balkon aus das Feuerwerk angeschaut. Gegen zwei Uhr bin ich dann ins Bett gegangen. Den nächsten Morgen habe ich in total guter Erinnerung, weil ich natürlich keinen Kater hatte und super fit war. Deswegen habe ich einen wunderschönen Neujahrsspaziergang durch den sonnigen und leergefegten Park gemacht. Meine Eltern haben mich schon gefragt, ob sich das Alleinefeiern komisch anfühlen würde. Von Freunden habe ich Reaktionen wie ,Ach krass, aber cool, wieso eigentlich nicht‘ gehört. Ich würde immer wieder alleine feiern, weil ich diese erzwungene Partyplanung einfach stressig finde. Außerdem mag ich große Menschenansammlungen und Böller an Silvester nicht besonders. Dieses Jahr kommen ein paar Freunde zu meinem Freund und mir nach Hause, das wird entspannt und ich freue mich.“

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