vegan
Foto: VICUSCHKA / photocase.com / Illustration: Federico Delfrati

Ein Mittwoch in Bamberg, kurz vor der Mittagspause. Auf einigen Tischen stehen schon die Plastikdosen. Kesiah hat ein Brot mit Auberginenaufstrich und einen veganen Müsliriegel dabei. Christina hat sich einen Salat aus Kichererbsen und Tomaten gemacht. Anna knabbert schon seit einigen Minuten an einer Möhre. Wurstbrot wird hier gleich keiner essen. Und auch Käse hat niemand mitgebracht. Kesiah, Christina und Anna studieren Vegan Food Management.

Seit Oktober 2016 gibt es den Studiengang an der Fachhochschule des Mittelstands. Dort werden auch Fächer wie Fashion-, Handwerks- und Immobilien-Management angeboten. Die Schule hat Standorte in ganz Deutschland, einen davon in Bamberg. Das rote Backsteingebäude mit großen gläsernen Fenstern steht am Rande der Stadt. Seit 2013 ist die private Hochschule in dem ehemaligen Grundschulgebäude untergebracht

Drinnen lehnt Markus Keller, 51, lässig am Pult vor der Klasse, die Knöpfe an den Ärmeln seines roten Karohemdes sind offen, sodass sie herumschlingern, wenn er beim Sprechen gestikuliert. Keller ist Dozent für Ernährungslehre und gleichzeitig Leiter des neuen Studiengangs. „Welche gesunden und ungesunden Lebensmittel kennt ihr?“, will er von seinen Studenten wissen. Obst und Gemüse seien gesund, antworten die, ganz im Gegenteil zu Zucker und Weißmehl. Keller wiederum sagt, das könne man so nicht sagen. „Entscheidend ist immer die Menge. Zucker ist nicht per se ungesund“, sagt er. Seine Studenten schreiben fleißig mit. Immerhin bezahlen sie viel Geld für das, was ihnen hier beigebracht wird.

Das Studium ist teuer. Je nach Standort kostet die Ausbildung zwischen 425 und 625 Euro pro Monat. Wer sich auf einen Studienplatz bewirbt, muss durch ein Auswahlverfahren. Gruppenaufgaben, Englischtest, Kompetenzdiagnostik, Vorstellungsgespräch. Kostenpunkt: 150 Euro. Für die Abschlussprüfung am Ende des drei Jahre dauernden Studiums berechnet die Hochschule noch einmal 500 Euro. Im Gegenzug verspricht sie kleine Lerngruppen, individuelle Betreuung und am Ende einen Bachelor of Arts.

Für den Anfang waren 40 Studienplätze vorgesehen – allerdings haben nur sechs Frauen und ein Mann im Wintertrimester begonnen. Trotz der geringen Nachfrage bietet die Hochschule den Studiengang seit dem laufenden Frühjahrstrimester an fünf statt bisher nur drei Standorten an. „Ich bin ein bisschen stolz darauf, dass wir die ersten sind, die das studieren“, sagt die schüchterne Kesiah, 22, mit den langen braunen Haaren und der grauen Strickjacke. „Ich wollte erst Ernährungswissenschaften studieren, hatte als Veganerin aber andere Meinungen und habe dann im Internet diesen Studiengang gefunden und dachte mir, der passt ganz gut.“ Christina, 28, rote Haare, ausgefranzter Hoodie, Brille, Naturholzschmuck, sagt: „Ich denke jetzt auch über die gesundheitlichen Faktoren veganer Ernährung nach. Vorher haben für mich nur die ethischen Faktoren gezählt.“

Vegan zu leben ist keine Voraussetzung - am Standort Köln studiert sogar ein Fleischesser

Christina hat vor dem Studium in der Finanzbranche gearbeitet. „Irgendwann habe ich mein Handeln hinterfragt und mich dazu entschieden, etwas zu tun, das eher mit meinen Zielen übereinstimmt und ich ethisch vertretbar finde“, sagt sie. Die allermeisten ihrer Kommilitonen haben bereits studiert oder gearbeitet, sind Quereinsteiger. Alle eint die Liebe zu Tieren, fast alle leben vegan. Tierethik und -schutz stehen ebenso auf dem Stundenplan wie BWL, Rechnungswesen, Produktmanagement und Ernährungslehre.

„Du wirst immer gefragt, was das ist, und komisch angeschaut. Aber der Studiengang hat Hand und Fuß, ist wissenschaftlich aufgebaut und staatlich anerkannt“, sagt Julia, die als einzige in der Klasse „nur“ Vegetarierin ist. Für die Anderen scheint das kein Problem zu sein. Es ist keine Voraussetzung, vegan zu leben. Am Standort Köln studiert sogar ein Fleischesser. Julia schätzt den engen Kontakt zu Unternehmen und die zwei jeweils sechsmonatigen Praktika, die zum Studium gehören.

Keller fuchtelt mit dem Laserpointer vor dem neuen Smartboard herum, das anstelle einer Tafel an der Wand hängt. Er zeigt auf das Wort „Befindlichkeit“, einer der Faktoren, die beeinflussen, was wir essen. Keller fragt: „Was essen wir, wenn es uns schlecht geht?“ Die Studenten antworten im Chor: „Schokolade.“ Lautes Gelächter.

 

Was sie nach ihrem Studium einmal arbeiten wollen, wissen die meisten Studenten noch nicht. Möglichkeiten gibt es viele: Ernährungsberatung, Einkauf und Vertrieb in der Lebensmittelindustrie, Journalismus oder Public Relations. Keller kann nicht genau sagen, in welche Berufe die Ausbildung seine Studenten führt. „Spitz gesagt bilden wir für Jobs aus, die es so noch nicht gibt“, sagt er.

 

Die Hochschule hat sich für die Einführung des Studiengangs entschieden, um auf die zunehmende Beliebtheit veganer Ernährung zu reagieren. Markus Keller sagt: „Ich bin mir sicher, irgendwann kommen weitere Studiengänge dieser Art in einer anderen Form dazu.“ Die Hochschule des Mittelstands hat sich längst wieder etwas Neues einfallen lassen. Ab Oktober wird in Bamberg der Studiengang Virtual Reality Management angeboten.

 

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