Junge Männer in fremden Kriegen

Illustration: Aliaa Abou Khaddour

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„Wir wollten in der Ukraine gegen die Russen kämpfen für das, was sie meinem Volk angetan haben“, erzählt Imran* entschlossen. „Außerdem ist in den Medien eh alles fake und wir wollten selber sehen, wie es dort wirklich ausschaut.“ Imran ist Anfang 20, lebt schon sein Leben lang in Wien und stammt ursprünglich aus Tschetschenien. Gemeinsam mit einem Freund setzte er sich kurz nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine ins Auto und fuhr zur ungarisch-ukrainischen Grenze. Die beiden hatten keine Ausrüstung dabei und keinen konkreten Plan, wie sie ihr Vorhaben angehen sollten. Den Eltern hatten sie von ihrer Reise nicht erzählt. Bloß eine Jogginghose und ein paar Snacks hatten sie mit im Gepäck. Mehr war laut Imrans Einschätzung auch nicht notwendig: „Wir sind eh mit dem Wissen oder eben der Vorstellung hingefahren, dass wir dort früher oder später sterben“, sagt er emotionslos. „Ich dachte mir, wenn wir bei der Grenze ankommen, werden uns die Grenzsoldaten an jemanden vermitteln, der uns dann alles zeigt, uns Ausrüstung gibt und uns trainiert.“ Doch die Vorstellung der jungen Männer, mit offenen Armen in der Ukraine empfangen zu werden, wurde schnell zunichte gemacht.

„Wir haben keine Zeit, um Anfänger einzuschulen!“

Imran und sein Freund wollten als sogenannte „Foreign Fighters“ in der Ukraine gegen Russland kämpfen. Foreign Fighters, also internationale Söldner, sind Freiwillige, die für ein anderes Land in den Krieg ziehen – ergo nicht die Staatsbürgerschaft dieses Landes besitzen. Laut Angaben der ukrainischen Regierung zählt die Ende Februar aufgestellte internationale Legion der Territorialverteidigung der Ukraine etwa 20 000 Mitglieder, wobei sich die Angaben nicht genau überprüfen lassen. Laut BMEIA haben sich eine „handvoll Österreicher:innen hinsichtlich einer möglichen Beteiligung an Kampfhandlungen in der Ukraine gemeldet“. 

Diese Personen wurden dann laut dem Außenministerium ausdrücklich darauf hingewiesen, dass ihnen die Staatsbürgerschaft entzogen werden kann, sollten sie sich den Kampfhandlungen der ukrainischen Armee anschließen. „Dies gilt auch für österreichische Staatsbürger:innen, die freiwillig für eine organisierte bewaffnete Gruppe aktiv an Kampfhandlungen im Ausland im Rahmen eines bewaffneten Konfliktes teilnehmen, wenn sie dadurch nicht staatenlos werden“ heißt es. Laut offiziellen Angaben kämpfen gerade keine österreichischen Staatsbürger:innen in der Ukraine – aber das BMEIA hat keine Informationen darüber, was die kampfwilligen Österreicher:innen getan haben, nachdem sie abgewiesen worden waren. Der Verteidigungs-Attaché der Ukraine in Österreich gibt keine Angaben zu der Anzahl an Anfragen weiter. „Wir arbeiten nicht mit Legionären“, heißt es am Telefon. 

Keine Kampferfahrung, keine Chance

Doch wie sieht es auf internationaler Ebene aus? Auf der Seite fightforua.org, die vom ukrainischen Außenministerium geführt wird, finden Interessierte die nötigen Infos. „Join the Brave! Join the Legion and help us defend Ukraine, Europe and the whole world!“, liest man dort. Hier werden auch Informationen zum Aufnahmeprozess sowie Kontakt-Telefonnummern für 60 Länder angeführt, darunter auch eine für Österreich. Ich bitte einen Freund darum, dort anzurufen. Natürlich nicht unter seinem echten Namen. Er wählt die Nummer, nach längerer Zeit hebt jemand ab. Er gibt sich als der 27-jährige Kristjan aus, der als österreichischer Staatsbürger für die Ukraine kämpfen will. Die Stimme am Telefon nuschelt etwas auf Ukrainisch, dann wird er gefragt, ob er denn Kampferfahrung hat. „Nein, aber ich möchte kämpfen und dem ukrainischen Volk helfen“, sagt ‚Kristjan‘. „Wir brauchen nur Menschen mit viel Erfahrung, wie ehemalige Soldaten. Wir haben keine Zeit, um militärische Anfänger einzuschulen“, bekommt er zu hören. „Ich spreche mehrere Sprachen und kann schnell laufen“, versucht ‚Kristjan‘ es weiter. „Wir haben keine Verwendung dafür, aber danke für die Unterstützung. Ich schreibe mir Ihre Nummer auf und wir werden Sie anrufen, wenn wir Verwendung für Sie haben.“ 

Der 19-jährige Belarusse Nikita dagegen hat die Anforderungen erfüllt. Er ist gerade an der ukrainischen Front. Er ist Boxer, hat Kampferfahrung und will für die Freiheit und Unabhängigkeit der Ukraine kämpfen. Der Großteil seiner Familie hat den Kontakt zu ihm abgebrochen und ihn als Nazi bezeichnet, als er sich der ukrainischen Fremdenlegion anschloss. Wie genau der Aufnahmeprozess aussah und ob er bezahlt wird, darf und will er nicht verraten. Auf Instagram posiert er in seiner Uniform, an der die ukrainische und die weiß-rot-weiße belarussische Flagge angenäht sind. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 war die weiß-rot-weiße Flagge zur Nationalflagge von Belarus erwählt worden. Die offiziell anerkannte Flagge des Landes heute ist rot-grün. Der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko hatte diese 1995 eingeführt, als Symbol der Erinnerung an die Sowjetunion. Die Flagge, die Nikita trägt, symbolisiert ein „Belarus ohne Lukaschenko“. Der Kontakt zu Nikita hält einige Tage an, dann  antwortet er nicht mehr und teilt auch nichts mehr auf seinem Profil. Bis Redaktionsschluss bleibt unklar, was mit ihm passiert ist. 

Als Russe für die Ukraine kämpfen

Jan* ist Russe und befindet sich gerade östlich von Kiew – auch er kämpft für die ukrainische Seite. Aufgrund politischer Repressionen und seiner regimekritischen politischen Aktivitäten in Russland zog er vor vier Jahren in die Ukraine und meldete sich direkt nach Kriegsausbruch bei der ukrainischen Armee. „Es war auf jeden Fall eine politisch motivierte Entscheidung“, sagt er am Telefon. Jan hat Kampferfahrung – so kämpfte er 2015 für das berüchtigte Azov-Bataillon. Das Azov-Regiment ist dem ukrainischen Innenministerium untergestellt und stark umstritten: Die Einheit gilt aufgrund rechtsextremer Positionen vieler Mitglieder und deren Symboliken als ultranationalistisch. So wird Azov ein Neonazi-Image nachgesagt. Als ich ihn darauf anspreche, meint Jan: „Es sind ganz sicher welche dabei. Aber jetzt verteidigt Azov Mariupol und wird hier deshalb von der Bevölkerung respektiert.“ Jan hatte sich geweigert, den Militärdienst in Russland anzutreten. In seinem Bataillon wissen alle, dass er Russe ist, er versteckt es auch nicht. „Es gab bisher nie Probleme damit, nach Außen erzählt mein Kommandant aber zur Sicherheit, dass ich Belarusse bin“, so Jan. „Ich selbst schieße nicht, wir erkunden eher mit Drohnen die Frontregion und sichern diese, oder helfen den Flüchtenden in die humanitären Korridore.“

Der 30-Jährige hat seiner Familie in Russland erzählt, er würde in der Ukraine humanitäre Hilfe leisten und in einer Suppenküche aushelfen. „Sonst könnte meine Familie drüben echt Probleme kriegen.“ Nach Russland wird er nicht mehr zurück können, das weiß er. Jan hat bei der ukrainischen Armee einen Vertrag unterschrieben. Es hatte bürokratische Hürden gegeben, aber durch einen befreundeten Kommandanten war es für ihn möglich, sich der Armee anzuschließen. „Am Anfang wurde alle genommen, die sich bei der Territorialverteidigung gemeldet haben, aber dann wurde relativ schnell klar: Es werden solche mit Kampferfahrung bevorzugt.“ Jan kann verstehen, wieso man aus einer politischen oder emotionalen Motivation heraus auch als Ausländer für die Ukraine kämpfen will. „Aber wenn du 19 Jahre alt bist und noch nie irgendwo gekämpft hast, ist es wahrscheinlich nicht die beste Idee.“

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Illustration: Aliaa Abou Khaddour

 Imran hat im Gegensatz zu Jan und Nikita keine militärische Erfahrung, den Grundwehrdienst beim Bundesheer hat er nicht gemacht, da er wegen einer Verletzung an seinem Arm als untauglich eingestuft worden war. „Aber ich kenne mich mit Waffen eh aus. AK schießen kann ich“, erzählt er selbstbewusst. Er hatte einige Tage zuvor auf Social Media einen Aufruf gesehen, dass man aus aller Welt in die Ukraine kämpfen kommen könne. Kontaktpersonen hatten er und sein Freund dort keine. Während auf der einen Seite des Grenzübergangs eine lange Autokolonne aus der Ukraine nach Ungarn stand und unzählige Menschen es aus dem Land schaffen wollten, wollten Imran und sein Freund hinein.

„Wenn du unbedingt sterben willst, dann nicht so sinnlos!“

Zuerst erklärten sie den Grenzbeamten, dass sie dringend ein Auto in der Ukraine abholen müssten, das kauften ihnen die Beamten aber nicht ab. Sie dürften es schon geahnt haben. Als sie zugaben, warum sie eigentlich da waren, las einer der Grenzsoldaten ihnen auf Russisch die Leviten: „Du bist so jung, du hast so ein gutes Leben in Österreich. Du weißt gar nicht, wie gut du es hast. Bitte, Jungs, fahrt wieder nach Hause. Krieg ist nie gut, wir lassen euch hier nicht durch.“ Er ließ nicht mit sich diskutieren. „Wenn du unbedingt sterben willst, dann nicht so sinnlos.“ Das waren seine abschließenden Worte, danach mussten die Jungs wieder umkehren, so erzählt es Imran.

„Wir hatten uns das halt anders vorgestellt“, gibt er zu. Als ich ihn frage, ob ihm klar ist, dass dieser Mann ihm womöglich sein Leben gerettet hat, winkt er ab: „Na und?“ Imran hat eine Lehre zum Installateur gemacht, ist derzeit arbeitslos. Pläne für die Zukunft hat er nicht wirklich. Wie Imran sich sein Leben in zehn Jahren vorstellt? „Ich sag’s dir ehrlich: In zehn Jahren bin ich wahrscheinlich tot.“ Ich kläre ihn darüber auf, dass, selbst wenn er überleben sollte, ein Verfahren über den Entzug der Staatsbürgerschaft eingeleitet werden wird, sobald er für die Ukraine kämpft. Auch das scheint ihn nicht sonderlich zu beeindrucken, hingegen gibt er mir seine Bedenken mit auf den Weg: „Weißt du, das ist ja immer dasselbe: Wenn Muslime sterben, interessiert es keinen. Schau dir mal die anderen Kriege an: Palästina, die beiden Tschetschenienkriege und so.“

Er zeigt sich verärgert über die Doppelmoral beim Umgang mit Geflüchteten in Europa. „Wenn eine muslimische Frau mit ihren Kindern irgendwo an einer Grenze stirbt, kümmert es niemanden. Aber sobald es Österreicher sind, oder eben europäische Leute, finden es alle auf einmal arg und schlimm. Ich habe ja die österreichische Staatsbürgerschaft, vielleicht hätte es dann jemanden interessiert, wenn ich hingegangen wäre“, resümiert er. 

Auch der 29-jährige Texaner Jordan wollte sich der ukrainischen Fremdenlegion anschließen. Jordan, der früher bei dem „United States Marine Corps“ als Soldat tätig war, wollte in die Ukraine, da er „nicht zusehen kann, wie so viele Ungerechtigkeiten passieren – vor allem der Zivilbevölkerung gegenüber“. Jordan wurde allerdings schon von der ukrainischen Botschaft in Texas abgelehnt, da er sich eine Verletzung zugezogen hatte. Wo und wie, will er nicht preisgeben. Er möchte sich jetzt allerdings auf den Weg nach Kharkiv machen, um dort humanitäre Hilfe zu leisten. Angst davor, dort zu sterben, habe er nicht, sagt er.

Der 19-jährige Sebastian, Soldat in der polnischen Armee, sieht das anders. Er ist gerade vier Kilometer vor der ukrainischen Grenze stationiert. Am Telefon erzählt er, dass er nicht nachvollziehen kann, wie man sich jetzt freiwillig in die Ukraine begeben kann. „Schau, wir machen hier unseren Job. Wir haben unsere Wachposten, wir sind hier. Aber wir hören schon immer wieder Explosionen auf der anderen Seite, also bei den Ukrainern. Das ist nicht so ohne.“ Eigentlich dürfe er mir ja nichts erzählen, da er eine Geheimhaltungsklausel unterschrieben habe, öffentlich würde er das auch nicht sagen, da er vor den anderen Soldaten „nicht als Weichei dastehen“ wolle. Aber er will etwas loswerden: „Wir haben uns am Anfang auch gedacht, dass das ja ganz spannend wird, eine Art Abenteuer. Aber mit jedem Tag haben wir weniger Lust, hier zu sein. Ich wäre so viel lieber bei meiner Familie, bei meiner Freundin. Es gehen so viele Menschenleben drauf, und wofür?“, fragt er nachdenklich. Ob er mit der Zeit nicht abstumpfen würde? „Eher umgekehrt. Aber was weiß ich schon: Wir sind hier ja in Sicherheit. Diese Jungs sind dann einfach Kanonenfutter. Sie meinen es gut, aber Helden sind das keine. Im Endeffekt interessiert sich keiner für dich, wenn du irgendwo in einem Krieg stirbst.“

 

*Namen von der Redaktion geändert

*Unsere Redaktion kooperiert mit biber  –  was wir bei JETZT ziemlich leiwand finden. Als einziges österreichisches Magazin berichtet biber direkt aus der multiethnischen Community heraus – und zeigt damit jene unbekannten, spannenden und scharfen Facetten Wiens, die bisher in keiner deutschsprachigen Zeitschrift zu sehen waren. biber lobt, attackiert, kritisiert, thematisiert. Denn biber ist "mit scharf". Für  ihre Leserinnen und Leser ist biber nicht nur ein Nagetier. Es bedeutet auf türkisch "Pfefferoni" und auf serbokroatisch "Pfeffer" und hat so in allen Sprachen ihres Zielpublikums eine Bedeutung.

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