„Manh(a)ttan“ zeichnet den Weg ins Atomzeitalter nach

Und zwar so, dass man das auch noch gerne ansieht.
Von Christina Waechter

Die Serie:

Anfang der 1940er Jahre, irgendwo in der amerikanischen Wüste von New Mexico: Charlie Isaacs, ein junger, brillanter Wissenschaftler ist zusammen mit seiner Frau und dem kleinen Sohn unterwegs in eine Zukunft, von der sie beide wenig mehr wissen, als dass sie irgendetwas mit Forschung und der Regierung zu tun hat. An einem Ort, der eigentlich nicht existiert.

Denn an diesem Ort, der auf keiner Karte der Welt verzeichnet ist, wird am geheimsten Projekt der USA geforscht – so geheim, dass nicht mal der Vizepräsident der Vereinigten Staaten von der Existenz des „Manhattan Projekts“ wissen darf: Der Entwicklung und dem Bau einer Atombombe unter Leitung des deutschstämmigen Physikers Dr. Robert Oppenheimer.

Wobei dieses Wort auf dem Gelände nicht gerne gehört wird, lieber nennt man das Produkt, an dem insgesamt mehr als 150 000 Menschen arbeiteten, „The Gadget“. Charlie erfährt erst an seinem ersten Arbeitstag, worum es sich bei seinem neuen Job handelt – und nachdem er seine aufkeimenden moralischen Zweifel in jeder Menge Bourbon ersoffen hat, beginnt er schnell in der Hierarchie dieses eigenartigen Lagers aufzusteigen, für das man eine Zugangsberechtigung braucht und das sich offiziell nicht mal auf amerikanischem Boden befindet.

Charlies Antagonist ist der nicht weniger begnadete Dr. Frank Winter, der ein eigenes Team von Wissenschaftlern leitet, das einen alternativen Weg zur Herstellung von Plutonium erforscht – immer in Konkurrenz zu anderen Abteilungen, die sehr viel mehr Forschungsgelder und Mitarbeiter zur Verfügung haben. Winter ist ein Idealist und Arbeitstier, der seine Mitarbeiter ebenso triezt wie sich selbst, weil er davon überzeugt ist, dass die Erfindung einer Atombombe nicht nur Hitler stoppen, sondern alle Kriege in der Zukunft verhindern wird.

Charlies Frau Abby hat währenddessen alle Hände voll zu tun, sich an das Leben in der Wüste und hinter einem Stacheldraht zu gewöhnen: Wenn nicht gerade die Erde bebt, weil in unmittelbarer Nähe ein Prototyp zum Explodieren gebracht wurde, muss sie versuchen, Lebensmittel aufzutreiben, mit der wechselhaften Strom- und Wasserversorgung zurechtzukommen, sich in die schwierigen gesellschaftlichen Kreise einzufinden und herauszufinden, warum ihr Mann plötzlich so wahnsinnig viel Sex haben möchte, anstatt sich einfach auch mal mit ihr zu unterhalten.

Eigentlich geht es in der Serie nämlich vor allem darum, wie das zwischenmenschliche Gefüge unter solch erschwerten Bedingungen funktionieren kann: wenn kein Mensch dem anderen vertrauen kann, die Wissenschaftler sich gegen die Agenda der Militärführung zu behaupten versuchen und an einem Projekt gearbeitet wird, das potentiell Millionen Leben vernichten kann. Und was es mit Menschen macht, wenn sie vor ihren nächsten Vertrauten Geheimnisse bewahren müssen.    

Wo findest du die Serie?

Auf Netflix, Amazon, iTunes. Und auf DVD.

Der Zeitaufwand:

Die Serie wurde, trotz großer Kritikerliebe, schon nach der zweiten Staffel wegen miserabler Einschaltquoten auf dem amerikanischen Sender WGN eingestellt. Vielleicht kein Wunder, der Sender ist nämlich eigentlich für Sportübertragungen und endlose Wiederholungen von 90er-Jahre Serien wie „Walker, Texas Ranger“ bekannt. Jede der 23 Folgen dauert fast eine Stunde, du brauchst also trotz der geringen Staffelzahl mehr als ein Wochenende, um dich durch die Serie zu glotzen.

Wo du Zeit sparen kannst:

Das geht in diesem Fall leider nicht. Der Vorspann dauert keine Minute, der Abspann wenig länger. Aber betrachte es mal so: Wenn du die Serie geschaut hast, musst du für die Geschichts-Klausur nicht mehr so viel lernen – du sparst also im übertragenen Sinn alleine durch den Konsum der Serie wertvolle Lebenszeit. Oder so...

Womit kannst du das vor deinem Gewissen rechtfertigen?

In diesem Fall kannst du mit reinstem Gewissen glotzen. Denn „Manh(a)ttan“ verhandelt relativ detailgetreu ein unglaublich wichtiges Kapitel in der jüngsten Geschichte der Menschheit – den Beginn des Atomzeitalters. Und zwar mit einer solchen Liebe zum Detail, wie man sie aus amerikanischen Serien schon kennt und sich auch schon zu sehr daran gewöhnt hat. 

So fühlst du dich danach:

Schlauer, deprimiert, staubig. Und sehr froh, dass dein Job in der Regel nur minimale Geheimhaltung erfordert.

 

Und jetzt?

Lust auf noch mehr Serien, die auf wahrer Geschichte beruhen? Dann könntest du gleich mal mit „Masters of Sex“ weitermachen, eine Serie, in der die (wahre) Geschichte der Sexualforscher William Masters und seiner Kollegin Virginia Johnson erzählt wird, die in den 1950er-Jahren die menschliche Sexualität erforschten. Natürlich bietet sich auch die schon viel zu oft behandelte Serie „Mad Men“ an, die in der New Yorker Werbewelt der 1960er Jahre angesiedelt ist. Oder du schaust dir die britische Hebammen-Serie „Call The Midwive“ an. Wenn es dir die Wüste New Mexicos angetan hat, solltest du die andere große Serie dieses unterschätzten amerikanischen Bundesstaates weitermachen: mit „Breaking Bad“

 

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