Ich? Spießig? Niemals!

Aber könntest du dich bitte nicht an die Wand lehnen – das gibt Flecken.
Von Teresa Fries
Illustration: Lucia Götz

Angefangen hat alles mit der Frage: “Und wann ist die Einweihungsfeier?”

Ich bin vor zwei Monaten mit meinem Freund zusammengezogen. Bei der Wohnungssuche hat jeder in meinem Umfeld mitgelitten, weil München. Vom Erfolg musste ich jedem erzählen, weil Freude. Und beim Umzug hat jeder geholfen, weil vierter Stock ohne Aufzug. Die Frage war also völlig berechtigt. Was ich nicht erwartet hatte, war die Antwort, die für mich sofort klar war: Nie. Niemals. Auf gar keinen Fall. Der Gedanke daran, meine Freunde gesammelt hier einmarschieren zu lassen mit ihrer alkoholbedingten Schusseligkeit und ihren “Darf ich aus dem Fenster rauchen?”-Bedürfnissen bereitete mir großes Unbehagen. Bei denen, die meine lahmen Ausreden zu hören bekamen („noch nicht richtig eingerichtet“, „letzte WG-Party so eskaliert“, „bin doch immer so eine unentspannte Gastgeberin“), hat sicherlich sofort der Spießeralarm geschrillt. Bei mir selbst war es nur so ein leises „Ding“, ein Obacht-Glöckchen, das aber sofort wieder verstummte.

 

Wir fingen an, die Wohnung einzurichten und – hier kommt das Problem – darin zu leben. Plötzlich gab es noch viel mehr, was mir Unbehagen bereitete: Seifenreste im Waschbecken: “Ding!” Schneematsch im Flur: “Ding!” Jemand setzt sich mit einer schwarzen Jeans auf die beige Couch, ohne eine Decke unterzulegen: “Ding, Ding, Ding!”. Mein Obacht-Spießer-Glöckchen wuchs zur Kirchturmglocke. Aber ich ignorierte es immer noch.

Als der neue Esstisch kam, erreichte das Ganze ein neues Level. Groß, mit weißer Tischplatte, glänzend, ohne eine Macke stand er da. Wunderschön und unberührt. “Der sieht aus, als würde er schnell verkratzen”, sagte mein Freund. “Platzdeckchen” war meine Antwort.

“Nee, das geht gar nicht.”

“Na, aber dann haben wir sofort Schrammen auf dem Tisch.”

“Solche Deckchen sind ungefähr das Spießigste, was ich mir vorstellen kann.”

Totschlagargument. Natürlich war der Tisch sofort übersät mit Kratzern und natürlich hielt ich meinem Freund jeden einzelnen vor – und fühlte mich dabei komplett im Recht. Bis Folgendes passierte: Ich liege auf der Couch, Laptop auf dem Schoß, mein Freund kommt rein, fängt an mit mir zu reden, ich sehe ihn aus dem Augenwinkel, richte mich auf und raunze ihn an: “Lehn dich nicht an die Wand, das gibt Flecken!”

In diesem Moment fiel die Alarmglocke vom Kirchturm und mit einem Riesenschlag auf meinen Kopf. Es ist zu spät. Es ist passiert. Ich bin nicht nur erwachsen. Ich bin the worst kind of erwachsen. Ich bin erwachsen und ein Spießer.

Eine Woche schwebte diese Erkenntnis wie eine Comic-Regenwolke über mir. Ich wartete geradezu darauf, dass sich weitere Spießermerkmale an mir zeigten. Dass ich plötzlich Unterschiede zwischen Weinsorten riechen könnte, sich ein Pullover heimlich über meine Schultern legen oder ich kontrollieren würde, ob die Nachbarn ihren Müll richtig trennen.

Aber nichts. Blieb alles aus. Und während ich mich fragte, wie mich ein paar Möbel zur Königin der Kleinbürgerlichkeit hatten werden lassen und dabei die Kratzer auf der Tischplatte anstarrte, wurde mir klar: Sie stören mich gar nicht mehr. Ich finde den Tisch immer noch genauso schön. Besser noch: Sie machen ihn zu meinem Tisch.

 

Und da verstand ich es: Der pingelige Umgang mit den neuen Möbeln und den schönen Wänden hat gar nicht den Spießer in mir hervorgeholt. Ich bin gar nicht erwachsen. Vielmehr bin ich damit überfordert, in der Wohnung einer Erwachsenen zu leben. Noch nie vorher habe ich so viele schöne Dinge besessen. Neue Dinge. Die ich von meinem eigenen Geld gekauft habe. Die nicht, seit mein Papa sie mit mir aus Ikea rausgeschleppt hat, schon viermal umgezogen sind.

 

Das Gefühl, das ich als Spießigkeit interpretiert hatte, war eigentlich Unglaube. Eine unterbewusste Angst, dass es ein Missverständnis war, dass ich mir das leisten konnte. Eine Fehlkalkulation. Als könnte jede Sekunde einer kommen und sagen: „Moment mal, das war nur die Anzahlung. Da fehlen noch die restlichen 80 Prozent. Wie, die haben Sie nicht? Dann müssen wir den Tisch wieder mitnehmen.“

 

Weil alles so ungewohnt neu und schön war, fühlte ich mich, als würde ich in einem Möbelhaus wohnen: Mach bloß nichts kaputt, sonst musst du es zahlen.

 

Jetzt, wo so ganz langsam alles ein bisschen angelebt ist, beginne ich, mich wieder zu entspannen. Die Möbelhausmöbel werden durch Gebrauchsspuren zu meinen Möbeln, die Wände zu meinen Wänden. Und bei denen kommt es auf einen Minifleck hin oder her nicht an. Und ich habe gelernt: Echte Spießigkeit ist sicher das Beste, was einer Einrichtung passieren kann, weil es längstmögliche Lebensdauer garantiert. Aber die Spießer beneide ich wirklich nicht. Denn als würde es nicht genügen, sich ständig von anderen die Pedanterie vorhalten lassen zu müssen – es ist auch einfach sehr, sehr anstrengend, ein Spießer zu sein.

Vielleicht wäre für mich eine Einweihungsfeier inklusive Partyspuren wirklich das Richtige, um endgültig in meiner Wohnung anzukommen. Aber dass mir das jetzt keiner als Einladung versteht! Ich muss da nochmal drüber nachdenken.

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