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Fotos: Hannah Heinzinger

Mein Kinn wird in meinen Döner gedrückt, weil die U-Bahn unsanft bremst. Ein fremder, triefender Döner kommt meiner Schulter auf einmal sehr nah und ein krümeliger Bart vor meinen Augen haucht mit Zwiebel-Fahne „'tschuldige“, nachdem ein ordentlicher Tropfen Joghurtsauce aus seinem Döner auf meine Schuhe getropft ist. So hatte ich mir den Tag eigentlich vorgestellt. Es sollte ein historischer Moment werden: Das letzte Mal Döner essen in der Wiener U6.

Über 12.000 Menschen interessierten sich auf Facebook für die dazugehörige Veranstaltung. Nachdem Mitte Juli die Nachricht bekannt wurde, dass die Wiener Linien ab dem 1. September „stark riechendes Essen“ in der U6 verbieten wollen, formierte sich Widerstand. Die Wiener U6 gilt als das Schmuddelkind unter den U-Bahn-Linien. Ihre Route läuft vom nördlichsten bis zum südlichsten Teil der Stadt und ist gleichzeitig ein Querschnitt durch die Wiener Gesellschaft. Eine Fahrt mit ihr und man kennt das wahre Gesicht der Stadt, sagt man in Wien. Die U6 ist Sammelbecken für alles und jeden – und den jeweils anhaftenden Geruch. Daher soll das Essensverbot als erstes auf dieser Linie in Kraft treten, bevor es im Januar auf alle U-Bahnlinien ausgeweitet wird.

Als ich mich am Freitagnachmittag in die U6 setze, isst niemand etwas. Fast schon auffällig, wenn ich daran denke, dass es in der U6 eigentlich immer ein bisschen nach ranzigem Fett riecht. Dreimal fahre ich zwischen Meidling und Michelbeuern hin und her. Nur zwei Personen sehe ich einen Döner essen – und eine davon ist schon so alt, dass sie eigentlich unmöglich von einer Facebookveranstaltung dazu angestiftet sein worden kann.

Die Wiener U6 läuft vom nördlichsten bis zum südlichsten Teil der Stadt und ist ein Querschnitt durch die Wiener Gesellschaft.

Die Wiener U6 läuft vom nördlichsten bis zum südlichsten Teil der Stadt und ist ein Querschnitt durch die Wiener Gesellschaft.

Foto: Hannah Heinzinger

Die Veranstaltung ins Leben gerufen hat die Facebook-Seite mit dem Namen Juan Son. Dahinter steckt eine Gruppe von Leuten, die schon seit ein paar Jahren eine Art Internet-Aktivismus betreibt, bei dem sie anonym durch satirische Veranstaltungen oder Trolling versucht, Kritik an der Oberflächlichkeit der Gesellschaft zu üben. Ihre Aussagen sollen für sie im Vordergrund stehen, deswegen wollen sie weder verraten, wer sie sind, noch wie viele. Ich schreibe sie auf Facebook an und darf mit einem von ihnen telefonieren.

Plötzlich explodierten die Teilnehmerzahlen, die Veranstaltung ging viral

Zunächst starteten sie das Event als Satire-Veranstaltung, erklären mir die Betreiber der Seite Juan Son. In der Veranstaltung verkünden sie in einem Video mit äußerst holpriger Grammatik:

 „Die Demokratie ist bedroht! (...) Lasst uns gemeinsam ganz Wien, ganz Österreich, nein der ganzen Welt zeigen, was uns am allerwichtigsten ist. Unser Grundrecht, morgens, mittags und wenn es dunkel ist, Döner zu verspeisen!“

Kurz darauf explodierten die Teilnehmerzahlen, die Veranstaltung ging viral – Medien in Österreich, Deutschland und der Schweiz berichteten von der Aktion. Für die Leute hinter Juan Son war es „ein Schockmoment“, als sie bemerkten, wie viele Leute in kürzester Zeit an der Veranstaltung teilnehmen wollten. Um der Veranstaltung doch noch einen sinnvollen Dreh zu geben, gingen sie daraufhin auf die Wiener Tafel zu. Zusammen mit dem Döner-Restaurant „Mangalet“, das direkt an der U6 liegt, wurde die Veranstaltung zur Spendenaktion umgebastelt. Das Mangalet verkündete, 30 Prozent seiner Einnahmen an die Tafel zu spenden, außerdem sollten Freiwillige der Tafel dort mit Spendenboxen bereitstehen.

Das Döner-Restaurant „Mangalet“ liegt direkt an der U6 und hat verkündet, 30 Prozent seiner Einnahmen an die Wiener Tafel zu spenden.

Das Döner-Restaurant „Mangalet“ liegt direkt an der U6 und hat verkündet, 30 Prozent seiner Einnahmen an die Wiener Tafel zu spenden.

Foto: Hannah Heinzinger

Als ich nachmittags am Mangalet ankomme, packt Thomas Hein gerade seine Sachen zusammen. Er ist freiwilliger Helfer der Wiener Tafel und hat die letzten drei Stunden hier gestanden, jetzt übergibt er an seine Kollegin Marianne. „Besonders viel war nicht los“, sagt er. „Heute Mittag hat ein Fernsehteam ein paar Gäste überreden müssen, sich mit dem Kebab neben die U-Bahn zu stellen. Sonst hätten die auch nichts zum Filmen gehabt.“

Ich treibe mich ein bisschen zwischen Restaurant und Bahnsteig herum. Mir begegnen ein Käsekrainer, ein Eis und zwei Dosenbier. Nach Döner riecht es zwar dank der Imbissbuden überall, aber niemand trägt einen in die U-Bahn. Ich überlege mir, einfach allein einen Döner zu holen und mich damit in die U6 zu setzen. Zurück am Mangalet treffe ich Melanie und Desirée. „Wir sind eigentlich nur zum Spaß hier, wir fanden das mit der Spendenaktion ganz gut,“ erzählen sie. Beide haben auch schon einen Döner in der Hand. „Den essen wir jetzt aber doch lieber draußen!“ Ich hole mir also allein einen Döner.

Desirée und Melanie essen ihren Döner doch lieber nicht in der U-Bahn.

Desirée und Melanie essen ihren Döner doch lieber nicht in der U-Bahn.

Foto: Hannah Heinzinger

Dann treffe ich Julia, Evelyn und Daniel. Das Zischen, mit dem sie ihr Dosenbier öffnen, klingt gut. Sie warten noch auf zwei Freunde, wollen sich dann einen Döner holen und mit der U-Bahn zu Freunden fahren, wo heute Abend noch ein bisschen mehr Dosenbier fließen soll. Ob sie öfter Döner in der U-Bahn essen, frage ich. „Döner hab ich glaub ich noch nie in der U-Bahn gegessen. Aber was anderes, das stinkt – bestimmt“, sagt Julia. Nachdem Alex und Michael dazugekommen sind und jeder einen Döner hat, geht es los. Eine Station werden wir zusammen fahren können.

„Ich finde das Verbot ok, aber eine Tragödie ist es schon ein bisschen“, fängt Daniel mit vollem Mund an zu erzählen. „Pass auf wenn ich dich ab morgen mit einem Döner in der U-Bahn sehe: Ich ruf sofort die Polizei“, unterbricht ihn Michael und Daniel lacht. Nach einer Station steigen die fünf aus und verabschieden sich. „Mit Verboten ist es so“, sagt Michael noch. „Die Wiener machen nicht gern Sachen. Außer halt, wenn's verboten ist. Dann erst recht!“ Wir verabschieden uns und mir fällt auf, dass ich noch keinen Bissen von meinem Döner gegessen habe.

„Wenn die Veranstaltung hilft, mit dem Verbot umzugehen, dann soll es so sein“

Als ich einen Tag vor der Veranstaltung mit Daniel Amann von den Wiener Linien telefoniert habe, war ich noch ein bisschen überrascht. Kein zusätzliches Sicherheitspersonal sollte abbestellt werden. „Nein, wir bereiten uns nicht besonders vor. Wir haben zwar ein Auge darauf, aber nachdem die Intention eine Gute ist, betrachten wir das aus der Ferne.“ Dass die Veranstaltung laut Facebook so einen enormen Zulauf hat, kann Amann nachvollziehen: „Es ist natürlich eine Aktion, die für den ein oder anderen einen gewissen Abschied bedeutet. Und wenn die Veranstaltung hilft, mit dem Verbot umzugehen, dann soll es so sein.“

Nachdem ich auch weiterhin keine trauernden Döneresser in der U6 finden kann, mache ich mich auf den Heimweg. Dass trotz so viel Zuspruch auf Facebook kaum etwas los ist, finde ich fast ein bisschen traurig. Vielleicht werden die Wiener den Döner in der U6 einfach gar nicht vermissen. Oder, wie Michael gesagt hat, sie interessieren sich einfach einen Scheißdreck für Verbote. Vielleicht ist es aber auch so, wie die Veranstalter gesagt haben: Mit der neuen Regierung gibt es genug andere Anlässe, auf die Straße zu gehen.

Auch im Mangalet packen die Helfer der Wiener Tafel ihre Sachen zusammen. Das war es für heute. Abdullah Ünal, Besitzer des Ladens, findet es auch ein bisschen schade, dass die Leute nur über den Tag verteilt gekommen sind. „Ein Flashmob wäre schon lustiger gewesen“, sagt er. Er schätzt, dass er heute dreimal mehr Umsatz gemacht hat, als an normalen Tagen. Yunus, der den Tag über hinter der Theke gearbeitet hat, sagt, er habe keinen großen Unterschied zu sonst gemerkt. Immerhin ein paar Hundert Euro werden sie spenden können – für die Veranstalter ist es ein Erfolg. Mit meinem kalten Rest-Döner in der Tasche mache ich mich auf den Heimweg. Den esse ich dann doch lieber zu Hause. Ich hoffe, da riecht es dann ein bisschen so, wie zu den guten, alten Zeiten in der U6.

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