"Black-ish" schert sich nicht um Political Correctness

Und genau deshalb wird dich die unerschrockene Sitcom sehr glücklich machen.
Von Nadja Schlüter

Die Johnsons: keine Familie, die zufällig schwarz ist, sondern eine schwarze Familie

Foto: abc; Collage: Katharina Bitzl

Die Serie:

„Black-ish“ kriegt einen spätestens mit der Weihnachts-Folge. Wenn Andre der erste schwarze Weihnachtsmann seiner Firma werden will, aber sein Chef – noch politisch korrekter als gefordert – eine Latina zum Weihnachtsmann ernennt. Andre erklärt daraufhin empört, warum der traditionell weiße Weihnachtsmann als nächstes bitte schwarz zu sein hat: Weil man halt die Reihenfolge einhalten müsse, in der Minderheiten zum Zug kommen! Und in Amerika sei die eben – egal, ob bei Präsidenten oder Weihnachtsmännern – Afroamerikaner, Latinos, Homosexuelle! Das ist so witzig und auf eine so unbeschwerte Art politisch inkorrekt, dass es einen ganz glücklich macht.

"Black-ish" ist ansonsten eine Familien-Sitcom, in der es – klar – viel um Familienkram geht. Aber es ist eben auch eine afroamerikanische Familien-Sitcom, in der es sehr viel um verschiedene Spielarten von Rassismus und um das „Schwarzsein“ an sich geht. Der Vater und Erzähler, Andre „Dre“ Johnson (Anthony Anderson), arbeitet erfolgreich in einer großen Werbeagentur, hat mehrere große Autos und ein großes Haus in einer „white neighborhood“ (also in einer mehrheitlich weißen, wohlhabenden Vorstadt von L.A.), in dem er mit seiner Frau, der Ärztin Rainbow Johnson (Tracee Ellis Ross), seine vier Kinder großzieht. Und seinen grantigen Vater durchfüttert. Dre kommt aus Compton, einem berüchtigten Vorort von L.A., den man eher mit Kriminalität und Gangsta Rap ("Straight Outta Compton") verbindet als mit dem Vorstadtidyll, in dem er jetzt lebt. Darum treibt ihn auch die Sorge um, seine Kinder könnten, verwöhnt und privilegiert wie sie sind, die Verbindung zu ihren Wurzeln verlieren. Das will er natürlich verhindern.

„I’m going to need my family to be black, not black-ish!“, sagt Dre in der ersten Folge – und gibt damit das Programm der Serie vor. Ständig werden Dinge verhandelt, die irgendwie mit „Ethnie“, „Herkunft“ und „Kultur“ zu tun haben: Mal muss Dres reicher (weißer) Kunde von der „Realness“ der schwarzen Vorstadtfamilie überzeugt werden; mal gilt Rainbow als „nicht richtig schwarz“, weil sie einen weißen Vater hat; mal will Andre Junior konvertieren und eine Bar Mizwa feiern; mal treiben die sechsjährigen Zwillinge ihren Vater in den Wahnsinn, weil sie Vanilla Ice und Sarah Palin als ihre amerikanischen Helden feiern. Und immer so weiter. Und dabei humormäßig immer eins drüber und ziemlich unerschrocken.

Wo findest du die Serie?

Bei iTunes und Amazon Video. Die erste Staffel auch auf DVD.

Der Zeitaufwand:

Bisher gibt es zwei Staffeln mit insgesamt 48 Folgen à etwa 20 Minuten. Macht 960 Minuten, also 16 Stunden, macht ein Binge-Watching-Wochenende.

Wo du Zeit sparen kannst:

Nirgends und überall. Weil es zum einen keinen Vorspann gibt, den man skippen könnte – zum anderen aber Sitcom-typisch auch keine fortlaufende Handlung und man die Charaktere und Running Gags nach einer Folge schon alle kennt. Man kann also so viele Folgen weglassen, wie man will. Weniger gut sind vor allem die, in denen es um die Rollenverteilung in der Ehe und „Männlichkeit“ geht (in Staffel 1 zum Beispiel Folge 11 und 13).

Womit kannst du das vor deinem Gewissen rechtfertigen?

 

Aktualität und Relevanz. In Amerika reden sie gerade (mit Obama als erstem schwarzen Präsidenten und im Zuge der Trump-Kandidatur) extrem viel über Political Correctness, soziales Gefälle, Minderheiten und Diskriminierung. Und weil eine gute Sitcom ja immer laufende gesellschaftliche Prozesse spiegelt, ist Black-ish sehr aktuell. Man darf außerdem annehmen, dass die Serie recht authentisch wiedergibt, welche Themen, Klischees und Probleme eine afroamerikanische Aufsteigerfamilie so beschäftigen (natürlich in überspitzter Form). Denn Kenya Barris, der Black-ish-Erfinder, hat sich sehr stark von seinem eigenen Leben inspirieren lassen (sogar seine echte Ehefrau heißt Rainbow und ist Ärztin).

 

In den USA wurde die Serie „kontrovers“ genannt und allein über den Titel (der schwer zu übersetzen ist, am ehesten noch mit „irgendwie schwarz“) gab es Diskussionen. Mit der 16. Folge der zweiten Staffel schaffte es "Black-ish" dann endgültig in die US-Medien: Da gab es wenig Witze, dafür einen erschossenen schwarzen Teenager und ernsthafte Familiengespräche über Rassismus und Polizeigewalt. Rainbow will ihre Kinder vor diesen Themen schützen, sie will nicht, dass sie in einer Welt ohne Hoffnung aufwachsen – aber dann erinnert Dre sie an Obamas Amtseinführung und ihre Angst vor einem Attentat: „Tell me you weren’t worried that someone was gonna snatch that hope away from us like they always do. That is the real world, ‘Bow. And our children need to know that that’s the world they live in.” 

So fühlst du dich nach der Serie:

 

Wie immer nach Comedy-Familien-Serien: Du willst nicht, dass es aufhört! Du hast dich doch gerade so geborgen gefühlt! Du möchtest der Familie (mit ihren so wunderbar berechenbaren Mitgliedern) für immer bei ihrem Leben zuschauen und mit ihnen zu Abend essen!

 

Und danach?

 

Kann man sich zum Beispiel mit der Geschichte der „Black Sitcom“ beschäftigen (hier gibt es eine gute Liste, welche man sich anschauen könnte). Am bekanntesten sind in Deutschland wohl „Die Bill Cosby Show“, „Alle unter einem Dach“ und „Der Prinz von Bel Air“. Vor allem mit der Cosby Show wird Black-ish oft verglichen, weil man bei diesem Vergleich gut erkennen kann, wie sich die popkulturelle Darstellung von afroamerikanischen Familien verändert hat. Die Cosbys haben nämlich nie darüber gesprochen, dass sie schwarz sind – in Black-ish ist das der Kern der Serie. In einem Interview hat Kenya Barris das so zusammengefasst: „The Cosby Show was about a family that happened to be black. I wanted to do a show about a family that is absolutely black.“

 

Und wer danach gerne noch eine aktuellere Serie sehen möchte, die gut passt, dem sei „Master of None“ empfohlen: Dev (Aziz Ansari), Sohn indischer Einwanderer, lebt in New York und versucht dort, als Schauspieler zu überleben und eine Freundin zu finden. Außerdem geht es aber auch viel um Herkunft und um Alltagsrassismus, den Dev und sein (multiethnischer) Freundeskreis erleben. 

 

 

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