Diese Leute triffst du auf Erasmus-Partys

Von den Whoo-Girls bis zu den Despacito-Brüllern sind alle da.
Von Tami Holderried
Illustration: Katharina Bitzl

Wer ein Erasmus-Semester macht, will meistens so schnell wie möglich neue Leute kennenlernen. Und wo ginge das besser als auf Partys mit internationalen Studierenden? Diese Leute wirst du garantiert auf jeder Erasmus-Feier treffen.

Die Mädchengruppe, die zu fünft aufs Klo geht oder auch: Die Whoo-Girls

Illustration: Katharina Bitzl

Sie kommen als Gruppe und trennen sich den ganzen Abend nicht. Muss eine aufs Klo, gehen alle aufs Klo – gleichzeitig, möglichst noch in dieselbe Kabine. Man erkennt sie auch an der Gruppenuniform, sie haben nämlich ihre Outfits aufeinander abgestimmt – alle fünf „Gööööörls“ tragen zerrissene Jeans, schwarze Lederjacke, rote Lippen. Wenn dein Outfit zufällig dazu passt, fragen sie dich, ob du mit aufs Klo willst. Auf der Tanzfläche bilden sie einen großen Kreis und tanzen sich gegenseitig sexy an – nur unterbrochen durch gelegentliche „Whoo!“-Rufe, wenn gerade IHR SONG (zum Beispiel „All the single ladies“ von Beyoncé) läuft.

Das Pärchen in der Beziehungskrise:

Illustration: Katharina Bitzl

Lisa und José haben sich vor einer Woche beim Erasmusgrillen kennengelernt. Seit ihrem Date vor zwei Tagen sind sie jetzt offiziell zusammen und posten Instagram-Fotos mit Hashtag #couplegoals. Dass Lisa kaum Spanisch und José weder Englisch noch Deutsch kann, steht der wahren Liebe natürlich nicht im Weg! Heute Nachmittag hat José allerdings erst nach 30 Minuten auf Lisas SMS geantwortet – sie zweifelt jetzt echt an der Beziehung. Nun stehen die beiden in einer Ecke, sie schreit ihn an, er guckt hilflos. Dann fängt sie an zu weinen und will weglaufen – er hält sie, mit großer Geste, am Arm fest: „No, querida!“ – Alles ziemlich dramatisch. Genauso dramatisch wie der Streit, verläuft aber gegen Ende der Party die Versöhnung – Arm in Arm wandern die zwei gen Sonnenaufgang.

Der Typ, der melancholisch in der Ecke steht und über sein Leben sinniert:

Illustration: Katharina Bitzl

Linus ist das erste Mal von zuhause weg und ihm wird heute, nach drei Wodka-O, bewusst, wie krass das eigentlich ist. Das ist das Erste, was er dir gleich nach dem Kennenlernen erzählt. Er! Ganz allein! In einem fremden Land! Mindestens zwei Flugstunden von Wiedenborstel entfernt! Bald steht er wieder allein in seiner Ecke. Und während er so in seinen Becher starrt, fühlt er sich auf einmal wahnsinnig erwachsen – er denkt daran, was alles passieren musste um ihn heute, an diesem Tag, hierher, an diesen Ort, zu bringen. Sein bisheriges Leben läuft vor seinem geistigen Auge an ihm vorbei – das rote Spielzeugauto im Kindergarten, das verlorene Völkerballspiel in der dritten Klasse. Ihm dämmert, dass er wohl die Welt verändern wird, ach was, die Welt retten wird! Ganz demütig und rührselig denkt er an seine Oma – wie stolz sie wohl auf ihn sein wird…

Der DJ, der die Chart Hits aus 2012 auflegt:

Illustration: Katharina Bitzl

DJ X-Press ist richtig aufgeregt, schließlich ist das seine erste richtige Party. Die Erasmus-Orga-Gruppe hat ihn einen Tag vorher angefragt, weil DJ T-Ones doch keine Zeit hatte. DJ X-Press hat also schnell seine Evergreen-Playlist von 2012 (ganz klar DAS Jahr des Elektro-Pop!) runtergeladen und sich fette Kopfhörer besorgt. Nun lungert er etwas verloren vor einem Tisch rum, auf dem sein Laptop steht. Die Übergänge klappen noch nicht so ganz und gerade hat die Anlage mal eben für eine Minute versagt, aber die meisten haben das gar nicht sooo richtig gemerkt. Gerade läuft der all-time-Klassiker „TiK ToK“ von Kesha und alle Whoo-Girls grölen mit – voller Erfolg also, das Ganze! Bis…

Die Despacito-Brüller:

Illustration: Katharina Bitzl

…eine Gruppe sehr betrunkener Spanier das DJ-Pult entert. Die haben beschlossen, dass jetzt „Despacito“ laufen MUSS. Also schließen sie ein Handy an, drehen voll auf und schnappen sich das Mikro, um beim Refrain in ohrenbetäubender Lautstärke DES-PA-CITO in die Menge zu grölen.

Das Pärchen, das die ganze Zeit fummelt:

Illustration: Katharina Bitzl

Gegenstück zu Lisa und José von oben – Britanny und Giovanni haben sich eben als Despacito lief beim Tanzen kennengelernt. Es hat SOFORT INSTANTLY geklickt und jetzt stehen sie in einer Ecke, knutschen und fummeln was das Zeug hält. Giovanni überlegt währenddessen, wie er seinem Mitbewohner Linus beibringen kann, dass er heute das Zimmer, das die zwei sich teilen, braucht…

Die, die versuchen mit den Locals anzubandeln:

Illustration: Katharina Bitzl

„Französische Männer sind soooo viel einfühlsamer als Deutsche! Und der Akzent ist halt schon verdammt süß…,“ hat Tanja gerade noch zu ihrer neuen besten Freundin Marianne gesagt. Die beiden kennen sich, seit sie vor ein paar Minuten gemeinsam vor dem Klo angestanden sind und haben sofort gaaanz viele Gemeinsamkeiten entdeckt. Jetzt tanzen sie auffällig nahe an einer Gruppe französischer Jungs, die auch schon interessiert zu den beiden rüberlugen – Ziel der Jungs für heute ist nämlich, eine Erasmus-Studentin abzuschleppen. So werden dann doch noch alle glücklich. Tanja ruft ihre Eltern am nächsten Tag an und empfiehlt ihnen, einen Online-Französischkurs zu belegen – damit sie sich auch mit ihrem zukünftigen Schwiegersohn verständigen können!

Der Typ, der von Anfang an rabenstramm ist:

Illustration: Katharina Bitzl

Jack ist, genau wie Linus, das erste Mal alleine in der weiten Welt unterwegs. Das bringt ihn aber nicht zum Grübeln, sondern zum Eskalieren: Er nutzt die Chance, dass seine Mama nie erfahren wird, was er hier in Frankreich so treibt – und hat es deshalb schon zuhause in seinem Wohnheimszimmer ordentlich krachen lassen. Kaum ist er durch die Türen in den Partyraum gewankt, muss er auch schon wieder rückwärts raustorkeln. Den Rest des Abends verbringt er vornübergebeugt auf dem Bordstein sitzend. Dort finden ihn Lisa und José, als sie frühmorgens nach Hause laufen – sie beschließen aber, ihn friedlich schlummern zu lassen. Trotzdem wird Jack am nächsten Tag erzählen, dass es die beste Party seines Lebens war.

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