„Die Öffentlichkeit nimmt Kultur nicht ernst“

Als Veranstaltungstechniker arbeitete Elies für Rammstein und Udo Lindenberg. Im Februar hatte er wegen der Coronakrise seinen bislang letzten Auftrag.
Interview von Marcel Laskus
interview veranstaltungstechniker cover

Foto: Privat

Anders als einige Branchen konnte die Veranstaltungswirtschaft auch im Sommer ihre Arbeit nicht wieder aufnehmen, denn die meisten Events, Konzerte und Festivals blieben verboten. Für die Menschen, die in der Branche arbeiten, ist das fatal. Mit der Kampagne „#AlarmstufeRot“ wollen nun Künstler*innen auf die prekäre Lage der Branche aufmerksam machen, darunter die Comedians Hazel Brugger, Caroline Kebekus und Felix Lobrecht. Einer, der sich ebenfalls beteiligt, ist Elies Andy Butz. Der 27-Jährige arbeitet seit sechs Jahren als Veranstaltungstechniker, seit einem Jahr ist er selbstständig. Seit Februar hat er keinen Auftrag mehr ausführen können.

jetzt: Was machst du jetzt, da du nicht mehr als Veranstaltungstechniker arbeiten kannst?

Elies: Ich arbeite auf Baustellen und baue Gerüste auf. Für den Winter habe ich mir einen Kredit geholt und mache Weiterbildungen. Ich vermisse meine tägliche Arbeit, die Konzerte, die Menschen, aber da muss man durch. 

Wie lief das Geschäft vor der Pandemie?

Sehr, sehr gut. Ich war tätig im Messebau, bei Veranstaltungen, habe Bühnen aufgebaut, für Events jeglicher Art. Ich bin erst seit gut einem Jahr selbstständig. Aber nach nur wenigen Monaten hatte ich viele Kunden. Die Branche lebt von Vitamin B. Und davon hatte ich einiges. Ich war Roadie für Rammstein, Spotlight-Fahrer für Udo Lindenberg. Mit der 187 Strassenbande habe ich Bier getrunken. Ich hatte jede Woche drei, vier Aufträge, konnte mich nicht beschweren. Ab Februar war das vorbei. 

„Normalerweise wäre ich im Sommer für viereinhalb Monate nach Japan geflogen“

Was wären deine Pläne für dieses Jahr gewesen?

Normalerweise wäre ich im Sommer für viereinhalb Monate nach Japan geflogen und hätte dort bei den Olympischen Spielen als Rigger gearbeitet. Das heißt: Ich hätte die Kabel für das Broadcasting für die TV-Übertragung installiert und betreut. Das wären 30 000 Euro gewesen, die ich in der Zeit verdient hätte.

Und jetzt?

Ich bin dünner geworden, ich mache mehr Sport, bin mehr wandern gegangen. Ich habe viel reflektiert und hatte mehr Zeit für mich.

Klingt gar nicht so übel.

Was hätte ich auch machen sollen? Ich hätte schiefe Miene aufsetzen können. Aber man muss sich an die Situation anpassen, sonst geht man unter.

In deinem Video für die Initiative „#AlarmstufeRot“ sagst du sogar: „Ich gehe zugrunde“. 

Das meine ich ernst. Die Hilfsprogramme der Regierung gelten nicht für Soloselbstständige wie mich. Wir können darauf nicht zugreifen, weil wir keine Betriebsausgaben haben. Wir haben kein Lager, keine Mitarbeiter, wir können nur uns als Arbeitskraft anbieten. Dafür gibt es aber keine ausreichende Unterstützung oder Geld. Meine Rücklagen aus der Zeit vor der Corona-Pandemie sind bald aufgebraucht. Ich habe entschieden: Dann gehe ich eben auf die Baustelle und mache mir den Rücken kaputt. Dort arbeite ich nicht so viel wie vorher und verdiene deutlich weniger. 

Es gab auch Soforthilfen für Selbstständige wie dich. 

Einmal habe ich vom Land Bremen 3000 Euro bekommen, das war im März. Es hat mir sehr geholfen, aber nur für drei Monate. Seitdem habe ich nichts mehr bekommen. Nur: Mit meinem Job, der Veranstaltungstechnik, habe ich seit Februar keinen einzigen Cent mehr verdient.

Man könnte sagen, es gehört zu eurem Geschäft, Lärm zu machen, Bühnen aufzubauen und für Aufmerksamkeit zu sorgen. Warum klappt das ausgerechnet dann nicht, wenn es um eure eigenen Interessen geht?

Wir haben doch Lärm gemacht! Das hat man bei den Demonstrationen gesehen, zum Beispiel vergangene Woche in Berlin und auch in den Wochen zuvor. Das Problem ist: Die Öffentlichkeit nimmt Kultur nicht ernst. Sie denkt bei der Veranstaltungsbranche an bekannte Sänger und Gitarristen, denen es gut geht. Die denken: Die haben doch Geld! Diese bekannten Leute werden das überleben, schon klar, die haben das Problem nicht. Den riesigen Apparat dahinter vergisst die Öffentlichkeit aber oft.

Wer gehört zu diesem Apparat?

Da sind so viele. Die Künstler, Broadcasting-Mitarbeiter, Securities, Putzkräfte, Caterer, Maskenbildner, Roadies, Ticketverkäufer, Vermieter von Konzerthallen, Clubhallen-Besitzer, DJs, Designer, Architekten für das Bühnenbild, Techniker, Moderatoren, Personaldienstleister, Logistiker und einige mehr.

Woran liegt es, dass diese oft übersehen werden?

Unsere Branche hat keine Priorität. Die Prioritäten der Krise sind Medizin, Versorgung mit Lebensmitteln, Kinderbetreuung, Schulen. Wenn man Kultur hört, sagen viele: „Das ist doch kein notwendiges Gut! Das braucht man ja nicht unbedingt!“ Das sehen wir natürlich anders. Denn es bekommen ja auch andere Branchen Geld, zum Beispiel die Reiseindustrie, etwa im Fall von TUI und der Lufthansa. 

„Alle werden sich unterbieten, weil jeder Aufträge braucht“

Unsicherheit gehört zur Branche. Events wurden auch schon vor Corona verschoben und abgesagt. Wart ihr zu naiv?

Nein. Die Veranstaltungsbranche ist der sechstgrößte Wirtschaftssektor des Landes, es arbeiten Hunderttausende Menschen in der Branche. Wir haben genug Nachfrage in normalen Zeiten. Dass so etwas passiert wie Corona, kann man nicht wissen. 

Wie ist die Stimmung in deinem Umfeld?

Ich kenne einige, die aufgegeben haben. Ein Kollege war vorher soloselbständig in Bremen, wie ich. Seine Firma existierte mehr als zehn Jahre, nun musste er alles verkaufen, ein ganzes Lager voller Material. Er hat keine adäquate Hilfe bekommen. Nun ist er angestellt als Handwerker. 

Wie wird sich die Branche nach der Krise verändert haben?

Einige werden überleben, irgendwie. Aber jeder in der Branche wird händeringend nach Arbeit suchen, sobald es wieder los geht. Das wird zu einem mächtigen Preiskampf führen bei den Technikern, bei den Arbeitern, bei den Roadies. Alle werden sich unterbieten, weil jeder Aufträge braucht. Das wird auch die Stundenlöhne nach unten treiben. Aus einem 40-Euro-Stundenlohn wird dann schnell mal ein 20-Euro-Stundenlohn.

Was braucht es jetzt?

Wir fordern ein Unternehmergehalt von mindestens 2500 Euro im Monat. Das klingt für einige erstmal nach viel Geld. Aber wir haben Fixkosten von rund 1000 Euro – und da ist die Miete noch nicht dabei. Ich habe dazu sechs laufende Versicherungen, die ich für meinen Job brauche. Allein die private Krankenversicherung kostet mehrere hundert Euro. Ohne Unterstützung wird es für viele nicht mehr lange weitergehen. 

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