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"Girls"? Selbstsüchtig und insgesamt eher anstrengend!

Hilft aber beim Erwachsenwerden.
Von Nadja Schlüter

Die Serie

Vier Freundinnen Mitte Zwanzig stolpern durch ihr Leben in New York: Hannah, Shoshanna, Marnie und Jessa. Hannah steht dabei im Mittelpunkt. Lena Dunham spielt sie. Sie hat die Serie auch geschrieben und einiges an biographischen Elementen einfließen lassen. Hannah ist die klassische Anti-Heldin, immer etwas zu selbstsüchtig, dramatisch und panisch und insgesamt eher anstrengend. Aber natürlich trotzdem irgendwie sympathisch. Ihr Traum ist es, Autorin zu werden. Daran versucht sie sich auf unterschiedlichste Art immer wieder. Marnie (Allison Williams) ist das bildhübsche All-American-Girl, das sich aber ebenfalls von einer Sinnkrise zur nächsten schleppt. Jessa (Jemima Kirke) ist die mysteriöseste der vier. Sie verschwindet immer wieder, hat Probleme mit Alkohol und Drogen und begegnet allem und jedem mit purem Zynismus. Ihre Cousine Shoshanna (Zosia Mamet) ist die Figur, die die größte Entwicklung durchmacht – von der nervigen, wahnsinnig naiven Business-Studentin, die zu viel redet, zur jungen Frau, die am ehesten weiß, was sie will und was sie kann (dabei aber immer noch zu viel redet).

Im Umfeld der Freundinnen spielen neben ihren verschiedenen Elternteilen, mit denen jeder seine ganz eigenen Probleme hat, einige Männerfiguren eine wichtige Rolle. Zum Beispiel der grummelige Café-Besitzer Ray (Alex Karpovsky), der als eine Art Korrektiv für alle Verrücktheiten der anderen fungiert, Hannahs kauzige On-and-off-Beziehung Adam (Adam Driver), ihr erster, jetzt homosexueller Freund Elijah (Andrew Rannells), oder Marnies über-emotionaler Freund Desi (Ebon Moss-Bachrach). 

Das Leitthema der Serie ist schlicht: Erwachsenwerden. Einen Job finden, sich selbst finden, einen Partner oder eine Partnerin finden. Am Job verzweifeln, an sich selbst, an der Beziehung. New York lieben und New York überleben. Klingt banal, ist aber gut erzählt, weil Lena Dunham erzählen kann. Die Figuren sind einem in ihrer Fehlbarkeit wahnsinnig nah, Zeitgeschehen wird subtil, aber überzeugend dargestellt, allzu pathetische Szenen werden geschickt gebrochen. Außerdem ist die Serie immer wieder verdammt witzig und der Soundtrack ist super. Hin und wieder muss man zwar mit den Augen rollen, weil irgendeine der Figuren einen irre nervt – aber das ist okay, weil Hannah auch dauernd mit den Augen rollt.

Wo findest du die Serie?

Staffel 1 bis 4 bei iTunes oder Amazon zum Download (bei Amazon auch auf DVD). Staffel 5 ist gerade erst in den USA gelaufen und startet in Deutschland am 5. Juni auf dem Pay-TV-Sender TNT Comedy.

Der Zeitaufwand

Eine Folge dauert jeweils etwas 25 Minuten und jede Staffel hat zehn Folgen – macht insgesamt etwas mehr als 20 Stunden und ist damit locker an zwei Wochenenden zu schaffen. Wenn man ehrgeizig ist (und weil das Ganze nicht so arg kompliziert ist) auch an einem.

Wo du Zeit sparen kannst

Beim Zeitspar-Klassiker, dem Vorspann, ausnahmsweise Mal nicht. Es gibt nämlich keinen, es wird immer nur ein paar Sekunden der für jede Folge anders gestaltete Schriftzug „GIRLS“ eingeblendet. Dafür könnte man den Abspann skippen, weil sie sich da immer Zeit für ein ganzes Lied lassen. Aber wie schon gesagt: Der Soundtrack ist super und man hört sich den jeweiligen Schluss-Song meistens ganz gerne an, weil er die Stimmung der Folge so schön zusammenfasst und weiterträgt.

Womit kannst du das vor deinem Gewissen rechtfertigen?

Das wäre 2012, zum Start der ersten Staffel, noch etwas einfacher gewesen als heute. Denn damals galt "Girls" als einiges auf einmal: als das beste Porträt der Generation Y, als bester Gegenentwurf zu New-York-Frauen-Serien wie "Sex and the City" (weil so viel authentischer), als provokant und feministisch. Das hatte auch mit dem Hype um Lena Dunham zu tun, die mit der Serie ihren Durchbruch hatte und mit ihrem nicht dem Schönheitsideal entsprechenden Körper, den sie in vielen (oft absichtlich unerträglichen) Sexszenen nackt und unvorteilhaft zeigt, neue Maßstäbe setzte.

Mittlerweile (nach zwei Golden Globes und vor allem nach Dunhams Buch "Not That Kind Of Girl") sind der Dunham- und der "Girls"-Hype ein bisschen abgeklungen. Aber man kann schon immer noch sagen: Wenn man Mittzwanziger in der Großstadt verstehen will, sollte man diese Serie schauen. Und wenn man selbst ein Mittzwanziger in der Großstadt ist, hilft sie einem dabei, sich selbst ein bisschen besser zu verstehen. Plus: guter Humor. Geht als Argument ja immer.

So fühlst du dich am Tag danach

Schrecklich einsam, aber irgendwie auch total verstanden.

Und jetzt?

Kann man sich mit Lena Dunhams Frühwerk beschäftigen und zum Beispiel ihren hochgelobten Film "Tiny Furniture" (mit einigen Schauspielern, die dann später auch in Girls mitwirkten) anschauen. Oder mit ihrem (bisherigen) Spätwerk und ihre Autobiographie "Not That Kind Of Girl" lesen, weil einem dann sehr schnell klar wird, welche Teile der Serie von ihrem Leben inspiriert sind. 

Wenn man noch länger in dem Gefühl schwelgen will, das Girls bei einem auslöst: Ein Film, der vom Erzählstil und vor allem den Charakteren her sehr an Girls erinnert ist Noah Baumbachs "Frances Ha" mit der tollen Greta Gerwig und Adam Driver. Die Protagonistin Frances ist ähnlich nervig, plumb und liebenswert wie Hannah, lebt ebenfalls in Brooklyn und sucht ebenfalls nach dem richtigen Weg und den richtigen Freunden. 

Und wer lieber lustige Sitcoms mit unperfekten bis durchgeknallten jungen Frauen wie denen aus Girls sehen mag, dem seien diese beiden empfohlen: "New Girl" – Grundschullehrerin und Fettnäpfchenkönigin Jess (Zooey Deschanel) und das Leben in ihrer WG in Los Angeles – und "Broad City" – zwei New Yorkerinnen Mitte Zwanzig (Ilana Waxler und Abbi Abrams) und alles, was dazugehört (Sex, Drogen, kein Bock auf nix, aber trotzdem irgendwie überleben müssen), in eins übertriebener als man das im Fernsehen gewohnt ist (was vermutlich damit zu tun hat, dass das Ganze aus einer Webserie entstanden ist).

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